Nissan Cherry: Süßer Verführer der Deutschen

Autor / Redakteur: sp-x / Andreas Grimm, Andreas Grimm

Vor 40 Jahren endete die Dominanz der deutschen und europäischen Hersteller im Automobilvertrieb: Nissan gelang mit dem Cherry der Durchbruch in Deutschland, was vielen Japanern die Tür öffnete.

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Mit dem Cherry schickte sich Nissan im Sommer 1972 an, den deutschen Automarkt durchzuwirbeln. Er war der Türoffner für die "gelbe Gefahr" der hiesigen Autoindustrie.
Mit dem Cherry schickte sich Nissan im Sommer 1972 an, den deutschen Automarkt durchzuwirbeln. Er war der Türoffner für die "gelbe Gefahr" der hiesigen Autoindustrie.
(Foto: Nissan)

Im Sommer vor 40 Jahren definierten die Nissan-Manager ihr Startaufgebot für die Eroberung des deutschen Marktes. Speerspitze beim Vorstoß auf das 123ste und vielleicht schwierigste Exportland sollte der Cherry („Kirsche“) werden, Nippons erster moderner Mini. Mit Frontantrieb, quer eingebautem und sparsamem 33 kW/45 PS-Vierzylinder sollte der Datsun Cherry alle bestehenden Vorurteile gegenüber den „Reisschüsseln“ ausräumen.

Als der Cherry in Vergleichstests den Kult-Kleinwagen Renault 5 schlug und gleichzeitig der Imageträger Datsun 240Z bei der Safari-Rallye den Porsche 911 davonfuhr, schlug die öffentliche Meinung um: Nissan/Datsun wurde nun erstmals in Europa als „gelbe Gefahr“ bezeichnet. Der Cherry entwickelte sich zum frühen japanischen Bestseller, der zu erschwinglichen Kosten und in konkurrenzloser Karosserievielfalt als erster Datsun in Deutschland über 100.000 Zulassungen erzielte.

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In vier Generationen und sogar mit Alfa-Romeo-Logo sorgte der Cherry in Europa für Furore, dann machte er 1986 Platz für gleich zwei Nachfolger, den Sunny und den Micra. Erfolgreich war der Cherry nicht nur in den Verkaufsstatistiken, er war auch Musterknabe in Mängellisten der deutschen Prüf- und Pannendienste. Was ihn am Ende aber nicht davor feite, verschrottet und vergessen zu werden, so wie andere Massenautos, die (zunächst) ohne Aura bleiben.

Als er nach Deutschland kam, war der Cherry in seiner Grundkonzeption bereits sieben Jahre alt. Im damals eher biederen Kleinwagenangebot japanischer Marken wurde der Nissan Cherry 100A ein Volltreffer, der modebewusste Frauen ebenso ins Herz traf wie karrierebewusste junge Männer. Den Cherry gab es schon bald als zwei- und viertürige Stufenhecklimousine, als geräumigen dreitürigen „Combi“ mit fast extravaganter Linienführung und als Coupé 120A. Die Limousine und der Combi boten auf nur 3,61 Metern Länge Platz für vier Erwachsene und viel Gepäck, das bequem durch die weit aufschwingende Kofferraumklappe eingeladen werden konnte.

Überzeugung der Amerikaner

Einen Cherry als Dream Car enthüllte Nissan dagegen 1970 auf der Tokyo Motor Show in Form des futuristischen 270X. Ein Konzept-Fahrzeug, das auch die Amerikaner auf den ersten wirklich kleinen Nissan/Datsun einstimmte. In den USA wurde der winzige Japaner über rund 1.000 Händler angeboten und fand vor allem in Coupéform als kleiner Bruder der legendären 240Z- bis 300Z-Sportwagen erstaunlich viele Liebhaber.

Dann wurde der Cherry F-II vorgestellt und Nissan erlebte ein kleines Desaster. Technisch hatte sich die zweite Cherry-Generation kaum verändert, optisch war sie aber in derart barocke Kleider gehüllt, dass nicht einmal die Amerikaner Gefallen an dem kleinen Datsun fanden. In Deutschland blieb bis Ende 1977 der erste Cherry parallel im Angebot, dann dauerte es zwei Jahre, ehe Nissan mit der dritten Cherry-Generation wieder in der kleinen Klasse punkten konnte. Die einstige Alleinstellung im Markt war jedoch verloren.

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