Ford Neuer Mustang Mach-E: Vom Rennpferd zum Nutztier

Autor: Jan Rosenow

Die Amerikaner nutzen den Namen des legendären Pony-Cars für ein elektrisches SUV. Das gefällt nicht allen – ändert aber nichts an den Qualitäten des Mach-E, der VW ID.4 und Tesla Model Y harte Konkurrenz machen dürfte.

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Fords erstes komplett neu entwickeltes Elektroauto, der Mustang Mach-E, soll im April zu den Händlern kommen.
Fords erstes komplett neu entwickeltes Elektroauto, der Mustang Mach-E, soll im April zu den Händlern kommen.
(Bild: Rosenow/»kfz-betrieb«)

Bis zu 1.420 Liter Kofferraum im Heck, dazu ein 81 Liter großes Staufach (mit Wasserablauf!) unter der Fronthaube sowie 750 Kilogramm Anhängelast: Beim neuen Mustang Mach-E stehen andere Werte im Mittelpunkt als Zylinderzahl und Kubik-Inches. Doch die Diskussion, ob ein SUV mit batterieelektrischem Antrieb den mystifizierten Namen des klassischen amerikanischen Sportcoupés überhaupt tragen darf, können der Hersteller und die Markenfans gerne unter sich ausmachen.

Hier soll es vielmehr um den Fahreindruck gehen, den der erste komplett neu entwickelte Ford-Stromer vermittelt. Die Autos, die der Hersteller am Berliner Flughafen für die Presse bereitgestellt hatte, entstammten zwar noch der Vorserie, aber abgesehen von ein paar Software-Fixes dürften sie schon dem Serienstand entsprochen haben. Die erste Charge aus der regulären Produktion befindet sich derzeit auf dem Schiff und soll im April zu den Händlern gelangen.

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Optisch jedenfalls kommt der Mach-E bei unvoreingenommenen Beobachtern gut an. Das ist im designtechnisch schwierigen Segment der SUV-Coupés aller Ehren wert. Mit einem Trick haben es die Ford-Designer geschafft, ein tatsächlich coupéhaft wirkendes Glashaus zu verwirklichen, ohne das Raumangebot und die Kopffreiheit im Fond zu stark einzuschränken: Das schwarz abgesetzte Dach wölbt sich deutlich über die scheinbare Dachlinie hinauf, was aber durch die Kontrastfarbe kaum auffällt; das wirkt besonders gut mit hellen Lackfarben. Elemente wie die charakteristischen Heckleuchten zitieren immerhin den „echten“ Mustang.

Das Platzangebot im Innenraum reicht für vier Personen aus, ist aber für 4,71 Meter Außenlänge nicht wirklich generös. Das gilt auch für den Kofferraum. Die Verarbeitung und die Materialien des Innenraums erheben Premiumanspruch, und das nicht nur im Vergleich zu dem, was Tesla und Volkswagen ID zu bieten haben. Sehr bequeme Ledersitze, hochwertige Kunststoffe mit Textileinsätzen am Armaturenbrett und eine Bang&Olufsen-Soundanlage schmückten den Testwagen.

Neue Funktionen per „Over-the-Air“-Update

Die Bedienung basiert auf der neuesten Generation des Ford-Kommunikationssystems Sync und findet nahezu komplett auf einem im Hochformat eingebauten 15,5-Zoll-Touchscreen statt. Durch maschinelles Lernen soll das System die Vorlieben des Fahrers immer schneller erkennen, sagt Ford – zuerst muss aber der Fahrer die Vorlieben des Systems erkennen, und das ist wie bei jedem touchbasierten Konzept am Anfang mit viel Eingewöhnung und Ablenkung verbunden.

Neben dem Hauptbildschirm gibt es ein 10,2-Zoll-großes Display vor dem Fahrer, auf dem die wichtigsten Fahrdaten eingeblendet werden. Ein Head-up-Display ist nicht lieferbar. Als dritter Bildschirm fungiert das Smartphone des Fahrers, das sich durch die Ford-Pass-App mit dem Auto vernetzen lässt. Neue Funktionen lassen sich über „Over-the-Air“-Updates einspielen.

Die GT-Variante sticht den V8-Mustang aus

Viel interessanter ist jedoch der elektrische Antriebsstrang. Der Amerikaner ist in zwei Batterievarianten zu haben, wobei schon die kleinere mit 68 Kilowattstunden (brutto: 75,7) eine alltagstaugliche Reichweite verheißt. Echte Langstreckentauglichkeit dürfte mit der Extended-Range-Variante sichergestellt sein, die aus knapp 99 kWh Speichervermögen immerhin 88 nutzbare kWh holt. Das ist nach den teuren Tesla-Modellen S und X die aktuell größte Batterie am Markt, und das für einen Preis vor Förderung von 54.475 Euro. Gegen Aufpreis ist ein Allradanrieb zu ordern, der durch einen zusätzlichen Motor an der Vorderachse dargestellt wird.

Die Leistung des Mustang Mach-E beträgt je nach Batterie- und Antriebsversion zwischen 198 kW/269 PS und 258 kW/351 PS. Diese Werte und die Drehmomente von 430 bis 580 Newtonmeter liegen deutlich näher an den fulminanten Tesla-Modellen als an der europäischen und koreanischen Konkurrenz – der Name Mustang verpflichtet eben. Und dabei ist die kommende GT-Variante noch gar nicht genannt worden. Diese soll es auf 860 Newtonmeter bringen und in 3,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigen. Da kommt dann auch der V8-Mustang nicht mehr mit.

Schnellladen mit maximal 150 kW

Bei den Testfahrten zeigte sich schon die Allradvariante mit großer Batterie als absolut souverän motorisiert. Der Fahrer kann zwischen drei Fahrmodi wählen, wobei sich nur das Ansprechverhalten der Motoren, nicht aber die Leistung ändert. Im sportlichsten Modus spielt der Mustang über die Lautsprecher so etwas wie ein V8-Grollen ein, das sich erstaunlich unpeinlich anhört.

Die Reichweite mit dem großen Batteriepaket gibt Ford nach WLTP mit 540 Kilometern an. Auf den topfebenen und strikt tempolimitierten Brandenburger Alleen – das ideale Geläuf für niedrige Verbräuche – meldete der Bordcomputer einen Energiebedarf von 18 kWh pro 100 Kilometer. Auf der Autobahn waren es um die 22. Am Ende der knapp 160 Kilometer langen Testrunde hatte die Batterie noch 60 Prozent Restkapazität. Im Alltag rechnen wir mit einer Reichweite von um die 400 Kilometern.

Die Ladetechnik ist konventionell: Am Wechselstromnetz akzeptiert das Ladegerät maximal 11 kW, per Gleichstrom 150. Ford ist Gründungsmitglied bei Ionity und bietet einen günstigen Stromtarif an, der Schnellladen für 31 Cent pro kWh ermöglicht.

Bestellung nur per Internet möglich

Kunden können den neuen Mustang ausschließlich im Internet bestellen. Dort werden sie aber an die Händler verwiesen, mit denen sie dann den Vertrag abschließen. Laut dem Hersteller dürfen alle Partner den Mach-E verkaufen; über die Hälfte der Partner hat die entsprechende Zusatzvereinbarung bereits unterzeichnet. Die Marge soll deutlich unter der für die konventionellen Autos liegen (laut Informationen, die »kfz-betrieb« vorliegen, im mittleren einstelligen Prozentbereich).

Für den zu erwartenden Konkurrenzkampf mit Tesla Model Y und VW ID.4 hat Ford mit dem neuen Mustang ein heißes Eisen im Feuer. Für einen Einstiegspreis von akzeptablen 46.900 Euro gibt es eine 75,7-kWh-Batterie, sportliches Design und viel Ausstattung. Ob sich die Fans des „echten“ Mustang damit einfangen lassen, bleibt abzuwarten. Aber wahrscheinlich wünschen sich genügend andere Interessenten ein modernes Elektroauto mit gelungenem Design und sportlichem Touch.

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Über den Autor

 Jan Rosenow

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Ressortleiter Service & Technik, Vogel Communications Group