Mille Miglia: 1.000 Meilen für die Ewigkeit

Autor / Redakteur: sp-x/Benjamin Bessinger / Gerd Steiler

Die legendäre Oldtimer-Rallye auf der knapp 1.600 Kilometer langen Strecke Brescia - Rom - Brescia zog auch in diesem Jahr Millionen von Menschen in ihren Bann. Am Wochenende gingen fast 400 Piloten mit ihren historischen Schätzchen an den Start.

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So etwas kann es nur in Italien geben: Ein Wochenende lang ist der Verkehr im halben Land lahm gelegt, Innenstädte sind gesperrt, Landstraßen blockiert und Autobahnen dicht gemacht. Doch statt zu hupen und zu schimpfen, stehen die Italiener am Straßenrand, jubeln, schwenken tausende von Fähnchen, inhalieren dieses unvergleichliche Gemisch aus heißem Benzin, verbranntem Öl und quietschenden Reifen und feiern eine furiose PS-Party: Es ist Mille Miglia-Zeit, und einmal mehr stürzen sich fast 400 Rennwagen in ein Abenteuer, das 1.000 Meilen währt, vielen wie eine Ewigkeit vorkommt und am Ende doch wieder viel zu schnell vorbei ist.

Die spektakuläre Oldtimer-Rundfahrt folgt den Spuren des berühmten Langstreckenrennens auf den rund 1.700 Kilometern von Brescia nach Rom und zurück und hat nichts von ihrer Anziehungskraft verloren: Millionenteure Schätze aus den Werksmuseen der Fahrzeughersteller, die Schmuckstücke aus Sammlergaragen in aller Herren Länder und die Oldtimer bescheidener Privatiers formen ein mobiles Museum, das in einem Affenzahn über den Stiefel stürmt.

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Bunte Flotte flotter Schätzchen

Weil fast nur echte Rennwagen zugelassen sind, könnte das Feld kaum spektakulärer sein: Wie vor über 50 Jahren ringen deshalb auch diesmal wieder Ferrari, Maserati und Mercedes aus den Fünfzigern um die Bestzeiten. In der Vorkriegswertung starten alte Alfas, Fiats und Bugattis, und immer wieder bollert zwischendurch ein gewaltiger Bentley über die Piste, macht sich ein Austin Healy bemerkbar oder mogelt sich ein MG durch den Stau. Die größte Schau macht allerdings BMW mit einem glatten Dutzend 328ern. Der Münchner Sportwagen feiert nicht nur gerade seinen 75. Geburtstag, sondern er hat das Rennen 1940 mit einer Coupé-Karosserie von Touring sogar gewonnen. Dazu gibt es noch eine Handvoll Autos, von denen man nun wirklich keinen Renneinsatz erwartet hätte. Aber offenbar waren auch schon zu den Zeiten von Stirling Moss & Co VW Käfer oder Citroen 2CV auf der Strecke. Und der Mercedes 180D hat früher sogar einmal die Wertung in seiner Klasse gewonnen.

So bunt wie die Flotte sind auch das Feld der Fahrer und die Auswahl ihrer Pässe. Es reicht von PS-Promis wie Mika Häkkinen oder Jochen Mass und TV-Berühmtheiten wie Mr. Bean bis zur Bäckereifachverkäuferin aus Basel und spannt den Bogen vom hintersten Orient bis nach Australien. Allein im Prolog aus über 200 aktuellen Ferrari-Fahrzeugen sieht man Kennzeichen aus Amerika, Südafrika, Hong Kong, Russland, Japan oder China: „Die Mille Miglia ist die Mutter aller Straßenrennen, ein Traum für jeden Fahrer, da muss man einfach hin“, sagt Juan Manuel Fangio II. Der Argentinier ist der Neffe des fünffachen Weltmeisters, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, fährt bereits seine zweite „Mille“ und sitzt genau wie früher sein berühmter Onkel am Steuer eines Mercedes 300 SLR.

Rallye für alle: Reiht euch ein

Im offiziellen Feld sind zwar nur Autos aus den Jahren von 1929 bis 1957, die technisch mit den Rennwagen von einst identisch sind. Doch jeder, aber wirklich jeder, der ein halbwegs interessantes Auto hat, reiht sich unterwegs einfach ein. Zwei Dutzend Ferrari, ein paar alte Peugeot, der örtliche Lamborghini-Club oder der Freundeskreis Fiat 500 – man hupt ein bisschen, hängt ein paar Mille-Miglia-Fahnen aus dem Fenster und gibt einfach Gas. Nicht umsonst führt die Rallye über öffentliche Straßen durch den normalen Verkehr. Nur in den Altstädten, etwa in Florenz, Siena oder Pienza machen die Organisatoren dicht und trennen die Spreu vom Weizen.

Los geht es am frühen Abend in Brescia nahe dem Gardasee. Dort starten die Autos im 30 Sekunden-Takt und jagen nach Bologna der Nacht entgegen. Von dort geht es am zweiten Tag weiter nach San Marino. Auf Kopfsteingassen, die so schmal und steil sind, dass manche Oldtimer sie kaum erklimmen können, kämpft sich die Mille Miglia hinauf in die Altstadt und bekommt einen eindrucksvollen Empfang bereitet. Dabei ist es den Fans beinahe egal, ob gerade das BMW 328 Touring-Coupé, das 1940 die Mille gewonnen hat, über die Piazza rollt, sich ein VW Käfer auf die Kuppe gekämpft hat, die armdicken Endrohre eines Bentley durch die Altstadt blasen oder ob die alten Formel 1-Asse kommen – wer es bis hierhin geschafft hat, dem ist begeisterter Applaus sicher.

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