Oldtimerinstandsetzung Restauration von Ostraritäten in völliger Dunkelheit

Autor / Redakteur: Dorian Rätzke / Steffen Dominsky

Über 76.000 blinde Menschen leben in Deutschland. Bernd Röthig ist einer davon. Was ihn von anderen Blinden unterscheidet: Er repariert Oldtimer, speziell Fahrzeuge aus DDR- und Sowjet-Produktion.

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Was da auf dem Hänger steht, kann Bernd Röthig nicht sehen. Aber er kann es ertasten. Und wenn es sich um einen Ost-Oldie handelt, reicht ihm meist ein kurzes Handauflegen, um Bescheid zu wissen.
Was da auf dem Hänger steht, kann Bernd Röthig nicht sehen. Aber er kann es ertasten. Und wenn es sich um einen Ost-Oldie handelt, reicht ihm meist ein kurzes Handauflegen, um Bescheid zu wissen.
(Bild: Bernd Röthig)

Liebevoll streicht Bernd Röthig über den Kotflügel des bald 42 Jahre alten Skoda aus dem berühmten Werk im mittelböhmischen Mladá Boleslav: „Ein herrliches Auto.“ Röthig prüft fachmännisch die Technik unter der Motorhaube, seine Handgriffe wirken routiniert, alles sitzt. Kaum zu glauben, dass er eigentlich in völliger Dunkelheit arbeitet. Bernd Röthig ist vermutlich der einzige blinde Autoschrauber Deutschlands. Im Magazin des Oldtimerspezialversicherers OCC erzählt der 56-jährige Familienvater aus Leipzig, wie er sich trotzdem in seiner Werkstatt zurechtfindet und mit welchen Tricks er sich sogar an die Elektrik von Oldtimern wagt.

Das erregt Aufsehen. Doch Bernd Röthig sieht sich nicht als etwas Besonderes. „Wenn ein Sinnesorgan ausfällt, werden nicht belegte Areale mit genutzt, um den Ausfall zu kompensieren. Ich kann zum Beispiel nicht besser hören, aber ich höre bestimmte Dinge anders als Menschen, die nicht blind sind“, erklärt er bescheiden. Genauso ist das mit dem räumlichen Vorstellungsvermögen. Ein kleines Beispiel: Man läuft an einer Hausmauer entlang, einmal mit Abstand, einmal ohne. Plötzlich hört man die Schritte, den Abstand und weiß, da ist ein Hindernis, ein Haus. Insofern ist das kein großes Problem. „Ich möchte so normal wie alle anderen behandelt werden, brauche keine Extrawurst.“

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Mit zwölf Jahren erblindet

Als Vierjähriger erkrankte er, seine Netzhaut begann sich abzulösen. Mit 12 Jahren erblindete er völlig. 1978 hatte er das letzte Mal Fahrzeuge gesehen, seit nunmehr 43 Jahren entstehen die Bilder nur noch im Kopf: „Ich erfühle und ertaste Autos, fahre mit den Händen die Linien entlang, greife die Scheinwerfer, berühre die Materialien. So kann ich mir das Fahrzeug vorstellen. Nur mit den Farben ist es etwas schwieriger, gerade bei ausgefallenen Lacken.“

Die Leidenschaft für Autos aus der DDR und den Staaten hinter dem ehemaligen eisernen Vorhang kommt von nicht ungefähr. Es waren die prägenden Fahrzeuge seiner Kindheit: die erste Urlaubsfahrt im knatternden Zweitakt-Trabant in den tschechischen Böhmerwald, als 26 PS nicht nur die vierköpfige Familie, sondern auch noch den Anhänger mit obligatorischem Camptourist schleppen mussten: „Das war der berühmte Faltwohnwagen aus DDR-Produktion.“

Erster Trabi kostete nur 400 Euro

Nach der Schule lernte Bernd Röthig den Beruf des Masseurs, berufsbegleitend kam noch eine Ausbildung zum Physiotherapeuten dazu. Seine Hobby-Schrauberkarriere begann eigentlich mit dem Erwerb eines Trabant 601 Kombi, den er im Jahr 2003 für 400 Euro einem Rentner abkaufte; der Wagen ist heute 7.000 Euro wert. „Ich wusste, dass die Trabi-Technik relativ simpel war und dass man sie, wenn man sich nicht ganz blöd anstellt, selbst reparieren kann“, erinnert sich Röthig.

Er besuchte in Baden-Württemberg ein mehrtägiges Trabi-Schrauberseminar, das ein ehemaliger Ostberliner anbot. Bald schon folgten in der heimischen Garage die ersten Arbeiten an einem Trabant Kübel: „Ich habe bei ihm allein Bremsen, Achsen, Radbremszylinder und Kupplung gewechselt, zudem die Sitze neu bezogen.“ Doch wie hat sich Röthig die Werkstatt eingerichtet, dass er auch ohne Augenlicht alle Werkzeuge und Ersatzteile sofort findet?

„Ich muss genau wissen, wo was steht“

„Unordnung kann ich mir mit meinem Handicap nicht leisten. Ich muss genau wissen, wo was steht, dann merke ich mir die Standorte“, erklärt Bernd Röthig. Schwierig wird es nur, wenn etwas runterfällt. Zum Beispiel kleine Teile. Beim Kolbenwechsel hatte er einmal einen Bolzen rausgeschlagen und wollte dann die Sicherungsringe einfädeln. Da schnippte dann einer weg, „den habe ich nie wiedergefunden“. Seitdem hat er bei solchen Teilen immer genug Nachschub da.

Auch für Arbeiten an Zündung und Elektrik hat er kleine Tricks. „Die Kabel kennzeichne ich vor dem Ausbau mit kleinen Fähnchen aus Klebestreifen. Schwarz hat ein Fähnchen, das grüne Kabel zwei und das weißbeige drei, übrig bleibt das Massekabel. Dadurch weiß ich, welche Steckkontakte dran sind. Bei komplizierteren Arbeiten, die zum Beispiel Schaltpläne erfordern, hilft mir aber ein Kumpel.“

Faszination Wolga GAZ M-21

Mehrere der ostdeutschen „Volkswagen“ aus Zwickau hat der Leipziger inzwischen flott gemacht und auch verkauft. Sein derzeitiger Fuhrpark: zwei Trabi Kübel, ein 601 (Baujahr 1986), ein 600 (Baujahr 1965), ein Skoda 120 (Baujahr 1979) und ein Wolga GAZ M-21 aus dem Jahr 1964.

Letzterer fasziniert Röthig besonders. „Solche Wolga wurden auch von der DDR-Polizei gefahren. Da mein Vater Schutzpolizist war, nahmen mich seine Kollegen oft in so einem Wolga mit und brachten mich in den Sehschwachenkindergarten oder zu meinen Großeltern, wenn mein Vater mal wieder Schichtdienst hatte. Die durchgehenden Sitze vorn im Wolga erinnerten an die Sprungfedercouch von Oma und das blaue Licht auf dem bogenförmigen Armaturenbrett werde ich auch nie vergessen.“

Alle Trabant-Prototypen vernichtet

Bernd Röthig kennt natürlich auch die Geschichten über die Prototypen des Trabant 601. Diese Autos ließen schon in den Sechzigerjahren den erst 1974 erschienenen Golf I alt aussehen. Doch sozialistische Planwirtschaft, Materialmangel und sture Funktionäre zerstörten den Traum ostdeutscher Ingenieure, diese Entwicklungen in Serie zu produzieren. „Alle Prototypen wurden vernichtet, als das Aus ganz oben beschlossen wurde. Es existieren nur noch Bilder“, weiß der Experte: „Es gab sogar Überlegungen, den Trabi mit einem Einscheiben-Wankelmotor und den Wartburg mit einem Zweischeiben-Wankelmotor auszustatten. Auch mit einem Dieselmotor wurde experimentiert. Der wäre aber aufgrund der Lautstärke für die Fahrzeuginsassen nicht zumutbar gewesen.“

Der Traum von der eigenen Halle

Röthig erzählt weiter: „Die Idee, den Trabi Ende der Achtzigerjahre mit einem Viertakter von VW zu bauen, war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wer wollte damals diese altbackene Karosserie mit dem Motor kaufen?“ So endete die Geschichte des Trabant nach der Wiedervereinigung. Weitergeschrieben wird sie allerdings mit der Wiederauferstehung des kleinen Kunststoffstinkers in zahlreichen privaten Garagen der Sammler, Liebhaber und Schrauber wie Bernd Röthig. Zufriedenheit, Genugtuung und Glück auf allen Seiten. Hat der sechsfache Familienvater, der mit seiner Frau eine Physiotherapiepraxis betreibt, überhaupt noch Träume? „So eine 80 Quadratmeter große Halle mit Hebebühne wäre herrlich.“

Dorian Rätzke ist Journalist, freier Autor und Ansprechpartner für Presse & Öffentlichkeitsarbeit der OCC Assekuradeur GmbH.

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