Gericht vertraut auf Seriosität der Gutachter

„Totalschaden“, Gutachterkosten und entgangener Gewinn

27.10.2010 | Autor: autrechtaktuell.de

Sachverständigenkosten sind dem Geschädigten auch dann zu ersetzen, wenn das Gutachten des Sachverständigen mangelhaft oder gar unbrauchbar war. So hat das Landgericht (LG) Magdeburg in einem jetzt veröffentlichten Urteil (Urteil vom 19.5.2010, AZ: 5 O 415/08) entschieden.

Im vorliegenden Fall hatte ein gewerblicher Autovermieter nach einem Verkehrsunfall mit einem seiner Mietwagen (Skoda Superb) die gegenerische Kfz-Hafplichtversicherung auf Schadenersatz für die entstandenen Reparaturkosten verklagt. In diesem Zusammenhang beauftragte der Autovermieter einen Sachverständigen mit der Begutachtung des konkreten Fahrzeugschadens. Dieser ermittelte die Reparaturkosten in Höhe von 18.569 Euro. Aus dem Gutachten ergab sich ein Wiederbeschaffungswert in Höhe von 24.500 Euro netto. Der Restwert wurde mit 11.700 Euro ermittelt. Für das Gutachten selbst berechnete der Sachverständige 1.214 Euro.

Der klagende Autovermieter forderte von der gegenerischen Versicherung Ersatz des Netto-Fahrzeugschadens in Form des Wiederbeschaffungsaufwandes sowie die angefallenen Sachverständigenkosten. Außerdem forderte der Autovermieter für 14 Tage Ausfallzeitraum des Mietwagens entgangenen Gewinn in Höhe von 1.059 Euro.

Die beklagte Versicherung wollte allerdings nur einen Teil dieses Betrags erstatten. Dabei argumentierte die Versicherung damit, dass sich der Kläger als professioneller Autovermieter einen Rabatt von mindestens 25 Prozent auf den Wiederbeschaffungswert anrechnen lassen müsse. Außerdem ergäbe sich ein deutlich höherer Restwert des verunfallten Skoda. Ein selbst eingeholtes Restwertangebot hätte hier einen Restwert von 13.100 Euro netto ergeben. Da der Sachverständige Wiederbeschaffungs- und Restwert im Gutachten fehlerhaft ermittelt habe, seien auch die Gutachterkosten nicht zu erstatten.

Das Gericht holte im Hinblick auf die strittigen Fragen ein Sachverständigengutachten ein. Der vom Gericht beauftragte Sachverständige stellte einen Rabatt im Hinblick auf den Wiederbeschaffungswert in Höhe von 13 Prozent fest. Somit ergäbe sich abweichend vom außergerichtlichen Gutachten ein Wiederbeschaffungswert in Höhe von lediglich 23.409 Euro netto. Nicht zu beanstanden sei dagegen der außergerichtlich ermittelte Restwert von 11.700 Euro. Somit ergäbe sich ein Wiederbeschaffungsaufwand in Höhe von 23.409 Euro abzüglich 11.700 Euro, mache summa summarum 11.709 Euro.

Das Gericht gab der Klage des geschädigten Autovermieters überwiegend statt.

Auszüge aus der Urteilsbegründung

Das Landgericht Magdeburg begründete seien Entscheidung wie folgt: Da die Reparaturkosten oberhalb des Wiederbeschaffungsaufwandes lagen, allerdings unterhalb des Wiederbeschaffungswertes von 23.409 Euro handele es sich im konkreten Fall zwar nicht um einen wirtschaftlichen Totalschaden. Dennoch sei der klagende Autovermieter zur Abrechnung auf Basis des Wiederbeschaffungsaufwandes berechtigt, da die Reparaturkosten oberhalb des Betrages des Wiederbeschaffungsaufwandes lagen.

Dem klagenden Autovermieter waren nach Auffassung des Gerichts zudem die verauslagten Sachverständigenkosten in Höhe von 1.214 Euro zuzusprechen. Als Kosten für die Schadensfeststellung seien diese Teil des zu ersetzenden Schadens. „Selbst wenn das Gutachten objektiv schwere Fehler aufweist oder sogar unbrauchbar ist, kann der Geschädigte die Kosten dieses Gutachtens grundsätzlich beanspruchen“, so die Richter. Dabei bezieht sich das Landgericht Magdeburg explizit auf eine richtungweisende Entscheidung des Oberlandesgerichts (OLG) Düsseldorf aus dem Jahr 2006. Darin urteilt das OLG Düsseldorf, dass sich der Geschädigte Fehler des Sachverständigen grundsätzlich „nicht zurechnen lassen muss“. Einwendungen gegen die Sachverständigenkosten könnten dem Geschädigten gegenüber nur dann erhoben werden, wenn die Überhöhung der Kosten evident war beziehungsweise dem Geschädigten bei der Auswahl des Sachverständigenbüros ein Verschulden anzulasten wäre.

Im konkreten Fall aber gab es weder Anhaltspunkte für ein Auswahlverschulden noch für eine evidente Überhöhung der Kosten. Deshalb sprach das LG Magdeburg die Sachverständigenkosten in vollem Umfange zu. Darüber hinaus sprach das Gericht dem klagenden Autovermieter den von ihm geltend gemachten und überzeugend nachgewiesenen entgangenen Gewinn wegen Ausfalls des Mietfahrzeuges in Höhe von insgesamt 1.059 Euro in vollem Umfang zu.

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