Reifen für alle Tage?

Redakteur: Johannes Büttner

Im Frühjahr und Herbst sollten Autofahrer die Reifen wechseln. Doch einige Winterreifenmuffel verschließen sich beharrlich allen Argumenten. Für sie könnten Ganzjahresreifen sinnvoll sein.

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Gut 80 Prozent der deutschen Pkw sind in der kalten Jahreszeit mit Winterreifen unterwegs. Das hat eine aktuelle Studie im Auftrag von Dunlop ergeben. Der Absatz der Spezialisten für Kälte, Eis und Schnee ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Die so genannte „situative Winterreifenpflicht“ des Gesetzgebers sowie Appelle von Experten, zu Gunsten der Sicherheit die Reifen zu wechseln, scheinen gefruchtet zu haben.

Andererseits verzichtet jeder fünfte Pkw-Halter auf den halbjährlichen Reifenwechsel. Der Anteil könnte wieder steigen, wenn die nächsten deutschen Winter ähnlich mild und schneearm ausfallen wie die letzten. Es lohnt sich also, die überzeugten „Winterreifenmuffel“ als Kunden ins Visier zu nehmen. Vor allem, wenn man ihnen ein Produkt anbietet, das im Januar wie im Juli überzeugen kann: 47 Prozent der deutschen Autofahrer betrachten laut einer von Goodyear initiierten Befragung Ganzjahresreifen als sinnvolle Alternative.

Noch eine Marktnische

Noch allerdings spielen die Alleskönner nur eine Nebenrolle. Der Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV) schätzt ihren Marktanteil auf rund sechs Prozent und spricht von einer „Nische, die nicht zu vernachlässigen, aber auch nicht überzubewerten ist“. Goodyear, der eindeutige Marktführer in diesem Segment, geht zwar davon aus, dass die Zahl in Zukunft größer werden dürfte; von den 47 Prozent der Interessenten wird sie aber auch mittelfristig noch weit entfernt bleiben.

Warum setzen in der Praxis nur vergleichsweise wenige Autofahrer auf Ganzjahresreifen? Vielleicht, weil sie nicht die passenden Produkte finden. Längst nicht alle Reifenhersteller bieten entsprechende Modelle an. Quer durch die Reifenindustrie verläuft ein tiefer Graben zwischen Gegnern und Befürwortern.

Das Lager der Gegner führen Bridgestone, Continental und Michelin an. Ihr Motto lautet: Reifen lassen sich entweder nur auf die Anforderungen des Sommer- oder nur auf die des Winterbetriebs auslegen. Reifen, die alles können sollen, können nichts richtig.

Auf der anderen Seite steht der Goodyear-Konzern – Erfinder, Marktführer und Technikpionier des Segments. Um ihn sammeln sich neben der Konzernschwester Dunlop noch Pirelli sowie Nischenanbieter wie Hankook, Kumho, Toyo und Vredestein.

Immer ein Kompromiss

Zwar behauptet auch Goodyear nicht, alle Zielkonflikte zwischen Sommer- und Winterbetrieb lösen zu können. Kein Ganzjahresreifen ist gleichzeitig so gut wie der beste Sommer- und der beste Winterreifen. Aber nach Ansicht des Unternehmens ist er eine gute Alternative für Autofahrer, die in schneearmen Gebieten wohnen, kaum lange Strecken zurücklegen, schwächer motorisierte Autos fahren und selten fahrdynamische Grenzbereiche ausloten.

Wichtigster Teil der Zielgruppe sind die Autofahrer, die auch im Winter auf Sommerreifen fahren. Für sie sind Ganzjahresreifen eine überzeugende Alternative. Die Pneus sind im Winter nicht nur sicherer, sondern erfüllen mit ihrer M+S- und oft auch Schneeflocken-Kennzeichnung die situative Winterreifenpflicht. Auch vor gelegentlichen Fahrten im Schnee müssen sich Wechselunwillige nicht mehr fürchten. Produkte wie der Goodyear Vector haben in unabhängigen Tests eine respektable Schneetauglichkeit bewiesen.

Qualitäten im Sommer unklar

Doch wie schlagen sich Ganzjahresreifen in der warmen Jahreszeit? Das sei schon schwerer zu beurteilen, sagt BRV-Geschäftsführer Hans-Jürgen Drechsler: „Alle einschlägigen Reifentests haben sich bisher mit dem Vergleich der Ganzjahresreifen zu Winterreifen beschäftigt – mit Ergebnissen, die Winterreifen nahekommen.“

Wie sie sich bei Bremstests unter Hitzebedingungen und vor allem in puncto Laufleistung im Vergleich zu Sommerreifen schlügen, sei noch nicht geklärt. Deshalb sieht der BRV Ganzjahresreifen derzeit lediglich als bedingte Alternative für gering motorisierte Pkw, die in der Regel nur wenig bewegt werden – also eher für Zweit- und Drittfahrzeuge.

Der Reifenhersteller Hankook verweist beim Thema Laufleistung auf die „extrabreite Lauffläche, die den Reifen besonders strapazierfähig macht und den Abrieb reduziert“; Goodyear verspricht, „dass ein Vector 4Seasons nicht so schnell verschleißt“. Möglicherweise muss ein Verbraucher aber einen Teil des Geldes, das er durch die fehlenden Reifenwechsel spart, wieder für erhöhten Abrieb (vor allem im Sommerbetrieb) ausgeben. Die Kosten-Nutzen-Rechnung hängt maßgeblich vom Fahrprofil des Kunden ab; der Händler sollte hier genau nachfragen.

Viele Händler sind skeptisch

Ob die Reifenverkäufer im Autohandel überhaupt Ganzjahresreifen anbieten, steht auf einem anderen Blatt. Denn viele Betriebe befürchten, dass die Allrounder dem Reifengeschäft schaden, weil der saisonale Wechsel und damit Kundenkontakte und Einlagerung entfallen. Das zeigt eine Befragung, die die Fachzeitschrift »kfz-betrieb« zusammen mit BBE Retail Experts durchgeführt hat: Nur 26 Prozent der Autohäuser und 39 Prozent der Freien Werkstätten sehen in Ganzjahresreifen eine sinnvolle Alternative zu Winter- und Sommerpneus. Lediglich 27 Prozent der markengebundenen und 36 Prozent der freien Betriebe bieten sie ihren Kunden aktiv an. Die Ganzjahresreifen-Verfechter aus der Industrie müssen also noch viel Überzeugungsarbeit leisten.

Jürgen Mahr, Leiter Vertrieb Autohaus von Hankook, sagt: „Dass Ganzjahresreifen dem gesamten Reifengeschäft schaden, stimmt nur zum Teil. Der Kunde komme zwar nicht mehr zweimal im Jahr in die Werkstatt, um an seinem Auto die Reifen wechseln zu lassen. Doch es gebe Marketingstrategien, die den Kunden trotz seiner Ganzjahresreifen in die Werkstatt locken.

„Auch diese Reifen sollten jährlich kontrolliert werden“, sagt Mahr. Er erkenne nicht unbedingt die Gefahr, dass die Autohäuser Kundenkontakte oder sogar Kunden verlieren könnten. „Wenn der Markt nach Ganzjahresreifen verlangt, verlieren wir die Kunden eher, wenn wir die Nachfrage nicht befriedigen können.“

Bei Goodyear Dunlop ist Harry Dahl verantwortlich für das Autohausgeschäft. Seine Erfahrung lautet: „Es gibt viele Händler, die unsere Ganzjahresreifen erfolgreich vermarkten. Wenn der Kunde ein solches Produkt verlangt, muss der Handel darauf reagieren.“ Zudem weist er auf regionale Unterschiede hin: In Gegenden mit viel Schnee und Eis sei es besser, auf Winterreifen umzurüsten. In Großstädten und Regionen mit milden Wintern sei ein Ganzjahresreifen eine interessante Alternative.

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