Renault: Vier Ladies im R4

Autor: Steffen Dominsky

Wie es um die Robustheit, Wirtschaftlichkeit und das Federungssystem des kompakten Franzosen wirklich bestellt ist, wollte ein französisches Damenquartett 1965 ganz genau wissen: Es startete zu einer spektakulären Expedition von Feuerland nach Alaska.

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Vier hübsche Frauen, zwei R4: 1965 startet das französisches Quartett zu einer spektakulären Expedition von Feuerland nach Alaska.
Vier hübsche Frauen, zwei R4: 1965 startet das französisches Quartett zu einer spektakulären Expedition von Feuerland nach Alaska.
(Bild: Renault)

„Das beste Auto für Madame“ titelte Anfang der Anfang der Sechzigerjahre das Modemagazins „Elle“ über den Renault 4 nach einer Leserinnenumfrage. Wie es tatsächlich um die Robustheit, Wirtschaftlichkeit und das viel gelobte Federungssystem des kompakten Franzosen bestellt ist, wollte 1965 das 26-jährige Mannequin Michèle Ray ganz genau wissen: Als Kopf eines unternehmenslustigen Damenquartetts, das als „4 Elle“ in die Automobilgeschichte eingehen sollte, startet sie eine spektakuläre Expedition von Feuerland nach Alaska.

Neben der späteren Journalistin und Filmproduzentin Ray lassen sich Éliane Lucotte, Betty Gérard und Martine Libersart auf das Abenteuer ein. Im Juni erreichen sie mit ihren beiden vollgepackten Renault 4 den Startpunkt der Reise: Ushuaia im äußersten Süden der südamerikanischen Inselgruppe Feuerland. Am 11. Juni drehen sie den Schlüssel im Zündschloss: Am Startpunkt bedecken gut 30 Zentimeter Neuschnee die Fahrspur. Vor ihnen liegt eine 40.000 Kilometer lange Fahrt über größtenteils unbefestigte Wege.

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Ein Koffer Kleidung, Karabiner und Macheten im Gepäck

Die Wahl des passenden Autos war wohl durchdacht: „Der R4 ist aus mehr als einem Grund ein Auto für Frauen. Leicht zu fahren, aber vor allem auch leicht zu heben“, sagte Ray. Keine leeren Worte, sondern immer wieder Notwendigkeit auf dem Weg quer durch die unwegsame Wildnis Südamerikas. Aus unzähligen Fahrrillen und Schlaglöchern müssen die vier ihr Gefährt herauswuchten. Auch die dreiwöchige Spezialausbildung in einem Renault-Werk vor Reiseantritt erweist sich als wertvoll: Unterwegs kann sich das Team bei Reifenwechseln und technischen Problemen selbst helfen.

Die „Expedition Michèle Ray“ durchquert Argentinien, Paraguay, Brasilien, Bolivien, Ecuador, Kolumbien, ganz Mittelamerika sowie schließlich Mexiko, die USA und Kanada. Die beiden Renault 4 sind beladen mit Benzinkanistern, Werkzeug, Ersatzrädern und Filmmaterial. Für Kleidung bleibt ein einziger Koffer, den sich die vier während der gesamten Reise teilen müssen. Unendliche Waschbrettpisten in Argentinien und mehrstündige Auseinandersetzungen mit hartnäckigen Beamten in Brasilien können die mutigen Französinnen nicht stoppen. Vor der Durchquerung des unwegsamen Mato Grosso ergänzen sie kurzerhand ihre Ausrüstung um einige Karabiner, Munition und Macheten.

Bei minus 18 Grad ohne Windschutzscheibe nach Alaska

Regelmäßig müssen die Frauen ihre Wagen entladen, um sie aus den ärgsten Schlammlöchern zu hieven. Oft sind es nur wenige Meter, bis sie in der nächsten Grube versacken. Selbst die Pausen sind kein wahres Vergnügen, da Michèle Ray und ihre Begleiterinnen die Lebensmittel rationieren müssen, um Gewicht zu sparen. Lediglich Orangen und von den Einheimischen spendierte Milch sorgen für Abwechslung auf dem Speiseplan. Nach 1.300 Kilometern „Blindflug“ ohne genaue Wegangaben erreichen sie endlich San Ignacio in Bolivien.

Die nächste Etappe führt durch die Kordillieren bis nach Chacaltaya. Souverän meistert der R4 den Anstieg bis auf 5.200 Meter. Auch in diesen Höhen bleibt der Vierzylinder trotz des abgemagerten Gemischs nicht stehen. Weiter geht es durch Peru und Ecuador. Ohne es gleich zu merken, verlieren sich die beiden Teams aus den Augen – erst 400 Kilometer weiter finden sie sich wieder. Michèle Ray und ihre Begleiterinnen durchqueren mitten in der Regenzeit Zentralamerika. Immer wieder gilt es Bäche zu überwinden, viele Brücken sind fortgeschwemmt.

An der nordamerikanischen Westküste geht es schließlich deutlich flotter voran. 1.000 Kilometer lassen sich am Tag schaffen, und das Ziel rückt deutlich näher. Aber 1.500 Kilometer vor Anchorage wird die Expedition noch einmal auf eine harte Probe gestellt: Bei minus 18 °C Außentemperatur zerschmettert ein Stein die Windschutzscheibe des Führungsfahrzeugs. Michèle Ray beißt die Zähne zusammen, wickelt sich in einen Schlafsack, den sie notdürftig mit Sicherheitsnadeln schließt, und fährt weiter. Alle 60 Kilometer legt sie einen Zwischenstopp ein, um sich wieder aufzuwärmen. Beide R4 kommen danach ohne große Zwischenfälle bis ans Ziel in Alaska.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group