Mercedes rollt Online-Vertrieb deutschlandweit aus

Autor Andreas Wehner

Mercedes-Käufer können ab sofort bundesweit Neufahrzeuge im Internet kaufen. In einem Online-Store bietet der Autobauer vorkonfigurierte Pkw an, die direkt bestellbar sind. Die Auslieferung übernehmen die Händler.

Firmen zum Thema

(Bild: Daimler)

Deutsche Mercedes-Käufer können ab sofort bundesweit Neufahrzeuge online bestellen. Unter www.online-store.mercedes-benz.de hätten Interessenten die Möglichkeit, aus verschiedenen vorkonfigurierten Autos zu wählen, teilte Mercedes am Mittwoch mit. Darunter seien auch Elektro- und Hybridfahrzeuge sowie Sondermodelle.

Am Mittwoch hat der Hersteller auf der Verkaufsplattform genau 233 Neuwagen angeboten. Nicht vertreten waren G-, S- und V-Klasse. Um nach den Angebotsseiten in den Kaufprozess einsteigen zu können, muss sich der Benutzer registrieren. Zur Unterstützung – auch in Bezug auf den integrierten Finanzierungs- und Leasing-Konfigurator – kann er jederzeit einen Rückruf anfordern oder in einen Live-Chat mit einem Berater einsteigen. Auch ein Probefahrttermin kann über die Plattform vereinbart werden. Bei einem Online-Abschluss sollen keine Überführungsgebühren anfallen.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 9 Bildern

„Wir arbeiten im Online-Verkauf eng mit dem Handel zusammen. So profitieren auch unsere Niederlassungen und Vertragspartner direkt vom Online-Store und knüpfen Kontakte zu Käufern und Interessenten“, sagte Ola Källenius, Vertriebsvorstand für Mercedes-Benz Cars bei Daimler. Der Händler solle auch nach der Auslieferung als Ansprechpartner zur Verfügung stehen und sich beispielsweise um den Service kümmern.

ZDK sieht „erwartbaren Schritt“

Als erwarteten zweiten Schritt nach vorangegangenem Pilotprojekt bezeichnete der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) die Entwicklung. Nachdem Mercedes bereits im Jahr 2013 den Internetverkauf mit Auslieferung ausschließlich über die Hamburger Niederlassung getestet habe, sei mit einer Ausdehnung dieser Aktivitäten zu rechnen gewesen, so ZDK-Vizepräsident Ulrich Fromme.

Immerhin sei der Schritt nach vorliegenden Informationen mit dem Verband der Mercedes-Benz-Vertreter abgestimmt gewesen. Es sei deshalb davon auszugehen, dass deren Einbindung in den Vertrieb und die Berücksichtigung ihrer Belange zufriedenstellend erfolgt seien, so Fromme weiter. Zudem bestehe die Besonderheit, dass Mercedes-Benz als einziger Hersteller in Deutschland nicht mit Vertragshändlern kooperiere, sondern aufgrund des Agentursystems ohnehin stets selbst Vertragspartner des Neuwagenkäufers werde.

Über den konkreten Fall hinaus betonte Fromme jedoch, dass der ZDK Online-Vertriebsaktivitäten der Hersteller grundsätzlich kritisch sehe, wenn sie auf den kompletten Geschäftsabschluss gerichtet seien und nicht nur auf die Anbahnung des Geschäfts für den Handel. Je mehr die sinnvolle und bewährte Rollenverteilung zwischen Herstellern und Händlern durch Direktvertriebsaktivitäten der Hersteller durchbrochen werde, desto fragwürdiger werde die Verpflichtung der Händler zu oft millionenschweren Investitionen in ihre stationären Betriebe.

Für den direkten Kauf oder die verschiedenen Leasing- und Finanzierungsmöglichkeiten der Mercedes-Bank wird das dazu notwendige klassische Ident-Verfahren der Deutschen Post durch ein Video-Ident-Verfahren ergänzt: Per Webcam ermöglicht es die Identifikation des Käufers. So soll der komplette Verkaufsprozess an sieben Tagen in der Woche online abgewickelt werden können.

Daimler hatte bereits 2013 ein Pilot-Projekt zum Neuwagenverkauf über das Internet in Hamburg gestartet. In einem Onlineshop waren bestimmte vorkonfigurierte Mercedes-Fahrzeuge bestellbar. Die Auslieferung war dabei auf Kunden aus dem Großraum Hamburg beschränkt, die über die dortige Niederlassung bedient wurden.

Es folgten Online-Verkaufsplattformen in weiteren Ländern. So gibt es seit 2014 in Warschau unter www.online-store.mercedes-benz.pl einen regionalen Online-Store mit Leasingangeboten für ausgewählte Mercedes-Pkw. Auch für Smart bietet der Hersteller einen Online-Verkauf an. Seit Dezember 2015 können Kunden den Kleinwagen in Italien per Internet unter www.smartforstore.it interaktiv virtuell erkunden und bestellen.

Pläne und Projekte zum Online-Vertrieb von Neuwagen gibt es auch bei anderen Marken. So bietet BMW in Großbritannien in Zusammenarbeit mit den dortigen Händlern einen Online-Shop an, in dem Fahrzeuge quer durch die komplette Produktpalette konfiguriert und bestellt werden können.

Volvo hatte im vergangenen Jahr einen Testballon mit einer Sonderedition des XC90 gestartet, die vor Markteinführung online bestellbar war und innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Damals hatte der Autobauer angekündigt, ab 2017 alle Modelle online verfügbar zu machen. Wie aus dem Handel zu hören ist, ist es um diese Pläne jedoch zuletzt sehr still geworden.

Der Online-Vertrieb ist nur eines der Themen, mit denen sich die Kfz-Branche in Zusammenhang mit der zunehmenden Digitalisierung beschäftigen muss. »kfz-betrieb« greift die unterschiedlichen Aspekte der Digitalisierung in seiner Ausgabe 29/30 auf, die am 29. Juli erscheint.

(ID:44179601)