Nio-House in Peking: Der Lifestyle-Tempel der Auto-Avantgarde

Autor / Redakteur: sp-x / Andreas Wehner

Mit dem klassischen Autohandel kann man Nio gestohlen bleiben. Die chinesischen Newcomer setzen für ihre Elektroautos auf ein Boutique-Konzept in schicker Optik und mit jeder Menge Technik.

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Nio setzt in seinem Boutique-artigen Store in Peking auf Design und Technik.
Nio setzt in seinem Boutique-artigen Store in Peking auf Design und Technik.
(Bild: sp-x)

Die Damen bei Tiffany’s sind gelangweilt und nebenan bei Armani polieren sie jetzt schon zum dritten Mal in einer Stunde den blitzblanken Tresen – seitdem die neuen Nachbarn eingezogen sind, ist in den beiden Shops in der vornehmen Oriental Plaza Mall im Herzen Pekings nicht mehr ganz so viel los.

Zwei Läden weiter dagegen können sie sich seit einem halben Jahr vor Andrang kaum retten und haben an einem normalen Wochenende schnell 1.000, an einem guten auch mal 2.000 Gäste. Dabei gibt es hier streng genommen noch gar nichts zu kaufen. Denn der neue Nachbar ist Nio, eine der aussichtsreicheren Neugründungen auf dem chinesischen Automarkt, die im Fahrwasser von Tesla & Co. die elektrische Revolution auf der Straße vorantreiben möchte.

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Und das einzige, was die Chinesen aktuell anzubieten haben, sind bunte Visionen und ein paar Vorserienmodelle. Seit gut einem Jahr kann die Marke zwar zumindest ein Serienauto vorweisen, doch gibt bislang weder Probefahrten, geschweige denn erste Auslieferungen.

Dass Männer wie Verkaufsleiter Jacky trotzdem viel zu tun haben in den drei Schichten von 10 Uhr morgens bis 22 Uhr abends und dass Nio selbst Marken wie Armani oder Tiffany’s das Leben schwer macht in der Oriental Plaza Mall liegt am eigenwilligen Vertriebskonzept der Chinesen: „Wir wollen mit dem klassischen Autohandel und seinen Autohäusern nichts mehr zu tun haben“, sagt Jacky und vergleicht das so genannte Nio-House eher mit einer noblen Boutique als einem konventionellen Showroom.

Damals, als das repräsentative Eckgebäude in Sichtweite der Verbotenen Stadt noch Audi gehörte, standen die Autos hier dicht an dicht. Heute dagegen sieht man auf den rund 1.500 Quadratmetern im Erdgeschoss gerade mal drei Fahrzeuge: Den elektrischen Supersportwagen EP9, mit dem Nio den Rundenrekord auf der Nordschleife hält, einen Rennwagen aus der Formel 1 und den ES8, der als elektrisches SUV mit sechs Sitzen gegen Modelle wie den VW Terramont oder den Mercedes GLS antreten will.

„Daran wird sich auch nichts ändern, wenn wir mal mehr Baureihen haben“, sagt Jacky. Denn uns geht es hier nicht um einzelne Modelle, sondern um den Aufbau der Marke. „Wir wollen den Kunden eine neue Lebenswelt präsentieren und uns so von etablierten Firmen abheben“, doziert der junge Mann mit Maßanzug und Hipster-Bart und lässt den Blick durch die Leere schweifen, die weniger nüchtern als nobel wirkt.

Eine Runde im Rennsimulator drehen

Außerdem hat Lucky so Platz für ein paar buchstäbliche Spielereien, die sich andere Hersteller nur schwerlich leisten können. Zum Beispiel den riesigen Fahrsimulator mit VR-Technik und Großbildleinwand, auf dem jeder Besucher die Rekordrunde des EP9 auf der Nordschleife nachfahren kann. Wobei man schon verdammt schnell auf der Datenautobahn unterwegs sein muss, wenn man den Eifelkurs tatsächlich in 6 Minuten und 45 Sekunden schaffen will.

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