Servicehefte: Wettbewerbsknebel oder digitaler Fortschritt?

Jeder kocht sein eigenes Süppchen

18.08.2010 | Autor: Steffen Dominsky

Ab in die Tonne: Bei immer mehr Fahrzeugherstellern und Importeuren sind die Tage klassischer Servicehefte gezählt. Elektronische Datenbanksysteme ersetzen hier gedrucktes Papier auf das bisher jedermann Zugriff hatte.
Ab in die Tonne: Bei immer mehr Fahrzeugherstellern und Importeuren sind die Tage klassischer Servicehefte gezählt. Elektronische Datenbanksysteme ersetzen hier gedrucktes Papier auf das bisher jedermann Zugriff hatte.

Echtes Negativbeispiel

Für Betriebe, denen dieser Aufwand für eine Marke mit einem Marktanteil von 0,3 Prozent* leicht übertrieben erscheint, haben die Japaner eine einfache Lösung: Der Fahrzeughalter solle doch mit dem Wartungsnachweis der Fremdwerkstatt beim freundlichen Daihatsu-Partner vorstellig werden. Dieser werde dann die Batterieprüfung und die Meldung des Serviceereignisses an die Zentrale auf eigene Kosten (Zeitaufwand zirka 20 Minuten) nachholen – wer mehr über ein zeitgemäßen Umgang mit Vertragspartnern und Kunden im 21. Jahrhundert wissen möchte, wende sich an Daihatsu Deutschland!

Nicht ohne Grund sieht Rechtsanwalt Funke dieses Verhalten als „kartellrechtlich problematisch“ an und verweist zu Recht auf die kommende Kfz-GVO: Diese wird nach Ansicht des Experten sicher in den meisten Punkten der bisherigen Rechtslage entsprechen beziehungsweise unter Umständen derartiges Verhalten künftig noch strenger ahnden.

Auch Ulrich Dilchert vom Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe warnt davor, elektronische Serviceheftsysteme als „Wettbewerbsknebel“ zu missbrauchen: „Grundsätzlich sind die Daten der elektronischen Serviceheftsysteme als technische Daten zu qualifizieren. Insoweit muss sichergestellt sein, dass jede Werkstatt diskriminierungsfrei Zugang zu den Datenbanksystemen bekommt. So wie es im Übrigen in den Vorschriften zur Euro-5/6-Verordnung geregelt ist“, erklärt der Rechtsexperte des ZDK.

Es geht auch anders

Wie es anders gehen kann, zeigt wie so oft das Land der unbegrenzten Möglichkeiten: Bereits seit vielen Jahren bietet in den USA das Unternehmen „Carfax“ (siehe Kasten „Ergänzendes zum Thema“) Verbrauchern umfassende Informationen über ihr Fahrzeug bzw. einen Gebrauchtwagen an. Auch hier bündelt eine zentrale Datenbank automobiles Wissen. Der Unterschied: Das Ziel und Ergebnis sind zufriedene Autofahrer.

Ergänzendes zum Thema
 

Carfax

Und was macht der Rest? Der Branchenführer VW mitsamt seinen Töchtern Audi, Seat und Skoda möchte vorerst am bewährten Papierserviceheft festhalten, sieht aber in einem parallel geführten Datenbankmodell für den Fahrzeughalter einen „interessanten Ansatz“, den man verfolgen wolle. Gleiches gilt für Ford: Auch hier wird das Thema elektronische Wartungsnachweise „verfolgt und aufmerksam analysiert“.

Sinnvoll abwägen

Elektronische Datenbanken können, wie zahlreiche Beispiele des täglichen Lebens zeigen, zweifellos Vorteile bieten. Sie können Arbeitsabläufe erleichtern und Prozesse verbessern. Sie sollten jedoch nicht dazu benutzt werden, Märkte abzuschotten und freien Wettbewerb einzuschränken. Denn auch das zeigen viele Beispiele des täglichen Lebens: Fühlt sich der mündige Verbraucher in seiner Entscheidung für ein Produkt im Nachhinein durch ein restriktives Serviceverhalten des Herstellers/Importeurs eingeschränkt bzw. bevormundet, entscheidet er sich beim nächsten Kauf vielleicht gegen diesen.

Diese Tatsache sollten sich auch die Hersteller/Importeure zu Herzen nehmen, die an einem elektronischen Serviceheft arbeiten und sich noch nicht entschieden haben, wie und zu welchem Preis sie anderen Marktteilnehmern Zugang dazu gewähren wollen. Denn ob elektronisch oder nicht: Die Zeiten des „Wegezolls“ sind vorbei.

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