Škoda Mladá Boleslav goes Le Mans

Autor: Steffen Dominsky

Auf 120 Jahre Motorsportgeschichte blickt einer der ältesten Autobauer Europas mittlerweile zurück. Mit einer seiner Rennsportikonen nahm er sogar einmal an einem der berühmtesten Langstreckenrennen der Welt teil.

Firmen zum Thema

1950 ging Škoda mit dem „Sport“ zum ersten und letzten Mal in Le Mans an den Start.
1950 ging Škoda mit dem „Sport“ zum ersten und letzten Mal in Le Mans an den Start.
(Bild: Škoda)

Es gibt Geschichten, die klingen nicht wirklich wahr. So manch einer tut sich schwer, sie im ersten Moment zu glauben, sie als „tatsächlich passiert“ anzuerkennen. Ein tschechisches Auto bei einem der prestigeträchtigen Langstreckenrennen der Welt? Ein Škoda in Le Mans? Kann nicht sein! Doch, kann sehr wohl sein! Zugegeben: Diese Geschichte ist schon lange her, sehr lange. 71 Jahre um genau zu sein. 1950 war der Škoda Sport auf Basis des Škoda 1101 „Tudor“ das bis heute letzte tschechische Automobil, das mit einer tschechischen Crew am berühmten 24-Stunden-Rennen in Le Mans teilnahm.

Bildergalerie

Es ist bereits das zweite Jahr nach Kriegsende, in dem das berühmte 24-Stunden-Rennen wieder stattfindet. Auch in der Tschechoslowakei bestand der Wunsch, sich mit einem einheimischen Fahrzeug der internationalen Konkurrenz zu stellen, um die Langlebigkeit von Serienteilen zu testen und damit im Ausland für die eigenen Produkte zu werben. So entschieden die Verantwortlichen in Mladá Boleslav sich, mit dem Škoda Sport, ein sportliches Derivat auf Basis des 1946 vorgestellten 1101 Tudor aufzubauen.

Ein Wagen besaß einen Roots-Kompressor

Der Rennwagen verfügte über ein gewichtsoptimiertes Fahrwerk und aufgrund der geringen Fahrzeughöhe mussten die Ingenieure die Aggregate anders anordnen und das Zentralrohr um 400 Millimeter kürzen, während sie die Gabelung des Skelettrahmens vorn verlängerten. Auch die Position der Lenkung sowie der Pedale passten sie an. Der Wagen erhielt eine niedrige, offene Karosserie, die in Handarbeit aus Aluminiumblech gedengelt wurde. Der Tank wurde hinter die beiden Sitze verlegt, für die Kraftstoffzufuhr sorgte eine elektrische Pumpe. Der Kühlergrill hatte fünf Rippen, und die Frontscheinwerfer waren in die Frontpartie eingefasst.

Beim Bau des Sport kamen überwiegend Serienteile aus dem Tudor zum Einsatz, einschließlich der 12-Volt-Bordelektrik der Firma PAL oder der Barum-Reifen. Es wurden zwei blau lackierte Fahrzeuge mit 1,1-Liter-Motor gebaut. Einer dieser Rennwagen sollte in der Klasse bis 1.500 ccm starten und leistete mit einem extra verbauten Roots-Kompressor 56 PS, während der für die Klasse bis 1.100 ccm bestimmte Wagen ohne Kompressor 42 PS besaß.

Von Brünn aus nach Le Mans

Beide Fahrzeuge starteten erstmals am 25. September 1949 beim Preis der Stadt Brünn, dem letzten Grand Prix der Tschechoslowakei für Monopostos. In der Klasse bis 1.100 ccm fuhr Jaroslav Netušil im Wagen ohne Kompressor zum Sieg, Václav Bobek belegte im Sport mit Kompressor den zweiten Platz in der Klasse bis 1.500 ccm. Für den Start in Le Mans entschied man sich für das Fahrzeug ohne Kompressor und optimierte es. Entsprechend der französischen Vorschriften und der bisher gesammelten Erfahrungen verlängerte man den Radstand um 180 Millimeter und montierte an den Seiten des Kühlergrills zwei zusätzliche Scheinwerfer. Weiterhin erhielt das nun in Nationalfarben lackierte Fahrzeug auch vor dem Beifahrersitz ein Windschutzschild und fuhr für seinen Einsatz an der Sarthe auf Michelin-Reifen.

Voll betankt und mit Werkzeug sowie Ersatzteilen an Bord, die man während des Rennens für nötige Reparaturen ausschließlich verwenden durfte, brachte der Wagen lediglich 700 Kilogramm auf die Waage. Unter der Motorhaube arbeitete der bewährte, wassergekühlte Vierzylindermotor mit 1.089 ccm Hubraum, der dank einer Verdichtung von 8,6:1, eines Solex 40 UAIP-Vergasers und weiteren technischen Anpassungen 50 PS (37 kW) bei 5.200 min-1 leistete. Mit dem damals üblichen Rennkraftstoff – einem Gemisch aus Benzin, Ethanol und Aceton – erreichte der tschechoslowakische Rennwagen eine Spitzengeschwindigkeit von 140 km/h bei einem Verbrauch von nur zwölf Litern auf 100 km. Mit vollem Tank konnte man vier Stunden am Stück fahren – ein klarer Vorteil für Václav Bobek und Jaroslav Netušil, die auf diese Weise längere Streckenabschnitte ohne Tankstopp zurücklegen konnten als ihre Konkurrenten.

Originalwagen wurden umfangreich restauriert

Die 24 Stunden von Le Mans begannen am 24. Juni 1950 um vier Uhr nachmittags mit dem klassischen Le-Mans-Start – die Fahrzeuge standen auf der einen Seite der Rennstrecke, die Fahrer auf der anderen. Mit dem Startschuss sprinteten sie zu ihren Rennwagen und sprangen hinters Steuer. Von 112 Interessenten ließen die Veranstalter 60 Teilnehmer zu. Václav Bobek und Jaroslav Netušil behaupteten sich lange erfolgreich gegen die Konkurrenz und lagen bald in aussichtsreicher Position. Doch nach 13 Stunden im Rennen verlor der Wagen in der 121. Runde an Leistung und das Team musste aufgeben. Ursache war mit einer gebrochenen Kolbenbolzensicherung ein „Pfennigteil“. Allerdings durften für die Reparatur nur im Wagen mitgeführte Teile verwendet werden und eine Ersatzsicherung war nicht an Bord.

Bis zu ihrem Ausscheiden kämpften sich Václav Bobek und Jaroslav Netušil mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 126 km/h auf den zweiten Platz der Klasse bis 1.100 ccm vor. Beeindruckend war auch der fünfte Platz in der damals üblichen Leistungskoeffizient-Sonderwertung. Bei dieser hervorragenden Leistung war es allenfalls ein schwacher Trost, dass auch keiner der Rivalen in der Klasse bis 1.100 ccm ins Ziel kam. Bei der darauffolgenden Auflage des Rennens in Le Mans trat aus politischen Gründen bereits kein Škoda mehr an. Der Sport kehrte zwar nicht nach Le Mans zurück, nahm in den darauffolgenden zwölf Jahren jedoch sehr erfolgreich an weiteren 80 Rennen in Mittel- und Osteuropa teil, bei denen Teams aus weiteren Ländern des Ostblocks starteten.

Im Laufe der Zeit statteten die Tschechoslowaken ihren Sport mit immer stärkeren Motoren aus – zuletzt in der Vergaser-Version mit 120 PS und einem Motor mit zwei Kompressoren, der 190 PS leistete. Nach einigen Aerodynamik-Modifikationen stellte der Le-Mans-Wagen 1953 mit 160,1 km/h den tschechoslowakischen Geschwindigkeitsrekord in der Klasse bis 1.100 ccm auf. Nachdem der Škoda-Rennstall den Sport ausgemustert hatte, gingen die Spezialfahrzeuge an private Fahrer, die sie noch bis 1963 bei Rennen einsetzten. 2020 hätte der umfassend restaurierte Originalwagen anlässlich des 70. Jubiläums seines Starts in Le Mans am Gedächtnisrennen Le Mans Classic teilnehmen sollen, das die Veranstalter allerdings aufgrund der Covid-19-Pandemie absagen mussten.

(ID:47487872)

Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group