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Mietwagenkosten: Zugänglichkeit günstigerer Tarife bei Avis und Sixt widerlegt

| Autor / Redakteur: autorechtaktuell.de / Yvonne Simon

Streiten zwei Parteien vor Gericht um die Rückerstattung von Mietwagenkosten, legen Beklagte regelmäßig Internet-Screenshots von angeblich günstigeren Tarifen vor. Dabei handelt es sich letztendlich um bloße Werbung. Ein Sachverständigengutachten stützt die Annahme.

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(Foto: gemeinfrei)

Wird vor Gericht über die Rückerstattung von Mietwagenkosten verhandelt, legen Beklagte häufig Internet-Screenshots von angeblich günstigeren Anmietmöglichkeiten vor. Diese entpuppen sich bei ernsthafter Anfrage als bloße Werbung. Zu diesem Ergebnis kommt ein Sachverständigengutachten, welches das Amtsgericht (AG) Sömmerda im Zuge eines Prozesses in Auftrag gegeben hat (AG Sömmerda, Urteil vom 19.12.2017, AZ. 3 C 258/16).

Im verhandelten Fall forderte der Kläger (selbstständiger Inhaber eines Taxiunternehmens) von der Beklagten (Kfz-Haftpflichtversicherung des Unfallgegners) restliche Mietwagenkosten. Die Eintrittspflichtigkeit der Beklagten dem Grunde nach stand fest. Aufgrund des Unfalls vom 29.10.2015 war der Kläger gezwungen, vom 2.11.2015 bis zum 11.11.2015 einen Ersatzwagen in Anspruch zu nehmen, mit welchem er 1.101 Kilometer zurücklegte. Hierfür berechnete die Autovermietung 1.504,12 Euro netto an Mietwagenkosten. Die Beklagte bezahlte hierauf lediglich 474 Euro, sodass es notwendig war, die Differenz in Höhe von 1.030,12 Euro vor dem AG Sömmerda einzuklagen.

Diese Klage war vollumfänglich erfolgreich. Das Gericht holte ein Sachverständigengutachten zur Behauptung auf Beklagtenseite, klägerseits hätte bei den Firmen Avis beziehungsweise Sixt für 313,03 Euro netto beziehungsweise 230,20 Euro netto angemietet werden können, ein. Nach dem Vorliegen des Ergebnisses des Gutachtens sprach das AG Sömmerda die restlichen Mietwagenkosten vollumfänglich zu. Das Urteil ist mittlerweile rechtskräftig.

Begründung des Urteils

Das AG Sömmerda stützte sich bei seiner Entscheidung auf die Ergebnisse des Gutachtens. Diese belegten, dass es eben gerade nicht für die Klägerseite möglich gewesen wäre, zu den auf Beklagtenseite behaupteten Konditionen anzumieten. Das Gutachten kam hier nach sorgfältiger Recherche zu einem eindeutigen Ergebnis:

Bezüglich der Firma Avis wurde sachverständigenseits betont, dass sich die Internetanfrage als außerordentlich schwierig gestaltete. Die Internetseite sei sehr unübersichtlich aufgebaut gewesen. Weiterhin sei es beispielhaft bei der Auswahl eines Neun-sitzigen Fahrzeuges nicht möglich gewesen, eine Selbstbeteiligung im Kaskoschadenfall von weniger als 1.250 Euro auszuwählen. Habe man die Haftungsbegrenzung verändert, wäre automatisch ein anderes, kleineres Fahrzeug vorgegeben worden. Bei der Angabe eines Alters des Fahrzeugführers von unter 21 Jahren sei die Anmietung eines Sieben- oder Neun-Sitzers überhaupt nicht möglich gewesen.

Für die Internetrecherche auf der Website der Firma Avis habe der Sachverständige circa vier bis fünf Stunden gebraucht. Online sei es nicht möglich gewesen, die Anlieferung des Fahrzeugs zu einem bestimmten Zeitpunkt an einen bestimmten Ort zu vereinbaren. Außerdem sei es zur Anmietung eines Fahrzeugs zwingend notwendig gewesen, eine Kreditkarte einzusetzen. Für einen Sharan Sieben-Sitzer hätte Avis inklusive aller Leistungen 1.099,10 Euro berechnet. Ein Mercedes Benz Vito mit neun Sitzen hätte 1.363,58 Euro gekostet.

Bezüglich der Online-Anfrage bei Sixt kam der Sachverständige zu dem Ergebnis, dass sich die Internetabfrage sehr einfach und komfortabel gestaltete. Es dauerte circa 15 Minuten, um über die Website ein Angebot zu ermitteln. Allerdings war auch hier zur Anmietung eines Fahrzeugs zwingend der Einsatz einer Kreditkarte erforderlich. Auch konnte nicht die mögliche Anlieferung des Fahrzeugs zu einem bestimmten Zeitpunkt an einen bestimmten Zustellungsort vereinbart werden. Ein Sharan Sieben-Sitzer hätte inklusive aller Leistungen 969 Euro gekosten, ein Mercedes Benz Vito mit neun Sitzen hätte bei 1.241,91 Euro gelegen.

Als Fazit stellte der Gutachter fest: „Für die Anmietung eines Fahrzeugs mit sieben oder neun Sitzen über einen Zeitraum von zehn Tagen fallen Kosten an, die deutlich über dem Betrag von netto 313,03 Euro bei Avis oder netto 230,20 Euro bei der Autovermietung Sixt liegen.“

Das Urteil in der Praxis

Das Ergebnis des gerichtlichen Sachverständigengutachtens bestätigt, dass angeblich günstigere Angebote, auf welche sich die Versicherung im Prozess beruft, tatsächlich so gar nicht zur Verfügung stehen.

Aus dem Gerichtsgutachten ergibt sich, dass ein Geschädigter für den Fall, dass er tatsächlich ernsthaft versucht, über diese Portale ein Fahrzeug anzumieten, ganz andere Tarife erhält als behauptet. Letztendlich disqualifiziert dieses Ergebnis auch den Fraunhofer-Marktpreisspiegel, welcher sich ja im Wesentlichen auf derartige Internetrecherchen stützt. Aufgrund des Ergebnisses des Sachverständigengutachtens sprach demnach das AG Sömmerda auch konsequenterweise die vollständige Differenz an Mietwagenkosten zu.

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