Nissan Leaf: Erwachsener Stromer

Autor: Julia Mauritz

Durch eine Reichweite von knapp 300 Kilometern und das gelungene Gesamtkonzept hat der Nissan Leaf mittlerweile das Zeug zum Erstauto. Das schlägt sich offenbar auch in der Nachfrage nieder: Sieben bis acht Monate müssen Kunden aktuell auf das Auto warten.

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Der neue Nissan Leaf hat in puncto Reichweite deutlich zugelegt.
Der neue Nissan Leaf hat in puncto Reichweite deutlich zugelegt.
(Bild: Mauritz/»kfz-betrieb«)

Die Elektroautopioniere, die vor acht Jahren den damals ganz neu eingeführten Nissan Leaf kauften, mussten noch Nerven aus Drahtseilen haben, wenn sie sich nennenswert von einer Steckdose entfernen wollten: Selbst nach dem realitätsfernen NEFZ-Modus ging dem Leaf bereits nach 122 Kilometern der Saft aus. Mit jedem Facelift erweiterte Nissan schrittweise die Reichweite – zuletzt auf 175 Kilometer. Ein Wert, über die die zweite Generation des weltweit meistverkauften Elektroautos der Welt, die seit März 2018 offiziell auf dem Markt ist, nur müde lächeln kann: In neuen WLTP-Messmodus bringt es der Leaf vor allem dank einer neuen, 40 kWh starken Lithium-Ionen-Batterie auf eine Reichweite von 285 Kilometern – das entspricht im alten NEFZ-Messmodus wohlklingenden 378 Kilometern.

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Die aktuelle Reichweite macht den neuen Nissan Leaf, der in der Basisversion 31.950 Euro kostet, nicht nur als Zweitauto für den reinen Stadtverkehr attraktiv. Das bestätigt auch Nissan: Das Modell sei vielfach als Erstauto im Einsatz und bei technikaffinen Pendlern beliebt. Im Schnitt, so hat der Kölner Importeur errechnet, lege ein Leaf-Fahrer täglich 37 Kilometer mit dem Stromer zurück. 70 Prozent der Käufer seien aktuell Privatkunden, der Männeranteil liegt bei 60 Prozent. Diese Verteilung wird sich nach Ansicht von Produktmanager Michel Jansen jedoch noch ändern: Er rechnet perspektivisch mit einer Zunahme des Gewerbekundenanteils auf rund 50 Prozent.

Rund 5.000 Einheiten des Leaf stehen bei Nissan hierzulande auf dem Verkaufsplan. Zum Vergleich: Das 2017 meistverkaufte E-Auto in Deutschland, der Renault Zoe, hatte im vergangenen Jahr gut 4.300 Käufer gefunden.

Die europaweit hohe Nachfrage – Nissan lagen bereits kurz nach dem Marktstart 34.000 Vorbestellungen vor – hat auch für die 3.000 Kunden, die bereits im Vorverkauf einen Leaf bestellt haben, Folgen: Sie müssen aktuell zwischen sieben und acht Monate auf ihren Stromer warten.

Doch das Warten auf das neue Modell lohnt sich allemal: Der Nissan Leaf ist ein optisch und technisch gelungenes Auto. Nissan fährt die Strategie, dass ein Elektroauto nicht direkt als solches erkennbar sein muss. Statt auf ein polarisierendes futuristisches Außendesign setzt der Hersteller auf den aktuellen Massengeschmack. Das gilt auch für den Innenraum. Statt auf rein digitale Anzeigen setzt Nissan auf einen Mix zwischen analogen und digitalen Elementen. Die Innenraumanmutung ist haptisch wie optisch hochwertig, die Sitze sind bequem und das Raumangebot ist auch auf der Rückbank erstaunlich geräumig. Gleiches gilt für den Kofferraum: Er schluckt beachtliche 435 Liter. Klappt man die Rückbank um, steigt das Volumen auf 1.176 Liter.

110 kW/150 PS Leistung

Die Leistung ist dank einer 40 kWh starken Lithium-Ionen-Batterie um 38 Prozent auf 110 kW/150 PS gestiegen, das Drehmoment um 26 Prozent auf 320 Newtonmeter. In 7,9 Sekunden beschleunigt der Leaf von 0 auf 100 km/h. Das bringt in Kombination mit dem niedrigen Schwerpunkt, den Nissan durch die neue Batterieanordnung ermöglicht hat, ein sportliches Fahrgefühl.

Für Fahrerlebnisse der besonderen Art sorgt aber vor allem das neue E-Pedal: Es ermöglicht es dem Fahrer, mit dem Gaspedal nicht nur zu beschleunigen, sondern auch rekuperativ zu bremsen. Nimmt man den Fuß vom Gaspedal, verzögert das Fahrzeug dosiert bis zum völligen Stillstand. Auch wenn das gewöhnungsbedürftig klingt und spätestens bei der ersten Kreuzung auch gewöhnungsbedürftig ist, lernt man die Vorteile des E-Pedals schnell zu schätzen.

Nach der rund 150 Kilometer langen Testfahrt mit dem Leaf durch den Taunus war die Batterie noch über 40 Prozent geladen.

Ist die Batterie leer, braucht der Leaf rund 8,5 Stunden, bis er wieder voll aufgeladen ist, wenn man ihn an einer 22-kW-Wallbox auflädt. An einer Schnellladestation lädt sich der Akku binnen 40 bis 60 Minuten auf 80 Prozent auf. Lädt man ihn allerdings mehrfach hintereinander an einer Schnellladestation auf, erhöhen sich die Ladezeiten, um die Batterie zu schützen. Der Grund: Die Batterie verfügt nicht über eine Flüssigkeits,- sondern eine Luftkühlung.

Anders als beim Vorgängermodell ist es beim neuen Leaf nicht mehr möglich, die Batterie zu leasen – eine Möglichkeit, die nach Aussage von Michel Jansen ohnehin gerade einmal fünf Prozent der Leaf-Käufer gewählt hatten. Die Sorgen der Käufer, die Batterie könne gerade nach mehreren Schnellladevorgängen schlappmachen, nimmt ihnen der Hersteller durch eine Garantie von acht Jahren oder 160.000 Kilometern.

Insgesamt gibt es vier Ausstattungsvarianten: Die empfehlenswerte Wärmepumpe, die den Energieverbrauch senkt und die Reichweite erhöht, gibt es erst ab der Acenta-Option, die preislich gut 3.500 Euro über der Basisversion liegt.

Zahlreiche Assistenzsysteme

Mit an Bord hat der Nissan Leaf eine ganze Armada an fortschrittlichen Assistenzsystemen. Zu erwähnen sind vor allem die beiden teilautomatisierten Fahrerassistenzsysteme: Das System Pro-Pilot reguliert automatisch den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug und sorgt dafür, dass der Leaf mittig in der Fahrspur bleibt. Eine automatische Bremsfunktion bis zum Stillstand des Fahrzeugs gehört auch zum Funktionsumfang. Rollt der Verkehr nach einem kurzen Stillstand wieder, gibt der Leaf automatisch Gas. Der automatische Parkpilot übernimmt den kompletten Parkvorgang, der Fahrer muss weder bremsen noch Gas geben.

Während Pro Pilot serienmäßig ab der zweithöchsten Ausstattung N-Connecta verbaut und der Parkpilot nur eine Option in der höchsten Ausstattungslinie Tekna ist, die preislich an den 40.000 Euro kratzt, sind die Berganfahrhilfe, der autonome Notbremsassistent mit Fußgängererkennung, ein aktiver Spurhalteassistent mit korrigierendem Bremseingriff, ein Fernlicht und Totwinkel-Assistent, ein Querverkehrwarner und eine Verkehrszeichenerkennung schon in der Einstiegsversion serienmäßig mit an Bord.

Fazit: Für die Käufer, die nicht regelmäßig Strecken von mehreren Hundert Kilometern am Stück zurücklegen und die sich mit einer Höchstgeschwindigkeit von 144 km/h begnügen, ist der neue Nissan Leaf durchaus eine sinnvolle Alternative zum Verbrenner. Wem die Reichweite nicht genügt, der sollte auf den Leaf Modelljahr 2019 warten, der Mitte des kommenden Jahres mit einer leistungsstärkeren Batterie auf den Markt kommen soll, vermutlich mit einer Leistung von 60 kWh.

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