Moderne Technik im Klassiker

Autor / Redakteur: sp-x / Steffen Dominsky

Old- und Youngtimer stehen für klassische Formen, aber auch betagte Technik. Wem das bei Letzterer zu viel der Nostalgie ist, dem kann geholfen werden: Moderne Technik im Klassiker lautet die Zauberformel.

Anbieter zum Thema

Neue Technik im historischen Kleid: „M-SL“ von Mechatronik.
Neue Technik im historischen Kleid: „M-SL“ von Mechatronik.
(Foto: Dominsky)

Sie zu lieben ist einfach: Kaum jemand kann sich dem Charme eines Old- oder Youngtimers entziehen. Doch der kollektive Liebeswahn hindert manchen auch daran, einfach mal die Wahrheit auszusprechen. Zum Beispiel, dass alte Scheinwerfer nur wenig Licht in die Dunkelheit bringen oder mancher betagte Motor schlicht und einfach ein Säufer und „Umweltsünder“ ist. Ganz zu schweigen davon, dass eine Notbremsung ohne das hilfreiche Eingreifen eines ABS schnell ungemütlich werden kann. Während Puristen gerade diese unverfälschte Ursprünglichkeit lieben, würde eine schweigende Minderheit klassische Karosserieformen gerne mit aktueller Technik kombinieren. Genau darauf hat sich eine Handvoll Spezialbetriebe eingestellt – hier implantiert man zeitgemäße Motoren und installiert hilfreiche Elektronik.

Anhänger der reinen Lehre werden vermutlich entsetzt den Kopf schütteln: Bei der Fahrt mit einem Oldtimer gehe es um das Vergnügen, die Lust am Umgang mit betagter Technik und die Freude über ein lange nicht mehr erlebtes Fahrgefühl. Außerdem, so werden sie vermutlich sagen, ist ein Klassiker nur selten bei Nacht unterwegs. Die wenigen Kilometer der üblichen Schönwetterausflüge ließen den Mehrverbrauch ebenfalls verschmerzen. Abgesehen davon sei es eine Sünde, den original erhaltenen Zustand eines solchen technischen Kulturguts zu verfälschen.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 10 Bildern

V8 in historischem Gewand

Doch es gibt eben auch Menschen, die anderer Ansicht sind. Das Unternehmen Mechatronik im baden-württembergischen Pleidelsheim hat sich grundsätzlich auf hochwertige Restaurierungen von Mercedes-Klassikern spezialisiert. Daneben bietet man aber auch etwas an, das hier „New-Tech-Restauration“ genannt wird. Dabei geht es um das Restaurieren des Autos an sich sowie um die Ergänzung mit aktueller Technologie. Mechatronik setzt auf Wunsch einen modernen V8-Motor in einen Pagoden-SL, montiert eine zeitgemäße Klimaanlage ebenso wie eine Antriebsschlupfregelung oder ein ABS. Und zwar so, dass die Veränderungen äußerlich selbst für einen Experten nicht oder nur äußerst schwer zu erkennen sind.

Mechatronik-Geschäftsführer Thorsten Klenk weiß sehr gut, dass nicht jeder Oldtimer-Liebhaber solche Maßnahmen befürwortet. Daher weist er auch darauf hin, dass der Einbau aktueller Technik nicht vornehmlich für perfekt erhaltene Klassiker gedacht ist – schließlich führen die Maßnahmen zu Schwierigkeiten z. B. bei der Erteilung eines H-Kennzeichens. Zur New-Tech-Restauration werde eher in Fällen gegriffen, in denen der Zustand des Restaurierungsobjekts miserabel ist und die originale Technik nicht zu retten ist bzw. fehlt.

Außerdem weist Klenk darauf hin, dass alle vorgenommenen Veränderungen zurückgebaut werden können. Wer also nach einiger Zeit lieber auf die Kraft des modernen Motors verzichten möchte, soll das Aggregat wieder gegen das Original austauschen lassen können – jedenfalls wenn Geld keine Rolle spielt. Denn was Mechatronik anbietet, lässt sich nicht mal so eben aus der Portokasse bezahlen. Für eine reine Techniktransplantation werden bis zu vier Monate Arbeitszeit angesetzt, die Kosten liegen dann zwischen 70.000 und 90.000 Euro. Noch kostspieliger wird die Sache, wenn außerdem Arbeiten an Karosserie und Interieur zu erledigen sind. Das dauert dann 12 bis 18 Monate und kostet bis zu 350.000 Euro.

Auch Georg Memminger Feine Cabrios setzt mit seiner Firma zumindest teilweise auf moderne Technik, wenn er wieder einmal einem klassischen Käfer Cabrio zu neuem Glanz verhilft. So gehört zu seinem Angebot ein selbst entwickeltes ABS-System. Das ordern laut Memminger vor allem jene Kunden, die mit dem Wagen auch mal den Nachwuchs fahren lassen wollen – denn den Umgang mit einem Auto ohne den Blockierverhinderer haben heutige Führerscheinneulinge nie gelernt. Besseres Licht für den Käfer ermöglicht Memminger ebenfalls: mit Bi-Xenon in den unverändert runden Scheinwerfergehäusen.

Den Höhepunkt des Angebots stellt jedoch ein neuer Einspritzmotor dar. Der Vierzylinder leistet gut 74 kW/100 PS, vor allem aber verbraucht er im Schnitt gerade einmal sieben Liter – der ursprüngliche Boxer im Heck des Käfers leistete bestenfalls um die 50 PS und soff dafür im Schnitt gut und gerne seine zwölf Liter, wenn er gefordert wurde. Wie auch bei Mechatronik sind derartige Umbauten keine Option für sparsame Naturen. Ein Motorumbau kann bis zu 20.000 Euro verschlingen, für den Rest gelten Preise „auf Anfrage“.

Modern auch in Details

Moderne Technik im Klassiker gibt es aber auch günstiger und mit weniger Aufwand. Weil alte Radios weniger durch guten Klang als vielmehr durch eine Tendenz zu ausgiebigem Rauschen auffallen, gibt es mittlerweile Geräte, die eine Optik im Stil der alten bieten, sich aber mit Musik von CD oder MP3 füttern lassen. Sendersuchlauf, Kartensteckplätze und USB-Anschlüsse sind ebenfalls selbstverständlich.

Auch Fahrwerksspezialisten wie H&R haben den Oldtimer-Liebhaber als Klientel entdeckt. Das Unternehmen Bilstein bietet sogar einen umfangreichen Klassikerkatalog an. Mit aktuellen Federn und Stoßdämpfern lässt sich manch betagtes Fahrwerk optimieren, womit das Fahrverhalten an das moderner Fahrzeuge heranreichen kann. Spezialisten wie Histronic wiederum nehmen sich der Motorelektronik an. Die Berliner rüsten alte Vergasermotoren mittels frei programmierbarer Kennfeldeinspritzung und -zündung auf und bauen auch alte mechanische Einspritzsysteme durch Elektronik auf – das Ganze von außen unsichtbar. Das verbessert die Fahreigenschaften und senkt gleichzeitig den Verbrauch.

Das alles ist sicher keine Option für jedermann. Aber es ist eine Option für diejenigen, die Oldtimer lieben und gleichzeitig die Errungenschaften aktueller Technik schätzen.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

(ID:39250370)