Reifen-Recycler schimpfen auf Seal-Reifen

Pannensichere Reifen zeigen sich beim Zerkleinern widerspenstig

| Autor: Jan Rosenow

Seal-Reifen: Sicher, aber schwierig zu recyceln.
Seal-Reifen: Sicher, aber schwierig zu recyceln. (Bild: Rosenow/»kfz-betrieb«)

Sogenannte Seal-Reifen sind pannensichere Pneus, bei denen ein halbflüssiges Dichtmittel auf die Innenseite der Lauffläche (Innerliner) aufgetragen wird. Durchsticht ein Gegenstand, beispielsweise ein Nagel, die Lauffläche, so wird der Stoff vom Innendruck in den Stichkanal gepresst und dichtet ihn ab. Der Reifen bleibt also nutzbar, und im Idealfall merkt der Fahrer nicht einmal, dass er gerade einem Reifenplatzer entgangen ist.

Eigentlich eine gute Sache – doch die Seal-Reifen haben auch Nachteile. So besteht beispielsweise die Gefahr, dass durch unentdeckte Löcher in der Lauffläche Wasser in den Unterbau eindringt und langfristig den Stahlgürtel schädigt. Auf ein weiteres Problem weisen die Reifenentsorgungsbetriebe hin, die sich in der Initiative ZARE (Zertifizierte Altreifenentsorger) zusammengeschlossen haben.

Die halbflüssige Dichtmittelschicht verhindert es nämlich, dass die Altreifen bei der Verwertung feingemahlen und dann in ihre Bestandteile (Gummi, Textilfasern und Metall) zerlegt werden können. Das gleiche Problem zeigt sich bei geräuschreduzierten Reifen (Silent-Reifen), bei denen eine schalldämpfende Schaumstoffschicht aufgebracht ist. Diese Materialien lassen sich nicht entfernen und verklumpen beim Shreddern. Laut Angaben der ZARE kann es beim Granulieren, also dem Vermahlen der Gummibrocken zu Granulat, sogar passieren, dass die Maschinen in Flammen aufgehen.

Die einzige Entsorgungsmöglichkeit für diese Spezialreifen ist es, sie grob zu häckseln und dann thermisch zur verwerten, also sie zur Energiegewinnung zu verbrennen. Doch auch das ist nicht mehr ohne Weiteres möglich und mit steigenden Kosten verbunden. Der bislang größte Abnehmer, die Zementindustrie, setzt nämlich zunehmend auf billigeren Plastikmüll als Brennstoff.

In einer Umfrage der ZARE sprachen sich drei Viertel der Entsorgungsbetriebe gegen Seal- und Silent-Reifen aus – was angesichts der technischen Vorteile dieser Konstruktionen wohl Wunschdenken bleiben wird. Ohnehin handelt es sich laut Angaben des Wirtschaftsverbands der deutschen Kautschukindustrie (WDK), der Interessenvertretung der Reifenhersteller, um ein Randproblem: Der Marktanteil der beiden Reifenbauarten betrage in Deutschland weniger als ein Prozent.

Geholfen wäre den Entsorgern allerdings mit einer eindeutigen Kennzeichnung solch spezieller Pneus, damit sie sie vor der Verarbeitung aussondern können. Heute tragen diese zwar in ihrer Produktbezeichnung oft Zusätze wie Seal oder Sealant, diese sind aber nicht genormt.

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