Service der Zukunft liefert die Lösung mit

Zehn Prozent der Telematikdaten sind heute schon für neue Serviceangebote nutzbar

| Autor: Frank Schlieben

Das Fahrzeugdisplay wird zum Point of sale im Auto. Die Kundenannahme am Werkstatttresen scheint vom Aussterben bedroht.
Das Fahrzeugdisplay wird zum Point of sale im Auto. Die Kundenannahme am Werkstatttresen scheint vom Aussterben bedroht. (Bild: © Syda Productions - Stock.adobe.com)

Neue digitale Entwicklungen sind häufig so bahnbrechend, dass sie vorhandene Geschäftsmodelle quasi über Nacht zerstören, ersetzen und überflüssig machen. Auf solche disruptive Innovationen muss sich das Kfz-Gewerbe in Zukunft einstellen, glauben Experten. Denn die zunehmende Digitalisierung moderner Fahrzeuge als Voraussetzung für deren Vernetzung schreitet unaufhaltsam voran. Bis zum Jahr 2025 soll fast die Hälfte des Fahrzeugbestands die technischen Features für Vernetzung an Bord haben. Verantwortlich dafür ist auch die E-Call-Technologie. Das automatische Notrufsystem ist seit 1. April 2018 zwingend in jedem erstmals in Europa typgeprüften Fahrzeug vorgeschrieben. Gerade deutsche Automobilhersteller haben lange vor Inkrafttreten der geänderten EU-Richtlinie (2007/46/EG) ihre Neufahrzeuge vernetzungstechnisch „aufgerüstet“.

Alles ist mit allem vernetzt, aber nicht alle haben die gleichen Zugangsmöglichkeiten. Denn den Zugang zu den Daten in den Fahrzeugen haben aktuell nur die Automobilhersteller. Bleibt es dabei, bestimmen sie künftig alleine, wer mit Service und Reparatur Geschäfte macht und wer nicht.
Alles ist mit allem vernetzt, aber nicht alle haben die gleichen Zugangsmöglichkeiten. Denn den Zugang zu den Daten in den Fahrzeugen haben aktuell nur die Automobilhersteller. Bleibt es dabei, bestimmen sie künftig alleine, wer mit Service und Reparatur Geschäfte macht und wer nicht. (Bild: GVA)

Die E-Call-Technik überträgt neben Positionsbestimmung und -übermittlung über globale Navigationssatellitensysteme (GNSS) sowie über automatische Kommunikationsverbindungen mit einer Rettungszentrale auch wichtige, für den Notfall relevante Daten aus dem Fahrzeug (Signale von Crash- und Überschlagssensoren, Airbagsensoren, Sensorik der Sitzbelegungserkennung etc.). Über diese Technik lassen sich aber noch viel mehr Daten aus den Fahrzeugen nutzen. Diese sind nicht relevant für das Auslösen einer Rettungskette bei Panne oder Unfall; auf der Basis dieser Daten als Einzeldaten oder in Kombination mit anderen Daten aus dem Fahrzeug lassen sich neue, bisher nicht vorstellbare Geschäftsmodelle entwickeln. Den Kanal für Daten, die nicht unfallrelevant sind, nennt man Business- oder kurz B-Call, denn hier entsteht im Idealfall Geschäft.

Mehrere Tausend Datenpunkte senden laufend Signale

Per Telematik übertragbare Daten aus den Fahrzeugen gibt es zuhauf. In einem modernen Mittelklassefahrzeug sind heute 70 bis 80 Steuergeräte verbaut. Die Minicomputer sind darauf programmiert, einzelne Komponenten und Baugruppen im Fahrzeug zu steuern und mit anderen Steuergeräten zu interagieren. Motor- und Komfortelektronik, Fahrwerk, Getriebe, Licht, Fenster, Klimaanlage, Türschließanlagen etc. Jede Baugruppe hat ihren eigenen Computer. So passt sich etwa die Klimaanlage der Außentemperatur an, Schiebedächer schließen sich bei beginnendem Regen automatisch, Fahrlicht schaltet sich in der Dämmerung selbsttätig ein, der Schlupf an Antriebsrädern wird auf glattem Untergrund begrenzt. Damit die Minicomputer ihre Steuerfunktion übernehmen können, senden sie Signale, die die Steuergeräte im Fahrzeug verarbeiten und in Steuerungsbefehle für die einzelnen Komponenten umsetzen.

Digitalisierung und Vernetzung bringen es mit sich, dass dieser fahrzeuginterne Datenfluss ebenso wie Umfelddaten des Fahrzeugs (Außentemperatur, Feuchtigkeit, Lichtverhältnisse etc.) zu jeder Zeit und in jedem Fahrzeugzustand – also auch, wenn das Fahrzeug abgestellt ist – an einen oder mehrere Empfänger übertragen werden können. Im erwähnten Fahrzeug mit 70 Steuergeräten senden circa 7.000 Datenpunkte permanent Signale. Wirklich relevant sind davon nach bisheriger Einschätzung für die Vernetzung von Fahrzeugen und neue digitale Geschäftsmodelle ungefähr zehn Prozent.

Ergänzendes zum Thema
 
GVA-Broschüre

Neue Geschäftsmodelle mit alten Daten

Diese Geschäftsmodelle entstehen durch die Analyse und die Interpretation unterschiedlicher Daten. Dabei ist die Geschwindigkeit das A und O. Beispiel: Ein Autofahrer ist auf Geschäftsreise in einer fremden Stadt. Die Bremsen seines Fahrzeugs haben die Verschleißgrenze erreicht. Über den vom Fahrzeug ausgelesenen Outlook-Kalender im Smartphone kann ein Serviceanbieter sehen, dass der Kunde am kommenden Vormittag drei Stunden frei hat. Er kann anhand der Daten feststellen, welches Modell in welcher Ausstattungsvariante der Kunde fährt, hat die passenden Ersatzteile auf Lager und kann dem Kunden sofort und direkt auf das Fahrzeugdisplay ein Angebot für die Bremsreparatur mit Termin, Angebot für Ersatzfahrzeug und Navigationsdaten zur Werkstatt senden. Mit einem Knopfdruck oder einem Sprachbefehl kann der Autofahrer das Angebot bestätigen. Das ist keine Fiktion, solche Services gibt es bereits – zumindest Automobilhersteller bieten sie an.

Der freie Reparaturmarkt hinkt bei den technischen Lösungen dagegen bislang hinterher. Der Datenmarktplatz Caruso ist daher angetreten, um im freien Reparaturmarkt wettbewerbsfähige digitale Konzepte anzubieten. Caruso kann mittlerweile über 400 verschiedene Datenpunkte aus Fahrzeugsystemen interessierten Serviceprovidern zur Verfügung stellen. Allerdings geht man dabei nicht den direkten Weg über die Fahrzeuge, sondern den Umweg über die Extended-Vehicle-Plattform, die die Automobilhersteller bereitstellen.

Caruso orchestriert die In-Vehicle-Daten

Im dritten Quartal 2017 hat das Fraunhofer-Institut IESE für experimentelles Software Engineering für Caruso eine Studie erstellt. Zum Zeitpunkt der Studiendurchführung bot der Datenmarktplatz Serviceprovidern Zugriff auf 301 Datenpunkte. Ziel der Studie war es unter anderem, herauszufinden, welche der Datenpunkte für Anbieter im freien Reparaturmarkt überhaupt relevant sind, um ein Geschäftsmodell darauf aufzubauen, welche der Daten für die Akteure Priorität haben und mit welcher Frequenz die Daten aktualisiert werden sollen, damit neue Geschäftsmodelle funktionieren.

Die sogenannten In-Vehicle-Daten hat Caruso in fünf Kategorien eingeteilt:

  • Daten zu Fahrzeugposition, Bewegung und Umgebung,
  • Daten zu Fahrzeugzustand und Wartung,
  • Daten zur Fahrzeughardware exklusive Antriebsstrang,
  • Daten zu Ressourcen für den Fahrzeugantriebsstrang und
  • Daten über die Hardware des Fahrzeugantriebsstrangs.

Übersicht zu den In-Vehicle-Daten
Übersicht zu den In-Vehicle-Daten (Bild: Caruso)

Überraschenderweise hielt keiner der befragten Akteure einen der 301 Datenpunkte für verzichtbar. Im Gegenteil: Im Ergebnis nannten die befragten Unternehmen 125 zusätzliche Datenpunkte, die aus ihrer Sicht für die Umsetzung neuer Geschäftsmodelle erforderlich sind.

Große Übereinstimmung herrschte unter den Befragten bezüglich der Priorisierung:

  • Fahrzeuggeschwindigkeit
  • Beschleunigung des Fahrzeugs
  • Zurückgelegte Strecke
  • Diagnose-Fehler-Codes, Ladezustand der Batterie
  • Nicht standardisierte Codes, Motordrehzahl
  • Verschleißzustand der Bremsen
  • Kilometerstand, GPS-Position, Batteriespannung
  • Serviceanzeige, Position Bremspedal, Status ESP und ABS

(Quelle: Studie „Vehicle Data: Digital Fuel for the connected car Economy“)

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