„Nimm mich mit auf die Reise!“ – 75 Jahre Kapitän von Opel

Autor / Redakteur: sp-x / Steffen Dominsky

Mit dem Kapitän schipperte Opel einst durch die Oberklasse und wurde damit nicht nur für Mercedes zu einer ernsthaften Konkurrenz.

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Feiert 75. Jubiläum: der Opel Kapitän.
Feiert 75. Jubiläum: der Opel Kapitän.
(Foto: Opel)

Über drei Jahrzehnte war der Opel Kapitän das deutsche Wohlstandssymbol schlechthin und erzielte eine geradezu massenhafte Verbreitung unter Vorständen und Wirtschaftsführern, aber auch bei selbstständigen Handwerkern und Kaufleuten. In seinen besten Zeiten schaffte es der Opel im Format eines Straßenkreuzers sogar bis auf Rang drei der Zulassungsstatistik. Davon konnten andere Luxusliner aus Stuttgart oder München nur träumen. Sechs Zylinder waren Standard, aber auch mächtiges V8-Schwermetall amerikanischer Abstammung arbeitete ab 1965 unter der lang gestreckten Motorhaube des maritim benannten Rüsselsheimer Spitzenmodells. Abgelöst wurde der Kapitän 1970 durch die höher positionierten Typen Admiral und Diplomat. Dennoch: Den Nimbus des Kapitän erreichte keiner der Nachfolger, sodass sich Opel später sogar ganz aus dem automobilen Oberhaus verabschiedete.

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Der Kapitän ließ kaum eine Annehmlichkeit vermissen und kostete dennoch keinen Premiummarken-Aufpreis. Nie gab es mehr Opel fürs Geld. Möglich machte dies zumindest in den letzten Produktionsjahren auch amerikanische Großserientechnik. Schon vor einem Dreivierteljahrhundert kostete der stets innovative Kapitän mit 2,5-Liter-Reihensechszylinder und der ersten Pontonkarosserie im automobilen Oberhaus relativ günstige 3.575 D-Mark. Dagegen berechnete Mercedes für den Typ 230 bereits 5.875 D-Mark und BMW für den 326 mit kleinerem 2,0-Liter-Motor 5.500 D-Mark.

Amerikanische Modellangewohnheiten

Der Kapitän war der erste deutsche Nachkriegs-Sechszylinder und erreichte 1951 mit einer Länge von 4,72 Metern ein Gardemaß, gegen das sich der Mercedes 220 (4,51 Meter) oder der wenig später lancierte Borgward Hansa 2400 (4,46 Meter) geradezu kompakt ausnahmen. Reichlich Glanz und Gloria kombiniert mit großer Zuverlässigkeit machten den Rüsselsheimer Marinedienstgrad zur festen Größe unter den global erfolgreichen Luxusautos. Zeitweise wurden mehr als zwei Drittel der Rüsselsheimer Produktion exportiert.

Natürlich war auch in den fünfziger Jahren nicht alles Gold, was Opel mit dem Kapitän machte. Außer beim zweimillionsten Opel, der am neunten November 1956 mit vergoldeten Zierteilen vom Band rollte und die Kapitän-Serie vorläufig krönte. Ansonsten musste sich auch das Opel-Flaggschiff bisweilen heftige Kritik gefallen lassen. Zunächst galt diese dem typisch amerikanisch weich ausgelegten Fahrwerk, weshalb Opel zum Modelljahr 1951 eine geänderte Vorderradaufhängung nebst strafferer Abstimmung einführte. 1953 ersetzte eine modische Pontonform das inzwischen überlebte Vorkriegsdesign. Der Kühlergrill kündete mit amerikanischem „Dollargrin“ – vom deutschen Volksmund wegen einer auffälligen Chromspange allerdings Haifischmaul genannt – vom Einfluss aus Detroit.

Tatsächlich folgten nun typisch amerikanische, jährliche Designmodifikationen, die 1958 im Kapitän P 2,5 kulminierten. Dieser brach in der europäischen Oberklasse alle Rekorde. In gut drei Jahren verkaufte Opel über 145.000 Einheiten, dies auch dank zeitgenössischer Accessoires wie Zweifarbenlackierung, neuartiger Servolenkung und „Hydra-Matic“-Getriebeautomatik. Noch einmal galt wie schon in den fünfziger Jahren: Die Prominenz aus Geschäfts- und Filmwelt gönnte sich den größten Opel. Walter Giller, Gerd Fröbe, Heinz Rühmann, Hildegard Knef und Boxer-Legende Max Schmeling, sie alle fuhren Kapitän im Film und im Leben.

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1964 holte die Marke im Zeichen des Blitzes zum entscheidenden Schlag aus: Aus einem Oberklassemodell wurden die „Großen Drei“, wie sie Opel bezeichnete. Auf den Kapitän folgten Admiral und Diplomat, in der Werbung kurz „KAD“- oder „Prominentenklasse“ genannt. Während der Admiral als Luxusversion des Kapitän fungierte, sollte der Diplomat durch einen 140 kW/190 PS starken Chevy-V8 gegenüber der Mercedes-Benz S-Klasse mit Sechszylindermotoren einen Prestigevorsprung aufbauen.

Vor allem aber war es Tempo, das zählte. Der Kapitän galt als schnellster Sechszylinder mit sechs Sitzplätzen in zwei Reihen, der Diplomat als spurtstärkste deutsche V8-Limousine, die sogar die prestigeträchtige 200-km/h-Marke knackte und so mit dem Mercedes-Benz 600 gleichzog. Für Kostenbewusste bot Opel die Noblesse des Achtzylinders ab 1965 auch in den Typen Admiral und Kapitän an.

Als die KAD-Reihe im Dezember 1968 auslief, zeigte sich Opel mit dem Absatzerfolg zufrieden. Allerdings konnte dies nur noch für die Gesamtstückzahl gelten. Der Kapitän war deutlich weniger gefragt als die besser ausgestatteten Schwesternmodelle Admiral und Diplomat. Mit dem Abgang des Kapitän verlor Opel nicht nur eine automobile Führungspersönlichkeit, sondern auch einen Leitstern, der die Marke hell leuchten ließ. Diesen Glanz versucht Opel bis heute wieder zu finden.

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