Schadstoffgrenzwerte nichts als heiße Luft?

Autor / Redakteur: dpa/cb / Christoph Baeuchle

Was starke Raucher täglich inhalieren, müsste sie nach wenigen Monaten ins Grab bringen. Jedenfalls überschreiten sie, wenn sie ihrem Laster frönen, ständig die für Feinstaub und NOx angesetzten Grenzwerte. Lungenspezialisten üben jetzt kräftige Kritik am Sinn der Grenzwerte.

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Raucher überschreiten die NOx-Grenzwerte aus dem Straßenverkehr um ein X-faches.
Raucher überschreiten die NOx-Grenzwerte aus dem Straßenverkehr um ein X-faches.
(Bild: gemeinfrei)

Mehr als 100 Lungenspezialisten bezweifeln den gesundheitlichen Nutzen der aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide (NOx). Sie sehen derzeit keine wissenschaftliche Begründung, die die konkret geltenden Werte rechtfertigen würden, wie es in einer am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme heißt.

So hätten viele Studien, die Gefahren durch Luftverschmutzung zeigen sollen, erhebliche Schwächen. Zudem seien Daten in der Vergangenheit einseitig interpretiert worden. Störfaktoren wie zum Beispiel Rauchen, Alkoholkonsum und mangelnde körperliche Bewegung würden sich um ein Vielfaches stärker auf Krankheitshäufigkeit und Lebenserwartung auswirken.

Die Lungenexperten um Professor Dieter Köhler fordern deshalb, dass relevante Untersuchungen neu bewertet werden. Zunächst hatte die FAZ über das Thema berichtet.

Köhler verweist auf eine Besonderheit: Eine Studie zur Absicherung eines Grenzwerts am Menschen ist unethisch. Aber beim Feinstaub und NOx inhalieren Raucher freiwillig außerordentlich hohe Dosen, so dass diese Gruppe quasi eine Art Langzeitstudie abbildet.

Die Konzentration an Feinstaub im Hauptstrom des Zigarettenrauchs erreicht 100 bis 500 g/m³. Also bis zu einer Million Mal höher als der Grenzwert. Beim NOx werden bis zu 1g/m³ erreicht, wobei der NO-Anteil überwiegt. Köhlers Schlussfolgerung: Raucher (eine Packung/Tag angenommen) muten sich in weniger als zwei Monaten die Feinstaubdosis zu, die sonst ein 80-jähriger Nichtraucher in seinem ganzen Leben eingeatmet haben würde. Beim NOx seien die Unterschiede ähnlich, wenn auch etwas geringer.

„Die meisten Raucher müssten nach wenigen Monaten versterben“

„Rauchen verkürzt die Lebenserwartung etwa um zehn Jahre, wenn über 40 bis 50 Jahre eine Packung am Tag geraucht wird. Würde die Luftverschmutzung ein solches Risiko darstellen und entsprechend hohe Todeszahlen generieren, so müssten die meisten Raucher nach wenigen Monaten alle versterben“, schlussfolgert Köhler. Das sei offensichtlich nicht der Fall.

Die Kritik der Lungenärzte zielt auf ein Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), das Ende 2018 veröffentlicht wurde. Darin hieß es: „Studien zeigen, dass die Feinstaubbelastung durch Landwirtschaft, Industrie und Verkehr gesundheitsschädlich ist.“ Der Verband will die Stellungnahme nun „als Anstoß für notwendige Forschungsaktivitäten und eine kritische Überprüfung der Auswirkungen von Stickoxiden und Feinstaub“ betrachten.

Die Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) – der Jahresmittelwert darf 40 Mikrogramm pro Kubikmeter in der Außenluft nicht überschreiten – gelten in der EU seit 2010. Sie beruhen auf einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Auch für Feinstaub gibt es je nach Partikelgröße Grenzwerte. An Orten, wo Grenzwerte über längere Zeit deutlich überschritten werden, drohen Fahrverbote.

Laut Bundesumweltamt sterben jährlich Tausende von Menschen vorzeitig an den Folgen von Luftverschmutzung, allein 2014 etwa 6.000 an Herz-Kreislauf-Krankheiten, die auf die Langzeitbelastung mit Stickstoffdioxid zurückzuführen seien. Die Europäische Umweltagentur EEA kam 2017 auf rund 66.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr durch die Folgen von Feinstaub in der Luft. Solche Ergebnisse beruhen in der Regel aber auf statistischen Analysen – sie sagen wenig aus über gesundheitliche Ursache-Wirkungs-Beziehungen für einzelne Menschen.

ZDK fordert Aussetzung der Grenzwerte

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hält die Zweifel der mehr als 100 Lungenexperten für wichtig. „Der wissenschaftliche Ansatz hat das Gewicht, den Ansatz des Verbietens, Einschränkens und Verärgerns zu überwinden“, sagte der CSU-Politiker den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die Initiative helfe mit, „Sachlichkeit und Fakten in die Dieseldebatte zu bringen“. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner sagte: „Wir können nicht länger zulassen, dass Mobilität und Schlüsselindustrien leiden, weil rein ideologische Festsetzungen verfolgt werden.“ Der AfD-Verkehrsexperte Dirk Spaniel zeigte sich erstaunt, „dass erst auf Druck einer ganzen Armada von Fachärzten Druck auf die absurde Grenzwertpolitik von Union und SPD ausgeübt wird“.

Der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe fordert schon lange eine Rückkehr zu den Fakten. Der ZDK unterstützt den von den Lungenspezialisten gemachten Vorschlag, „die Grenzwerte für NOx und Feinstaub zunächst auszusetzen, bis wissenschaftlich begründete Klarheit herrscht“, so ZDK-Vizepräsident Thomas Peckruhn.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) bezeichnete den Vorstoß der Lungenärzte hingegen als unverantwortliche Effekthascherei. „Die Frage ist doch, warum sich die Ärzte erst zu Wort melden, wenn das seit fast zehn Jahren geltende Recht zum Schutz der menschlichen Gesundheit ganz oben auf der politischen Agenda steht und endlich durchgesetzt werden soll“, sagte Martin Schlegel vom BUND Berlin. Auch Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer will an den bestehenden Grenzwerten festhalten. Sie dienten vor allem dem Schutz von Risikogruppen wie Kranken, Kindern und Schwangeren.

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