Mercedes S-Klasse: Das Flaggschiff soll's richten

Autor / Redakteur: dpa/sp-x / Andreas Wehner

Kein anderes Fahrzeug steht so für die Marke Mercedes wie die S-Klasse. Keines steht so sehr für Komfort und Hightech. Und kein anderes ist so wichtig für das Image des Autobauers – und für den Erfolg.

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Die neue S-Klasse soll für Daimler einen Wendepunkt darstellen.
Die neue S-Klasse soll für Daimler einen Wendepunkt darstellen.
(Bild: Mercedes-Benz)

Nach den herben Rückschlägen der vergangenen Monate setzt der Autobauer Daimler zum lange geplanten Befreiungsschlag an. Die S-Klasse, Luxus-Flaggschiff und traditionell prestigeträchtigstes Modell aus dem Hause Mercedes-Benz, soll den Wendepunkt markieren in einem bislang von der Corona-Krise weitgehend verhagelten Jahr. Am Mittwoch enthüllte Vorstandschef Ola Källenius im Werk in Sindelfingen bei Stuttgart das neue Modell - und eine komplett neue Fabrik für das Vorzeigeauto gleich mit dazu.

Der große optische „Wow“-Effekt stellt sich bei der neuen Generation nicht ein. Die S-Klasse bleibt eine klassische Stufenhecklimousine ohne Firlefanz und modischen Schnick-Schnack. Ihr Anspruch ist Präsenz und zeitlose Eleganz. „Lautes“ Design, muskulöse Schultern oder eine aggressive Front hatte sie nie nötig. Schließlich muss die S-Klasse global gefallen und soll vor allem keine treuen, konservativen Kunden verprellen. Die Loyalitätsrate liegt in Westeuropa bei 80, in den USA bei 70 Prozent. Ein sehr hoher Wert.

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Wer genauer hinschaut, erkennt bei der neuen S-Klasse erstmals versenkbare Türgriffe und Hightech-Scheinwerfer, wie es sie in der Branche bislang nicht gab. Es nennt sich „Digital Light“. In jedem Scheinwerfer sitzt ein Modul mit drei extrem starken LED, deren Licht mit Hilfe von 1,3 Millionen Mikrospiegeln gebrochen und gerichtet wird. Im Ergebnis ergibt dies eine einmalig präzise und helle Ausleuchtung, wogegen normale Scheinwerfer fast wirken wie eine müde Taschenlampe.

Mit noch viel mehr Hightech geht es unter dem Blech weiter. Die S-Klasse steckt voller Innovationen, und dies in jeder Disziplin, egal, ob es um Sicherheit, Komfort, Qualität, Bedienung, Konnektivität oder Effizienz geht. „Es ist unser Anspruch, das beste Automobil der Welt zu bauen“, sagt Konzernchef Ola Källenius. Nie zuvor standen dabei der Fahrer und die Insassen bei der Entwicklung eines Autos derart im Mittelpunkt wie dieses Mal. Es galt, die drei wichtigsten Kriterien der S-Klasse wieder in Bestform zu bieten: Komfort, Komfort und nochmal Komfort.

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Massage, Düfte, Sprachsteuerung

Das Interieur geriet daher zu einer Art Wellness-Tempel, eine Wohlfühl-Lounge mit feinsten Materialien, schönen Düften, gefilterter und klimatisierter Luft, sanfter Massage (es gibt zehn Programme) und 4D-Musik. Zudem hat sich der Innenraum vollends zum sogenannten „third place“ entwickelt, einem Refugium zwischen Zuhause und Arbeitsplatz. Die Digitalisierung geht bis ins Detail.

Nahezu alle Bedienung, die Konnektivität oder die Navigation lässt sich über Sprache steuern. Zudem bietet Mercedes es ein ganzes Bündel von Online-Diensten. Ein „Hey Mercedes“ genügt zur jeweiligen Aktivierung. Der Sprachassistent kann sogar von den Gästen im Fond genutzt werden. Und zur Freischaltung des „Mercedes me account“ genügt es, den Zeigefinger auf eine Mini-Sensorfläche zu legen, ähnlich wie bei einem Apple-Notebook.

Die Designer haben das Ganze in ein Layout gepackt, das für die S-Klasse als revolutionär gilt. Viele Knöpfe und Schalter sind verschwunden. Den dominierenden Teil bildet der senkrecht ausgerichtete Bildschirm in der Mittelkonsole, groß wie ein Tablet-Computer, mit brillanter Auflösung, sensationeller Grafik und höchster Rechengeschwindigkeit. Das virtuelle Cockpit hinter dem Lenkrad kann in vier unterschiedlichen Anzeigestilen konfiguriert werden. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit einer 3D-Darstellung, ohne eine dafür eigens eine Brille tragen zu müssen. Eine Kamera im Display erfasst dabei die Augen des Fahrers.

Head-up-Display: Abbieghinweise auf der Fahrbahn

Und selbstverständlich verfügt die S-Klasse über ein überdimensionales Head-up-Display, in das über Augmented Reality (AR) zum Beispiel animierte Abbiegepfeile virtuell und passgenau über die Fahrbahn gelegt werden, so als wären sie tatsächlich auf der Straße. „Für den Fahrer ist das so, als würde er zehn Meter vor dem Auto auf einen 77 Zoll großen Bildschirm schauen“, erläutert Produktmanager Robin Bittner.

Neue Maßstäbe wollen die Stuttgarter Autobauer auch beim assistierten Fahren setzen. Dass sämtliche, heute übliche Systeme an Bord sind, versteht sich von selbst. Die S-Klasse geht allerdings noch ein Stück weiter, sie ist Level-3-fähig. Das heißt, der Fahrer braucht in bestimmten Situationen, beispielsweise auf der Autobahn, seine Hände nicht mehr am Lenkrad zu haben und kann sich anderen Dingen zuwenden, wie Internet-Surfen oder E-Mails bearbeiten. Noch ist dies allerdings auf unseren Straßen nicht erlaubt. Mercedes rechnet mit der Freigabe im Herbst 2021.

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Noch einen Schritt weiter geht man beim vollautomatisierten Parken. Nach dem Aussteigen aller Insassen ist die S-Klasse bei Parkhäusern mit Automated Valet Parking (AVP) in der Lage, sich selbstständig einen leeren Platz zu suchen. Per Smartphone-Befehl kann der Fahrer seinen Wagen auch wieder zu einer vorher definierten Abholfläche vorfahren lassen.

Bei so viel Elektronik und Digitalisierung treten konventionelle Dinge wie Antrieb und Fahrwerk fast in den Hintergrund. Aber auch sie sind auf dem neuesten Stand der Technik. Eine vollelektrische S-Klasse wird es allerdings nicht geben. Diese Aufgabe übernimmt im nächsten Jahr der EQS.

Die Benzinmodelle heißen S 450 4Matic und S 500 4Matic. In beiden sitzt der neue Drei-Liter-Reihensechszylinder mit 48-Volt-Mildhybridtechnik, einmal mit 270 kW/367 PS und einmal mit 320 kW/435 PS. Die S-Klasse als Diesel gibt es als S 350 d mit Hinterrad- und als S 350 d 4Matic mit Allradantrieb (jeweils mit 210 kW/286 PS) sowie als S 400 d 4Matic mit 243 kW/330 PS. Alle Versionen fahren mit einer 9-Gang-Automatik. Im nächsten Jahr soll eine Plug-in-Hybrid-Version folgen. Sie erhält eine Systemleistung von 270 kW/367 PS und wird bis zu 100 Kilometer rein elektrisch fahren können.

Aktives Fahrwerk schützt sogar bei Unfällen

Serienmäßig steht die neue S-Klasse auf der Luftfederung Airmatic. Optional gibt es das aktive Fahrwerk E-Active Body Control, bei dem an jedem Rad die Feder- und Dämpferkräfte individuell geregelt werden können. Komfortabler lässt es sich derzeit nicht über Straßen schweben. E-Active-Body-Control ist sogar in der Lage, bei einem drohenden Seitenaufprall das Auto auf der entsprechenden Seite in Millisekunden um acht Zentimeter anzuheben. Der damit höhere Seitenschweller liefert so einen deutlich besseren Schutz.

Viele Gedanken haben sich die Ingenieure auch um die Handlichkeit des 5,32 Meter langen Flaggschiffs gemacht. Erstmals kommt die S-Klasse mit einer mitlenkenden Hinterachse. Die Räder können bis zu zehn Grad drehen und reduzieren den Wendekreis damit um zwei Meter.

Preislich reduziert sich allerdings nichts. Wie zu erwarten, gibt es so viel Luxus und Hightech nicht zum Schnäppchen-Preis. Starten soll die S-Klasse als S 350 d aber noch bei knapp unter 100.000 Euro. Die Bestellbücher öffnen Mitte September. Noch Ende des Jahres sollen dann die ersten Fahrzeuge an Kunden ausgeliefert werden.

Gebaut wird das Auto in der neuen „Factory 56“ in Sindelfingen – wobei die „56“ einfach für die Nummer der Halle auf dem Gelände steht. Rund 730 Millionen Euro hat die etwa 30 Fußballfelder große Fabrik gekostet. Sie soll die Produktion deutlich flexibler und effizienter machen und zugleich auf die von Källenius ausgerufene Nachhaltigkeitsstrategie einzahlen. In dem rundum auch mit 5G-Technik vernetzten und digitalisierten und zudem CO2-neutral betriebenen Werk sollen neben der S-Klasse der Maybach und dazu das Top-Modell der neuen Elektromarke EQ, der EQS, vom Band laufen. Sollte es notwendig sein, kann die „Factory 56“ die Fertigung aber innerhalb kurzer Zeit auch auf jedes andere Modell vom Kompaktwagen bis zum SUV umschwenken.

Von beidem - Auto und Fabrik - hängt für den Stuttgarter Konzern in diesem von Corona geprägten Jahr eine Menge ab. Daher war der Anlauf der S-Klasse-Produktion ausdrücklich ausgenommen, als es in der bisher härtesten Corona-Phase im Frühjahr zu Kurzarbeit und Werksschließungen kam. „So viele Dinge mussten wir umplanen in diesem Jahr, im Privat- wie im Berufsleben“, sagte Källenius. „Dieses hier nicht.“

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Mit der „Factory 56“ geht der Konzern derweil auch ein Problem an, das Källenius seit seinem Amtsantritt vor gut einem Jahr immer wieder angesprochen hat: die Effizienz. Komplette Digitalisierung und Vernetzung sowie der Datenaustausch in Echtzeit sollen die Produktion effizienter machen. Im Vergleich zur bisherigen S-Klasse-Fertigung will Mercedes mit der „Factory 56“ bis zu 25 Prozent herausholen. Das neu entwickelte Operationssystem namens „MO360“ läuft hier erstmals in vollem Umfang. Klappt alles reibungslos, soll das Werk künftig als Blaupause für das weltweite Produktionsnetzwerk dienen.

Einen Erfolg mit der S-Klasse kann Daimler nicht nur gut gebrauchen - er ist quasi Pflicht. Wie die meisten Autobauer hat die Corona-Krise den Konzern hart getroffen. Im zweiten Quartal fuhren die Stuttgarter fast zwei Milliarden Euro Verlust ein und müssen nun noch stärker sparen als ohnehin von Källenius geplant - auch wenn das dritte Quartal schon wieder weitaus besser läuft. „Wir haben uns vom freien Fall erholt“, sagte der Vorstandschef.

Trotzdem will Källenius die Gewinnschwelle langfristig weiter nach unten bringen - auch mit Einschnitten beim Personal. Betriebsbedingte Kündigungen sind zwar wieder vom Tisch, dafür werden auf anderen Wegen Arbeitsplätze gestrichen. Als kurzfristige Reaktion auf die Corona-Pandemie wird in bestimmten Bereichen die Arbeitszeit verkürzt. Zudem muss die komplette Belegschaft in Deutschland auf die jährlich gezahlte Prämie verzichten. Das sogenannte tarifliche Zusatzgeld wird automatisch in freie Tage umgewandelt. Und sein Smart-Werk im französischen Hambach will Daimler verkaufen.

Fokus auf Luxus

Källenius schraubt zudem auch weiter an der Strategie, will den Fokus stärker auf Luxus und die jeweils oberen Enden der Segmente lenken, wo mehr Geld pro Auto zu verdienen ist. Was die S-Klasse einbringt, wollte der Konzernchef zwar nicht sagen. Es sei aber klar, dass ein solches Fahrzeug überproportional zur Profitabilität des gesamten Konzerns beitrage. „Dieses Auto ist für uns sehr wichtig“, sagte er. Ein Lieblingskind sollten Eltern ja nicht haben. „Aber für Autos gilt das nicht.“

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