Gefahren Opel Rocks-E: Der ist gar kein Auto

Autor / Redakteur: spx / Marie-Madeleine Aust

Microcars sind in Deutschland kaum gefragt – nicht zuletzt wegen des geringen Sicherheitslevels. Trotzdem bringt Opel jetzt ab 8.000 Euro eine Blitz-Variante des Citroen Ami.

Firmen zum Thema

Der Rocks-e von Opel ist kein Auto, sondern ein Moped mit Dach und vier Rädern – zugelassen als Leichtkraftrad.
Der Rocks-e von Opel ist kein Auto, sondern ein Moped mit Dach und vier Rädern – zugelassen als Leichtkraftrad.
(Bild: Opel)

Mit seinem Elektro-Würfel namens Rocks-e beschreitet Opel neue Wege. In jeder Hinsicht. Zunächst einmal, damit wir das abhaken können: Nein, dieser vollelektrische Würfel zahlt nicht aufs Flottenverbrauchs-Konto von Opel ein, reduziert also nicht den CO2-Rucksack. Es gibt auch keinen Elektrobonus vom Staat und keine Airbags. Genau genommen ist der kleine Rocker auch gar kein Auto. Das sagt selbst Opel ohne falsche Scham. Und das ist wichtig. Denn sonst bekommt man den Lütten in den falschen Hals.

Der Rocks-e ist ein Moped mit Dach und vier Rädern, zugelassen als Leichtmobil der Klasse L6e. Er kann damit ab 15 Jahren mit dem Führerschein Klasse AM gefahren werden. Das bedeutet auch, dass er ein kleines Mofa-Versicherungskennzeichen erhält (was natürlich nicht wirklich cool aussieht), nicht zum TÜV muss, keine Steuern zahlt, aber auch nicht schneller als 45 km/h fahren darf. Blitzerfotos werden wir vom Rocks-e eher selten sehen.

So, und schon sind wir auf der Spur, wo der in Marokko gebaute Rocks-e seine neuen Kumpel finden soll. Als Bindeglied zwischen Mofa und Auto hat Opel vor allem Fahranfänger oder Jugendliche im Visier, die in der City möglichst günstig und trocken von A nach B kommen wollen. Opel-Marketingchef Albrecht Schäfer sagt: „Wir wollen mit dem Rocks-e junge Kunden an die Marke Opel heranführen“. Also Achtung, an den Schulen könnte es demnächst noch enger mit den Parkplätzen werden. Auch das Vertriebskonzept passt zur neuen Jugendbewegung: Hauptsächlich soll der Baby-Stromer nämlich online verkauft werden. Per Klick zum E-Mobil, so macht es in Frankreich auch Citröen mit dem nahezu baugleichen Ami.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 7 Bildern

Quadratisch, praktisch, gut?

Opel nennt sein neues Projekt „Sustainable Urban Mobility“, abgekürzt SUM. Heißt so viel wie nachhaltige städtische Mobilität. Und ja, viel nachhaltiger als mit dem SUM kann man in diesen Tagen nicht unterwegs sein. Es sei denn, man fährt Fahrrad oder geht gleich zu Fuß. Auf die XXS-Verkehrsfläche von 3,35 Quadratmetern (Länge 2,41 Meter, Breite 1,39 Meter) baut Opel möglichst viel, was nach Auto aussieht. Vier Räder, an jeder Ecke eins, sind schon mal ein guter Anfang. Überhänge gibt es so gut wie keine, der Wendekreis beträgt nur 7,20 Meter. Damit lässt sich der Rocks-e dort einparken, wo andere ihre Mülltonne abstellen. Vorne zwei Kulleraugen mit LED-Technik, die Andeutung des neuen Vizor-Grills, dazwischen zwei gegenläufig öffnende Türen, die Scheiben rundum so steil wie die Eigernordwand.

Quadratisch, praktisch, gut? Die Fahrertür ist hinten angeschlagen, öffnet also nach vorne. Im Volksmund heißen solche Zugänge Selbstmördertüren, das hatten früher viele Kleinwagen. Kurbelfenster gibt es nicht, die untere Hälfte der Seitenscheibe klappt einfach hoch, so wie früher bei der Ente. Klaustrophobie kommt nicht auf im Opel-Quadrat. Dafür sorgen schon das serienmäßige Panorama-Glasdach und die unendliche Weite vor dem Lenkrad. Auch hinterm Steuer ist erstaunlich viel Platz, selbst für Menschen mit Gardemaß. Zwei davon passen rein und sitzen leicht versetzt auf sparsam gepolsterten Mini-Sitzen, die wirklich nur für die City-Tour konzipiert sind. Der Einkauf findet im Fußraum auf der Beifahrerseite Platz, der Rest verschwindet in großen Türtaschen oder einer der vielen Ablagen.

Minimalismus pur

Wir wollen nicht drumherum reden: Im Rocks-e ist alles auf absoluten Minimalismus ausgelegt. Eine Klimaanlage gibt es nicht, die laute Lüftung heizt den Innenraum um maximal sechs Grad auf, da kann man im Winter schon mal Eisbeine bekommen. Ein Infotainment-System glänzt ebenfalls durch Abwesenheit. Lediglich ein kleines Schwarz-Weiß-Display informiert über Tempo und Ladezustand. Das war es an Unterhaltung. Wer Musik hören will, kann selbst Singen oder verbindet sein Handy mit dem USB-Port und klickt es in die optionale Halterung. Dazu ein Bluetooth-Lautsprecher, fertig ist die rollende Party-Box.

Vieles ist ganz einfach hier drin: der Kunststoff, die Bedienung, die Ausstattung. Wer nach oben blickt, sieht die unverkleideten Vierkanteisen des Gitterrohrrahmens. Die Varianten „Tekno“ oder „Klub“ (plus 800 Euro) machen die triste Plastiklandschaft mit gelben (Teko) oder grauen (Klub) Farbakzenten etwas freundlicher. Radkappen im X-Design, eine Freisprecheinrichtung und eben die Smartphone-Halterung sind dann auch an Bord.

75 Kilometer Reichweite mit 5,5 kWh-Akku

Wie fährt sich jetzt so ein Moped mit Dach? Zunächst zu den technischen Fakten: Mit bescheidenem 5,5 kWh-Akku soll der Rocks-e immerhin 75 Kilometer weit kommen, das Aufladen an einer Haushaltssteckdose dauert 3,5 Stunden (ein Ladekabel ist im Rocks-e montiert), die Leistung des E-Motors beträgt süße 5,9 kW/8 PS. Doch die müssen auch nur 471 Kilogramm zum Rollen bringen und stehen direkt aus dem Stand stramm. Deshalb bewegt sich das Kleinstmobil auch keineswegs wie eine Wanderdüne. Beim Ampelstart geht‘s tatsächlich recht flott voran, sogar mit mehr Bewegungsdrang als gedacht. Untermalt von einer Geräuschkulisse, die im Grenzbereich von 45 km/h an einen eskalierten Fön auf höchster Stufe erinnert.

Eine Federung wird mitgeliefert, aber offenbar nicht angeschlossen. Sagen wir es, wie es ist: Der Bursche gewinnt mit seinem Komfort keinen Blumentopf. Er ist knackig hart, liegt dafür aber auch wie das sprichwörtliche Brett auf der Straße. Doch Fahrspaß ist hier ein höchst relativer Begriff. Deshalb noch einmal zur Einordnung: Dies ist kein Auto. Man muss sich dem Rocks-e von unten nähern, nicht von oben. Aus der Position eines Rollerfahrers erschließt sich das Konzept. Denn dann wird der Kleine zur wetterfesten, etwas sichereren und bezahlbaren Alternative auf vier Rädern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Der Preis: schwierig zu vergleichen

Doch das muss dem Aufsteiger auch mindestens 7.995 Euro wert sein, das Zwei- bis Dreifache eines Elektrorollers in der 45-km/h-Klasse. Direkte Konkurrenten in der L6e-Klasse sind oft deutlich teurer. Andererseits: Ein richtiges Autos gibt es mit dem Dacia Sandero schon ab 8.890 Euro. Und mit dem Spring von der gleichen Marke ist sogar ein echtes Elektroauto in Reichweite: Abzüglich Förderung ist der Viersitzer ab 10.920 Euro zu haben.

(ID:47785768)