E-Caravan So schlug sich der erste Elektro-Caravan im Härtetest über die Alpen

Autor: Christoph Seyerlein

Mit dem Elektroauto einen Wohnwagen ziehen? Das wirkt sich im Normalfall böse auf die Reichweite aus. Mit Dethleffs, Hymer und ZF arbeitet ein prominentes Trio bereits nach drei Jahren daran, das zu ändern. Nun war es an der Zeit für einen ersten Härtetest für den „E-Home Caravan“.

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Das elektrische Gespann aus Audi E-Tron Sportback und dem E-Home Caravan legte die 386 Kilometer von Isny nach Riva am Gardasee mit einer Batterieladung zurück.
Das elektrische Gespann aus Audi E-Tron Sportback und dem E-Home Caravan legte die 386 Kilometer von Isny nach Riva am Gardasee mit einer Batterieladung zurück.
(Bild: Dethleffs)

Elektromobilität und Caravaning – es gibt nur wenige Bereiche in der Mobilitätsbranche, die zuletzt derart geboomt haben wie diese beiden. Doch lassen sie sich auch miteinander vereinen? Zweifel daran sind berechtigt. Schließlich sorgen Wohnwagenanhänger für enormes Zusatzgewicht und verschlechtern spürbar die Aerodynamik. Beides Gift für Elektroautos, deren Reichweite unter solchen Zusatzbelastungen stark leiden kann.

Doch es ist auch nicht unmöglich, Elektromobilität und Caravans zusammenzubringen. Davon ist jedenfalls ein prominentes Trio bestehend aus Dethleffs, der Erwin Hymer Group und ZF Friedrichshafen überzeugt. Bereits seit 2018 arbeiten sie an einer Lösung: einem Wohnwagen, der mit einem eigenen elektrischen Antrieb sein Zugfahrzeug entlastet.

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Jetzt haben die Projektpartner ihren „E-Home Caravan“ unter Realbedingungen getestet. Zu leicht wollten sie es dem Elektro-Wohnwagen dabei nicht machen: Die Route führte von Isny im Allgäu nach Riva am Gardasee. Sprich: Einmal über die Alpen, 4.870 Höhenmeter inklusive.

Als Zugfahrzeug stand für die Aufgabe ein Audi E-Tron Sportback 55 Quattro bereit. Vollgeladen soll dieser mit seiner 83,6-kWh-Batterie laut Herstellerangaben bis zu 411 Kilometer weit kommen. Die gewählte Route führte insgesamt über 386 Kilometer gen Süden. Der Plan: Durchfahren ohne Nachladen.

„Zuglastbegrenzung heißt das Zauberwort“

Der Anhänger wiederum hat eine Antriebseinheit mit Zugentlastungsmodul in seiner Anhängevorrichtung integriert. Vor und hinter der Achse sind zwei 40-kWh-Batteriemodule verbaut. Ein Sensor registriert dabei, ob das Zugfahrzeug beschleunigt, bremst oder segelt. Diese Information landet dann bei den beiden Elektromotoren in den Rädern. Diese sollen binnen einer Zehntelsekunde bis zu einer Höchstgeschwindigkeit von gut 100 km/h genau so viel Kraft bereitstellen, wie es für das Gespann optimal ist. „Zuglastbegrenzung heißt das Zauberwort“, erklären die Dethleffs-Ingenieure. Maximal setzen die Synchronmotoren für kurze Zeit je 90 kW (122 PS) frei. Gebremst wird elektro-typisch fast immer per Rekuperation.

Klingt in der Theorie vielversprechend. Doch wie sieht es in der Praxis aus? Tatsächlich erreichte das Gespann nach 6 Stunden und 12 Minuten nach Angaben der Hersteller sein Ziel – ohne einmal an einer Ladesäule Halt machen zu müssen. Im Gegenteil: Die Akkus beider Fahrzeuge hatten sogar noch etwas Restenergie übrig. Der Audi verbrauchte insgesamt 82 kWh Strom, der Wohnwagen 74 kWh. Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug 62,3 km/h.

Serie vielleicht in drei bis vier Jahren

Wer nun mit dem Gedanken spielt, sich den Elektro-Wohnwagen zuzulegen, muss sich gedulden. Denn das Gefährt kann derzeit noch nicht zugelassen werden. In den europäischen Zulassungsbestimmungen gibt es bislang keine Fahrzeugkategorie „Anhänger mit Antrieb“.

Auch rund um das Gewicht gibt es Fragen: Allein die Batteriemodule sorgen für 600 Kilogramm extra. Bis zu einem möglichen Serieneinsatz wollen die Entwickler das Zusatzgewicht noch auf etwa 400 Kilogramm drücken. Beispielsweise sollen kleinere Batterieeinheiten zum Einsatz kommen. Dennoch: Es muss geklärt werden, ob jenes Gewicht auf die zulässige Anhängelast des Zugfahrzeugs angerechnet wird. Klar muss auch sein, welche Führerscheinklasse für Fahrer eines solchen Modells gefordert ist.

Bis zum Serieneinsatz wird also noch etwas Zeit vergehen. Dethleffs, Hymer und ZF sind optimistisch, in drei bis vier Jahren mit ihrem Elektro-Wohnwagen durchstarten zu können. Die Feuertaufe hat der E-Home Caravan jedenfalls gemeistert.

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 Christoph Seyerlein

Christoph Seyerlein

Fachredakteur Next Mobility