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Servicestudie: Auswirkungen der E-Mobilität geringer als befürchtet

Autor: Jan Rosenow

Die Marktforscher von Bain erwarten bis 2035 lediglich einen Rückgang von zwei Prozent im Servicegeschäft. Eine andere Technik hat laut Bain deutlich stärkere Folgen für die Kfz-Betriebe.

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Elektroautos brauchen kein Motoröl und kaum Verschleißteile.
Elektroautos brauchen kein Motoröl und kaum Verschleißteile.
(Bild: Rosenow/»kfz-betrieb«)

Dass Elektroautos durch ihren geringeren Ersatzteil- und Wartungsbedarf die Serviceumsätze im Aftermarket künftig deutlich senken werden, scheint in der Branche allgemein anerkannt zu sein. Doch die Unternehmensberatung Bain & Company kommt in ihrer neuen Studie „Aftersales: Der stille Fluch der Fahrassistenzsysteme“ zu einer gegenteiligen Erkenntnis: Bis 2035 führe die wachsende Verbreitung von E-Autos in den fünf großen europäischen Märkten Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien lediglich zu einem Umsatzrückgang von unter zwei Prozent. Zusammen mit den Auswirkungen des automatisierten Fahrens soll der Rückgang insgesamt 5,4 Prozent betragen.

Diese Prognose steht im krassen Gegensatz zu einer Untersuchung der Unternehmensberatung Deloitte aus dem vergangenen Jahr. Ihr zufolge drohe dem Aftermarket im gleichen Zeitraum ein Umsatzrückgang von nicht weniger als 55 Prozent.

Steigender Bestand kompensiert die Umsatzrückgänge

Laut Bain-Prognose federt ein insgesamt steigender Fahrzeugbestand die Umsatzeinbußen durch Elektrofahrzeuge und Fahrerassistenzsysteme bis 2035 sogar noch vollkommen ab. Erst in den Jahren nach 2035 dürfte sich der Rückgang tatsächlich bemerkbar machen.

Der negative Effekt der Elektrofahrzeuge auf die Aftersales-Umsätze wäre sogar noch deutlich ausgeprägter, würde er nicht durch einen steigenden Reifenverbrauch teilweise kompensiert werden. Der stärkere Schlupf beim Beschleunigen und Rekuperieren sowie die höhere Fahrzeugmasse sorgen dafür, dass bei E-Autos häufiger die Reifen gewechselt werden müssen. Hinzu kommen tendenziell höhere Preise für die großen Reifendimensionen. Dennoch werden die Aftersales-Umsätze je batteriegetriebenem Fahrzeug bis 2035 um durchschnittlich 16 Prozent zurückgehen.

Zwei Drittel der Fahrzeuge verfügen 2035 über Assistenzsysteme

Fahrerassistenzsysteme haben einen größeren Einfluss auf den Serviceumsatz als die Elektrifizierung.
Fahrerassistenzsysteme haben einen größeren Einfluss auf den Serviceumsatz als die Elektrifizierung.
(Bild: Bain &Company)

Einen nahezu doppelt so hohen Effekt mit minus 3,7 Prozent Aftermarket-Umsatz bis 2035 hat nach Erkenntnissen der Bain-Forscher der Faktor Fahrerassistenzsysteme – und damit die zunehmende Automatisierung der Pkws. Das ist auch erwartbar: Schließlich schlagen diese Systeme auf den gesamten Fahrzeugmarkt durch – batterieelektrische Antriebe hingegen nur auf einen Teil.

„Heute gängige Systeme senken die Unfallwahrscheinlichkeit bereits um bis zu 30 Prozent und die Unfallschwere um bis zu 10 Prozent“, erklärt Bain-Partner und Studienautor Dr. Eric Zayer. „Aus Gründen der Sicherheit ist dies sehr zu begrüßen. Gleichzeitig verringert sich der Reparatur- und Ersatzteilbedarf erheblich, und wir stehen erst am Anfang des automatisierten Fahrens.“

Bain-Prognosen zufolge werden 2035 knapp zwei Drittel der weltweit genutzten Fahrzeuge über sogenannte Level-1- und Level-2-Systeme verfügen, die ein assistiertes oder teilautomatisiertes Fahren ermöglichen. Hinzu kommen dann voraussichtlich weitere 10 bis 15 Prozent Pkws, die mit Level-3-Systemen ausgestattet sind und bestimmte Fahraufgaben beispielsweise auf der Autobahn vollständig übernehmen können.

Bain empfiehlt, das Reifengeschäft auszubauen

Als Verlierer dieser Markttrends sieht Bain in erster Linie die Autohersteller sowie die markengebundenen Autohäuser. „Servicebetriebe, bei denen die Ertragslage schon heute angespannt ist, können in eine existenzbedrohende Schieflage geraten“, stellt Bain-Partner und Studien-Co-Autor Dr. Marcus Hoffmann fest. „Umfassende strukturelle Veränderungen sind notwendig, um das Geschäft zu sichern.“

Das Schrumpfen der klassischen Wartungs- und Reparaturumsätze könnten Markenhändler seiner Ansicht nach zumindest teilweise auffangen, indem sie ihr Leistungsspektrum verändern und erweitern. Erhebliche Ertragschancen böte beispielsweise das lang vernachlässigte Reifengeschäft. Für die meisten Autohändler dürfte das allerdings keine neue Erkenntnis, sondern längst gelebte Praxis sein.

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Über den Autor

 Jan Rosenow

Jan Rosenow

Ressortleiter Service & Technik, Vogel Communications Group