Fahrbericht Lamborghini Urus Mit supersportlicher Extravaganz durch schweres Gelände

Autor / Redakteur: sp-x / Marie-Madeleine Aust

Die Welt der Mobilität wird notgedrungen immer vernünftiger. Da schadet es nicht, sich auch mal dem unvernünftigen Part zu nähern. Zum Beispiel einem SUV mit Supersportgenen – der seine Geländetauglichkeit nicht dem Zeitgeist geopfert hat.

Firmen zum Thema

Die technischen Daten versprechen eine atemberaubende Performance und rennsportliche Dynamik – in einem 2,2 Tonnen schweren SUV.
Die technischen Daten versprechen eine atemberaubende Performance und rennsportliche Dynamik – in einem 2,2 Tonnen schweren SUV.
(Bild: wolfango spaccarelli / Lamborghini)

Es brodelt auf 3.357 Metern über dem Meeresspiegel, Gaswolken und Wasserdampf entweichen dem Krater. Auch Kilometer entfernt riecht es noch nach Schwefel, den Schaulustigen brennen die Augen, kratzt der Hals, läuft die Nase. Der Ätna, der höchste aktive Vulkan Europas, ist stets bereit glühend heiße, dünnflüssige Lava und auch mannsgroße Gesteinsbrocken aus seinem Innersten herauszuschleudern. Seit Mitte Dezember 2020 ist dieser faszinierende Vulkan mit zahlreichen Ascheauswürfen und kleineren Lavaströmen wieder verstärkt in Bewegung, Einheimische und intime Kenner des Ätna erwarten zeitnah einen großen Ausbruch.

Am Fuße des Ätna steht ein nicht minder faszinierendes, heißes und für unbeherrschte Piloten auch gefährliches Gefährt, der Lamborghini Urus. Bereits die technischen Daten versprechen eine atemberaubende Performance und rennsportliche Dynamik – und das in einem 2,2 Tonnen schwerem SUV. Das V8-Triebwerk leistet 478 kW/650 PS, die aus vier Litern Hubraum kommen, angereichert von zwei Turboladern. Das maximale Drehmoment liegt bei 850 Newtonmetern und im Zusammenspiel mit dem Allradantrieb und der Achtstufen-Wandlerautomatik beschleunigt der Urus in 3,6 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Die Tachonadel zeigt bereits nach 12,8 Sekunden 200 km/h an. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 305 km/h, damit ist der Urus einer der schnellsten straßenzugelassenen Super-SUVs, die zurzeit zu haben sind. Der Preis startet bei rund 216.000 Euro.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 9 Bildern

„Unlock any road“ lautet das Motto des geländetauglichen Italieners aus Sant’Agata Bolognese, der bereits über 15.000 Mal verkauft wurde und somit das meistgebaute Lamborghini-Modell aller Zeiten ist. Und das, obwohl der technische Bruder von Audi RS Q8, Bentley Bentayga und Porsche Cayenne Turbo GT erst seit dem Frühjahr 2018 in den Verkaufsräumen der Händler steht. Die brachialen Sportwagen der vergangenen Jahrzehnte und bis zu den heutigen Modellen namens Countach, Diablo, Murciélago, Gallardo, Huracán und Aventador haben solche Produktionszahlen nie erreicht.

Lamborghini steht stets für supersportliche Extravaganz, die man schon unzweideutig am Exterieurdesign von Luc Donckerwolke, Filippo Perini und Mitja Borkert erkennen kann. Auch die Innenräume sind auf Wunsch der nicht minder extravaganten Kundschaft oft sehr farbenfroh, teilweise auch mit abenteuerlichen Farbkombinationen, wie man sie in keiner traditionellen Farbenlehre wiederfinden würde. Aber, erlaubt ist was gefällt, auch beim Familien-Lambo – und das kann zuweilen auch schon mal sehr kostspielig werden. Was der Kunde nach erfolgter Online-Konfiguration für seinen individuellen Urus schlussendlich bezahlen darf, erfährt er erst nach intensiver Prüfung durch ein speziell geschultes Kundenauswahlteam. Preise oder gar gedruckte Preislisten für die zahlreichen optionalen Ausstattungen gibt es bei Lamborghini prinzipiell nicht.

Titan-Abgasanlage gegen ordentlichen Aufpreis

So verhält es sich auch mit der vierflutigen Titan-Rennsport-Abgasanlage aus dem Hause Akrapovic, deren Aufpreis wohl ein fünfstelliger Euro-Betrag sein dürfte. Dieses Extra ist besonders beliebt, da der V8-Motorsound sich schon dem aggressiven Äußeren anpassen sollte, vor allem wenn die Außenfarbe grau oder schwarz, noch besser matt ist. Die favorisierten Matt-Töne haben so wenig blumige Namen wie: Nero Noctis, Grigio Keres und Grigio Nimbus. Bei unseren Testfahrten rund um den Ätna auf Sizilien haben wir uns dann aber doch für ein leuchtendes Orange entschieden. Aber auch ein ansehnlicher Blauton machte sich positiv bemerkbar, offiziell: Blu Cepheus, ein ganz frisches Baby-Blau, das eigentlich perfekt nach Miami oder an die Côte d'Azur passen würde.

Glücklicherweise ist trotz des wenig düsteren Farbtons die erwähnte Titan-Brülltüte montiert und dank der auf Sizilien häufig anzutreffenden Tunnel das Ganzkörper-Gänsehaut-Feeling garantiert, sofern man auch am etwas klapprigen Kunststoff-Hebelchen namens „Tambour“ den „Corsa“-Modus gewählt hat. Nun kann man herrlich politisch inkorrekt mit dem Gasfuß spielen und es bei Drehzahlen oberhalb von 3.500 Touren so richtig sprotzen, knallen und backfirern lassen. Aber dieser Rennstrecken-Modus öffnet nicht nur alle Klappen im Auspuff, sondern strafft auch noch das Fahrwerk und schärft die Motor- und Getriebekennlinie. Die 44 Zentner Leergewicht liegen zu 55 Prozent auf der Vorder- und zu 45 Prozent auf der Hinterachse. Störendes Untersteuern eliminiert die aktive 48-Volt-Wankstabilisierung und die gewaltigen Pirelli P Zero Reifen im Format 285/35 R 23 Y (vorn) und 325/30 R 23 Y (hinten) halten uns auch bei den scharf gefahrenen Serpentinen sicher auf dem von Vulkanasche übersäten Asphalt. Auch beeindruckend: Die gewaltige Carbon-Keramik-Bremsanlage, sie sorgt stets für ein sicheres Fahrerlebnis, auch physikalischen Limit.

Auf dem Gelände unschlagbar

Ganz grobes Gelände mit Geröll, sandigen Steigungen und glitschigem Schlamm erleben wir in einem ehemaligen Steinbruch, im Landesinneren, westlich vom Ätna gelegen. Hier wird der Offroad-Modus „Terra“ gewählt und mit ein paar Klicks durchs Fahrprogramm kann man im Zentraldisplay die benötigte Bodenfreiheit noch um ein paar Zentimeter erhöhen. Auch hier beweisen die Hinterachslenkung und die adaptive Luftfederung ihr Können. Der nun hochbeinige Urus meistert Stock und Stein, auf dem Slalom-Offroad-Parcour fühlt sich das bereits erwähnte Gesamtgewicht deutlich leichter an. Im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend pendelt und driftet der 5,11 Meter lange, 2,01 Meter breite und 1,63 Meter hohe Super-SUV zielsicher um die ebenfalls orangefarbenen Hütchen. Das wäre mit seinem Vorgänger, dem in den 1980er-Jahren für das Militär entwickelten LM002 sicherlich nicht möglich. Der 3,5-Tonnen schwere Panzer mit dem Zwölfzylinder vom Countach hat seine Stärken bekanntermaßen eher im stoischen Geradeauslauf.

Trotz all' dieser unwiderstehlichen Unvernunft hat der Urus einen Zukunftsplan. Turnusgemäß kommt im nächsten Jahr ein mehr oder minder großes Facelift und dann Ende 2023/Anfang 2024 wird der Bestseller zum ersten Hybriden von Lamborghini. Die Marken-Elektrifizierung startet mit einem Plug-in-Hybrid, um ganz genau zu sein. Allerdings wird spekuliert, dass das reinelektrische Fahren aus Gewichtsgründen bewusst auf ein Minimum reduziert wird, maximal 20 bis 30 Kilometer werden hier erwartet. Gespannt darf man auch sein, welches vierte Modell Lamborghini-Chef Stephan Winkelmann zurzeit entwickeln lässt. Aber eins wissen wir schon jetzt, es wird hochemotional und auf jeden Fall rein elektrisch.

(ID:47743670)