Gefahren Mercedes EQB – der Familienfreund unter den Stromern

Autor Jan Rosenow

Mercedes-Benz weitet sein Angebot an batterieelektrischen Fahrzeugen aus. Neu im Programm ist der EQB – laut Hersteller das bislang einzige siebensitzige Elektroauto in der Kompaktklasse. »kfz-betrieb« ist es schon gefahren.

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Der EQB ist die batterieelektrische Variante des Familien-SUVs GLB.
Der EQB ist die batterieelektrische Variante des Familien-SUVs GLB.
(Bild: Rosenow/»kfz-betrieb«)

Es ist immer wieder interessant, zu beobachten, wie die Autohersteller ihre Elektrofahrzeuge in die Modellpalette einordnen. Da gibt es manche, für die ist der Elektromotor nur eine unter mehreren Antriebsvarianten eines normalen Modells – so wie bei Peugeot/Citroën/Opel. Das andere Extrem markiert beispielsweise Volkswagen, der mit der ID-Baureihe eine komplett eigenständige Modellfamilie elektrisch angetriebener Fahrzeuge auf den Markt bringt.

Und Mercedes-Benz? Konnte sich nicht zwischen diesen beiden Möglichkeiten entscheiden und wählte die goldene Mitte. So basiert das Modell EQA auf dem Kompaktvan GLA, bekommt aber einen eigenen Modellnamen und – zumindest an der Front – auch eine deutlich abweichende Formgestaltung. Diesem Weg folgt der Stuttgarter Konzern nun auch beim neuen EQB. Er basiert auf dem SUV-artig gestalteten, innen aber betont variablen und geräumigen GLB.

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Mercedes weist darauf hin, dass es sich beim EQB um das derzeit einzige siebensitzige Elektroauto in der Kompaktklasse handelt. Das könnte bei Familien mit mehr als drei Kindern durchaus Kaufgelüste auslösen. Ob das auch dem neu gestalteten Design im EQ-Stil gelingt? Klar, dass ein Elektroauto möglichst strömungsgünstig gestaltet sein sollte: Aber die „rundgelutschte“ Front passt nach unserer Meinung schlecht zum betont aufrecht und kantig gestalteten Rest der Kabine. Doch das ist sicher Geschmackssache.

Viel wichtiger dürfte den meisten Interessenten das Platzangebot im Innenraum sein. Das kann sich zwar durchaus sehen lassen, ist aber angesichts der Außenmaße des EQB (Länge: 4,68 Meter) auch nicht sensationell. Ein Phänomen, das bereits den kleinere EQA prägt, lässt sich auch beim EQB beobachten. Durch die nachträgliche Implantation des Batteriepakets ist der Abstand zwischen Boden und Sitzfläche recht gering. Erwachsene Fondpassagiere sitzen deshalb mit stark angewinkelten Beinen; auch mit der Kopffreiheit ist es angesichts einer Fahrzeughöhe von 1,70 Metern nicht weit her. Als Langstrecken-Reiseauto für vier Erwachsene gibt es im Mercedes-Programm geeignetere Modelle. Und die beiden Sitzplätze ganz hinten sollten nur Kinder aufsuchen.

Serienmäßige Wärmepumpe zur Fahrzeugheizung

Moment mal – Langstrecke? Ist das bei einem E-Auto überhaupt relevant? Auf Rekordwerte bei der Batteriekapazität legte es der Hersteller bei der Konzeption des EQB nicht an. 66,5 Kilowattstunden (kWh) nutzbare Energiemenge müssen reichen (eine Variante mit größerer Batterie folgt später). Bei den Testfahrten auf der Landstraße zeigte sich der große und schwere Wagen angemessen sparsam: Laut Bordcomputer lag der Verbrauch bei 20 bis 23 kWh auf 100 Kilometern. Die Reichweite bei voller Batterie wurde mit 330 bis 360 Kilometern angegeben – und das bei Temperaturen um fünf Grad Celsius.

Auch wenn das wie üblich etwas schlechter ist, als die Werksangaben versprechen (18,1 kWh/100 km und 419 Kilometer Reichweite im WLTP), so können sich die Werte im Konkurrenzumfeld (VW ID4, Ford Mustang Mach-E) doch sehen lassen. Eine serienmäßige Wärmepumpe soll dafür sorgen, dass die Reichweite im Winter nicht allzu stark einbricht.

100 kW Ladeleistung müssen ausreichen

Im Unterschied zum EQA wird der EQB aktuell nur in Varianten mit zwei Motoren und damit Allradantrieb ausgeliefert. Der EQB 300, den »kfz-betrieb« ausprobieren konnte, beschleunigt in acht Sekunden von 0 auf 100 km/h. Das ist ziemlich schnell, kommt dem Fahrer angesichts fehlender Motorgeräusche und Schaltrucke aber nicht so vor. Deutlich mehr Dynamik dürfte der EQB 350 zeigen: Mit 520 statt 390 Newtonmetern schießt er das Familien-SUV in nur 6,2 Sekunden auf 100. Die Höchstgeschwindigkeit ist bei beiden auf 160 km/h begrenzt.

Leider macht der Hersteller in den technischen Daten keine Angaben darüber, wie sich die Leistung auf die beiden Motoren (Vorderachse: Asynchronmaschine, Hinterachse: permanenterregte Synchronmaschinen) aufteilt. Auch über die Bauart der Batteriezellen und die Bruttokapazität der Batterie hüllt sich Stuttgart in Schweigen. Die maximale Ladeleistung beträgt laut Werksangaben 100 kW – „nur“ 100 kW möchte man sagen angesichts der Werte, die Hyundai (220 kW beim Ioniq 5) oder Tesla (je nach Modell bis zu 250 kW) bereits erreichen.

Doch Mercedes-Benz betonte bei der Präsentation, dass die 100 kW keine Peakleistung seien, die nur wenige Minuten durchgehalten werde, sondern ein Plateau. Nach 15 Minuten sei damit Strom für 150 Kilometer gebunkert. Zusätzlich hilft die serienmäßige Navigation mit „Electric Intelligence“ bei längeren Fahrten. Sie kalkuliert den schnellsten Weg ans Ziel und berücksichtigt dabei maximale Ladeleistung und Dauer möglicher Ladestopps. Darüber hinaus sorgt sie dafür, dass vor einem geplanten Ladestopp die Hochvoltbatterie bei Bedarf auf die optimale Temperatur für eine Schnellladung gebracht wird. Mit dieser Kombination sollte sich auch mit „nur“ 100 kW eine reisetaugliche Reichweite ergeben.

Und wenn alle Kinder aufs Klo müssen und die Ehefrau ihren Cappuccino genießen will, dann ist es vielleicht auch unerheblich, dass die Batterie nicht schon nach 22, sondern erst nach 32 Minuten wieder auf 80 Prozent SoC (State of Charge) geladen ist. An einer Wechselstrom-Wallbox lädt der EQB übrigens mit 11 kW.

Der EQB startet in Europa Ende des Jahres. Preise hat Mercedes-Benz noch nicht bekannt gegeben.

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