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Pariser Autosalon: Zehn entscheidende Weichenstellungen im Design

Autor / Redakteur: sp-x / Andreas Grimm

Im Automobildesign der letzten 100 Jahre gibt es zahlreiche Brüche. Viele fanden ihren Ausgangspunkt auf dem Pariser Autosalon. Ein Rückblick auf zehn automobile Trends, die für die Zukunft wegweisend waren.

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Die Vorstellung der ersten Golf-Generation zeigte, dass auch Massenfahrzeuge mit eigenständigem Design punkten können.
Die Vorstellung der ersten Golf-Generation zeigte, dass auch Massenfahrzeuge mit eigenständigem Design punkten können.
(Bild: VW)

Der Pariser Autosalon steht vor der Tür. Mit dieser Messe verbindet sich nicht unbedingt allein die Hoffnung auf viele Weltpremieren, denn die Mondial de l`Automobil vom 1. bis 16. Oktober hat historisch schon oft mit wegweisendem automobilen Design gepunktet und Modetrends für Cityflitzer und Crossover-Modelle gesetzt. Dafür war Paris schon zum Start des Automobils gut: So konnten die Erfinder des Patent-Automobils – Carl Benz und Gottlieb Daimler – ihre Fahrzeuge in Deutschland anfangs nicht vermarkten, unter dem gerade errichteten Eiffelturm aber erhielten sie Aufmerksamkeit.

Denn im weltweiten Machtzentrum der Mode waren die Menschen schon immer aufgeschlossen für Neues. In Paris erwartet das Publikum der Prêt-à-porter-Präsentationen und Fashion Weeks geradezu provokante oder spektakuläre neue Kleider, die aber stilvoll sein müssen. Ebenso verhält es sich bei den automobilen Modewochen der Mondial de l’Automobile“. Auf dieser Premierenbühne debütieren die vierrädrigen Trendsetter aus den Studios der Stardesigner. Zum 83. Pariser Autosalon rufen sich im Folgenden wegweisende automobile Designtrends noch einmal in Erinnerung.

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Arts Plastiques – die Kunststoffkarosserie (ab 1954)

Autos schneller, schöner und sparsamer machen, das ist die Mission der Kunststoffe, ohne die im Karosseriebau kaum noch etwas geht. Sind heute Karbon- und Kompositmaterialien gefragt, war es am Anfang Fiberglas, dem Sportwagen ihre fantastischen und fantasievollen Formen verdanken. Nach der 1953 eingeführten Corvette schrieb 1954 der Volvo Sport P 1900 Geschichte als erster europäischer Roadster mit Fiberglas-Karosserie. Richtig in Mode kamen kunstvoll karossierte Plastikflitzer mit dem Pariser Salon 1955. Damals platzierten sich die französischen Sportwagenbauer Alpine (A106) und DB (Coach) sowie Saab (Prototyp des Sonett I) auf der Pole Position.

Sportkombis und Shooting Brakes (ab 1966)

Gewiss, die Geschichte teurer Jagdwagen namens Shooting Brake reicht bis in die Pioniertage des Autos. Zum erschwinglichen und praktischen Sportkombi verwandelten sich die Dreitürer aber erst 1966. Nachdem zunächst MG mit dem Modell „B GT“ begeisterte, folgte das Peugeot 204 Coupé. Ein Sportler mit weit aufschwingender Heckklappe, den die Fachwelt zum Meilenstein automobiler Couture erklärte. Bestätigt wurde dieses Urteil durch den höchsten Designpreis „Grand Prix de l'Art et de l'Industrie Automobile“ – und ab 1974 durch eine wahre Flutwelle von Sportkombis à la VW Scirocco. Auch der erste moderne Shooting Brake Reliant Scimitar GTE stand in Paris, gefolgt von Volvos legendärem „Schneewittchensarg“ 1800 ES.

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Crossover (ab 1978)

Kaum ein Fahrzeugsegment ist derzeit so en vogue, wie das der kompakten SUVs und Crossover. Ihrem coolen Lifestyle-Faktor können Autokäufer nicht widerstehen. Allerdings hat es Jahrzehnte gedauert, bis der Crossover-Hype abhob. Denn der erste abenteuerlustige Kompakte mit allen optischen Geländewagenaccessoires kletterte schon 1978 auf die Pariser Premierenbühne. Dieser Simca Matra Rancho verblüffte, wurde aber nur von wenigen Käufern verstanden – ein Schicksal, das etwas später der VW Golf Country teilte.

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Nostalgie im Retrostil (ab 1987)

Manche Modekritiker sprachen von Postmoderne, andere Designexperten verächtlich von der Kapitulation der Kreativität. Dabei brachten die Autos im Retrostil einfach nur fröhliche, runde Gesichter in die kantig-kühle Designära der 80er Jahre. Modelle wie Nissan Be-1 und Mazda MX-5, später auch Renault Fiftie und Kangoo, Jaguar S-Type sowie Citroën C3 und Pluriel, sie alle traten einen Trend nostalgischer Stilzitate los, der im New Mini von BMW kulminierte. Im Jahr 2000 startete die Form-follows-Emotion-Kampagne dieses kultigen Kraftzwergs, der inzwischen über 2,5 Millionen Käufer fand. Vorgestellt wurde der kleine Retro-Riese zuerst den Stilexperten der Grande Nation.

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Luxus und Lifestyle im Mini-Format (ab 1974)

Klein kann so schick sein. Was heute selbstverständlich ist und in Form stylisher Minis wie Opel Adam oder DS3 auf dem Pariser Salon debütiert, mussten die Autobauer nach der Ölkrise von 1973/74 noch lernen. Damals glänzten an der Porte de Versailles gänzlich neue, ultrakurze Stilikonen made in Italy wie der von Bertone gezeichnete Audi 50 oder der 3,36 Meter kurze Peugeot 104 C im Pininfarina-Kostüm. Während es der Audi in den Fahrleistungen mit der Mittelklasse aufnehmen konnte und in der Form den ersten VW Polo vorwegnahm, war der Peugeot ein schickes City-Coupé. Ein eleganter Longseller, von dem während der 14-jährigen Produktionszeit auch Parallelmodelle bei Citroën (LN) und Talbot (Samba) verkauft wurden.

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Weltauto-Design (ab 1966)

Es sind Esprit und Eleganz, aber auch Weltoffenheit, die Paris zur Hauptstadt der Mode machten. So überrascht es nicht, dass sich die Mondial de l'Automobile bis heute als perfektes Podium für Weltauto-Premieren anbietet. Den Anfang machte 1966 der Opel Rekord C. Mit keckem Hüftschwung im Coke-Bottle-Design brachte das Rüsselsheimer Massenmodell amerikanischen Lifestyle in europäische Garagen. Mehr noch, der Opel in Cola-Flaschenform wurde unter mehreren Marken fast 30 Jahre auf drei Kontinenten produziert. Ein Erfolg, der weitere Weltautos nach sich zog wie Renault 12 (1969), Ford Taunus TC (1970) oder Simca Horizon (1978).

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Monospace-Vans (ab 1984)

Als er in den Hallen der Pariser Messe landete, wurde er bestaunt wie ein fremdartiges Raumschiff aus einer anderen Galaxie. Tatsächlich dauerte es lange bis der Renault Espace eine nennenswerte Rolle in den Zulassungscharts spielte. Dann aber löste die Großraumlimousine ein regelrechtes Van-Fieber aus. Kein Massenhersteller, der nicht seinen eigenen Großraumkreuzer konzipierte. Und bei Renault folgten der Twingo als kleinster Monospace und der Scénic als erster kompakter Van. Warum das europäische Raum-Fieber in Frankreich ausbrach? Weil Gallier große Räume für eine vernünftige Form luxuriösen Lifestyles halten.

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Italienische Alta Moda für Massenkonfektion (ab 1974)

Bezahlbares Turiner Design im Epizentrum französischer Haute Couture? Das kennt das Pariser Publikum seit den Autosalons der 1950er Jahre. Damals begann die Designkooperation zwischen Peugeot und Pininfarina, die auch preiswerte Bestseller wie die kompakten 204 und 104 hervorbrachte. Vielleicht das richtige Vorspiel für den Volkswagen, der ab 1974 die Welt veränderte. Mit moderner teutonischer Technik und italienischem Design wurde der Golf schon bei seiner Messepremiere an der Seine Vorbild für alle folgenden Kompakten. Gezeichnet vom italienischen Stardesigner Giorgio Giugiaro brachte der Wolfsburger Megaseller zeitlosen Stil ins Massensegment.

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Fünftürige Fastbacks mit Frontantrieb (ab 1965)

Heute sind sie in allen Fahrzeugklassen ein Inbegriff für schöne Formen, familienfreundliche Funktionalität und unproblematische Fahreigenschaften. Fünftürige Fastbacks mit Frontantrieb sind als Kleinstwagen ebenso beliebt wie als Crossover-Coupés. Ausgelöst haben den Schrägheck-Trend zwei avantgardistische Franzosen, der Renault 16 und der Simca 1100. Selten gelangen den Galliern größere Geniestreiche. Mit dem R 16 verankerten die Franzosen das Konzept Frontantrieb, Heckklappe und variabler Innenraum 1965 in der Mittelklasse. Zwei Jahre später etablierte der Simca 1100 den Modetrend in der Kompaktklasse.

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Die Kunst des Minimalismus (ab 1948)

Verzicht macht Fahrzeuge selten verführerisch. Es sei denn, es handelt sich um Minimalismus, so wie ihn erstmals der Citroën 2 CV verkörperte. Als dieser Zweizylinder 1948 auf einem frugalen Messestand enthüllt wurde, kommentierte die Presse: „Eine Konservendose. Modell freies Camping für vier Sardinen.“ Die bissige Satire bremste die Begeisterung für den Citroën „deux chevaux“ aber nicht – im Gegenteil. Eine Produktionszahl von sieben Millionen Einheiten für den 2 CV und seine Varianten Dyane, Acadiane und Méhari steht für sich. Bauern, Hausfrauen, Studenten und Intellektuelle, sie alle liebten diesen Citroën – und die folgenden französischen Pragmatiker. Seien es Renault 4 (ab 1961), Citroën Berlingo und Peugeot Partner (ab 1996) oder ganz aktuell die Dacia made by Renault.

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