70 Jahre Setra Omnibusbau im Baukastensystem

Autor: Steffen Dominsky

Mit insgesamt sechs Baureihen hat die Ulmer Traditionsmarke in den vergangenen sieben Jahrzehnten oftmals Maßstäbe gesetzt. Den europäischen Omnibusbau hat sie entscheidend mitgeprägt.

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Der erste Setra: Ausgestattet war der S 8 mit einem Sechszylinder-Dieselmotor von Henschel mit 95 PS. Die bei ausführlichen Belastungstests ermittelten Messungen übertrafen die gestellten Erwartungen, und die Fahreigenschaften stellten alles Bisherige in den Schatten. Grund für die Idee zum selbstragenden Omnibus war übrigens die Tatsache, dass die Lkw-Hersteller den Omnibusbauern schlicht zu wenig Fahrgestelle liefern konnten/wollten.
Der erste Setra: Ausgestattet war der S 8 mit einem Sechszylinder-Dieselmotor von Henschel mit 95 PS. Die bei ausführlichen Belastungstests ermittelten Messungen übertrafen die gestellten Erwartungen, und die Fahreigenschaften stellten alles Bisherige in den Schatten. Grund für die Idee zum selbstragenden Omnibus war übrigens die Tatsache, dass die Lkw-Hersteller den Omnibusbauern schlicht zu wenig Fahrgestelle liefern konnten/wollten.
(Bild: Daimler AG)

Sie gilt als eine der ersten, die es im Omnibusbau anwendete: die Marke Kässbohrer und das damals revolutionäre Konstruktionsprinzip der selbsttragenden Karosserie. 1951 war das, als die Ulmer ihren S 8 vorstellten und der Marke ihren Namen gaben. Setra steht schlicht für „selbsttragend“. Das erste in Serie gefertigte Modell mit selbsttragender Karosserie, Heckmotor und direktem Antrieb auf die Hinterachse wurde anlässlich der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt präsentiert. Die ersten Setra-Busse verhalfen dem Prinzip der selbsttragenden Bauweise zu ihrem Durchbruch. Der Verkaufsschlager war der S 10, der zweite Setra-Typ nach dem S 8. Er hatte einen längeren Fahrzeugkörper als sein Vorgänger mit maximal zehn Sitzreihen sowie einen vergrößerten vorderen Überhang.

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Völlig neu für diese Zeit des Omnibusbaus war das erste Setra-Baukastensystem, das im Jahre 1959 eingeführt wurde. Dank dieses konsequent durchdachten Modulprinzips konnten die Fahrzeuge rationeller hergestellt werden. Die Tagesproduktion lag in dieser Zeit bei vier Einheiten.

Der Übergang der Setra-Baureihe 10 zur Baureihe 100 im Jahr 1967 war ein weiterer Schritt zur Industrialisierung des Omnibusbaus im Unternehmen. Alle neuen Modelle wurden nach dem zweiten Setra-Baukasten aus zahlreichen Gleichteilen gefertigt. Optisch zeichneten sich die Omnibusse der Baureihe 100 durch ihre kantigere Form, höheren Komfort, einen vergrößerten Fahrgastraum und eine erweiterte Innenstehhöhe aus.

Querstrombelüftung erstmals in der Baureihe 200

Im Jahr 1976 ging die Setra-Baureihe 200 mit sechs Typen an den Start. Die Fahrzeuge der dritten Setra-Generation bestachen durch eine zeitlose Eleganz in der Linienführung ihres Designs, das auf Wertbeständigkeit und Zweckmäßigkeit ausgerichtet war. Weiche Rundungen und sanfte Übergänge sowie klare Konturen entsprachen ganz den damals aufkommenden elementaren Grundsätzen des Fahrzeugdesigns. Die Busse der Baureihe 200 zeichneten sich außerdem durch eine völlig unabhängig arbeitende Lüftung und Heizung für Fahrer und Cockpit aus, einschließlich einer intensiven Entfrostung der Frontscheibe.

Das Jahr 1991 war das Startjahr für die Baureihe 300, die das Unternehmen nach einer sechsjährigen Entwicklungszeit präsentierte. Zu den auffälligsten Merkmalen der neuen Reihe gehörten die markante Schwinge hinter dem Cockpit-Bereich sowie das völlig neu entwickelte Integralspiegelsystem, das der Baureihe ihr einzigartiges „Gesicht“ verlieh. Die beheizbaren und von innen verstellbaren, abgeknickten Spiegelarme vermittelten dem Fahrer eine sehr gute Sicht entlang beider Seiten des Busses. Ein weiteres wesentliches Merkmal war das ergonomisch gestaltete Cockpit, in dem die wichtigsten Einzelinstrumente im Primärblickfeld des Busfahrers lagen.

Markante Schwinge und Integralspiegel: Die Baureihe 300

Während sich die Reisebusse der Baureihe 300 auf dem europäischen Omnibusmarkt etablierten, arbeiteten die Entwickler an der Markteinführung der Kombibusse für den Linien-, Überlandlinien- und Ausflugsverkehr. Aus einem Basismodell wurden in modularer Bauweise drei verschiedene Busvarianten entwickelt. Sie alle hatten den gleichen Aufbau, das gleiche Fahrwerk, jedoch unterschiedliche Fahrgasträume.

Um die Übersicht über die Modellpalette zu erleichtern, begann mit der Baureihe 300 die Gliederung des Omnibus-Angebots in die drei Gattungen Top-Class, Comfort-Class und Multi-Class. Mit der Top-Class 400 im Jahr 2001 läutete Setra eine neue Dimension im Reisebusbau ein, die Reisen auf höchstem Niveau für Fahrgast und Fahrer garantieren sollte. Das Design wurde geprägt durch die chromfarbene Schwinge, die „La Linea“ genannt wurde. Deren Erweiterung durch die Reisebusse der Comfort-Class 400 erfolgte im Jahr 2004. Im September 2005 gingen dann schließlich die Überlandlinienbusse der Multi-Class 400 an den Start. Insgesamt umfasste die Baureihe 400 mehr als 20 Typen.

Blüte und Niedergang

Was bei der ganzen schönen Modellgeschichte der Marke Setra nicht vergessen werden soll, ist die Historie des Unternehmens Kässbohrer. Ende der Achtzigerjahre beschäftigte es sage und schreibe rund 9.000 Frauen und Männer und war somit die zweitgrößte GmbH in Deutschland. Doch der Wandel zu immer mehr Globalisierung und die stetig wachsende internationale Konkurrenz setzten dem Familienunternehmen zu. In der Phase einer wirtschaftlichen Rezession wurden plötzlich tiefe Einschnitte notwendig. Der Marktanteil sank stetig, und die Ulmer bauten immer mehr Arbeitsplätze ab.

Ab 1993 begann die Auflösung des Konzerns. Den Bereich Nutzfahrzeugaufbauten, Sattelauflieger und Anhänger verkaufte man an Mitbewerber Kögel – mit Ausnahme der Sparte Tank- und Silofahrzeuge. Diese übernahm die Fahrzeugwerke Rohr, Straubing, und verkaufte diese wieder. Mittlerweile sind die Rohr Spezialfahrzeuge ihrerseits eine Tochtergesellschaft der Kässbohrer Transport Technik GmbH. 1994 erfolgte die Auslagerung des letzten gewinnbringenden Bereichs, der Geländefahrzeugsparte mit Pisten-Bully und Beach-Tech, in das eigenständige Unternehmen Kässbohrer Geländefahrzeug GmbH. 1995 kam das Aus für den Mutterkonzern. Die Daimler-Benz AG kaufte Setra auf und legte seine Bus-Sparte Mercedes-Benz mit Setra zusammen. Seitdem firmiert dieser Bereich unter dem Namen Evo Bus. Die Fahrzeuge werden weiter unter ihren Markennamen Setra und Mercedes-Benz verkauft.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group