Tachomanipulation Spezialdatenbank ermittelt BMW als am häufigsten manipulierte Automarke

Autor: Steffen Dominsky

Die Kilometerstände von Kraftfahrzeugen zu manipulieren, ist nach wie vor groß in Mode. Ein litauischer Datenbankanbieter behauptet zu wissen, bei welchen Modellen der Betrug am häufigsten passiert. Der ADAC fordert endlich wirksame Gegenmaßnahmen der Autobauer.

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Nach wie vor kinderleicht: Mit einfach zu bedienenden Geräten sind Betrüger in der Lage, die Kilometerstände von Fahrzeugen zu manipulieren.
Nach wie vor kinderleicht: Mit einfach zu bedienenden Geräten sind Betrüger in der Lage, die Kilometerstände von Fahrzeugen zu manipulieren.
(Bild: ADAC/Ralph Wagner)

Die Forderungen des ADAC zu einem besseren Schutz vor Tachomanipulationen sind nicht neu, aber aktuell wie eh und je. Und das ist das Problem, denn trotz entsprechender Schutzvorschriften wird die Zahl der Betroffenen gefühlt keinen Deut kleiner. Neu homologierte Fahrzeugmodelle müssen seit 1. September 2017 systematisch gegen Manipulation des Kilometerstands geschützt werden, seit 2018 sämtliche Neuwagen.

Doch die „Verwaltungsvorschrift für die EG-Typgenehmigung“ hat mehrere Haken: Erstens hat der Gesetzgeber nicht definiert, wie gut und nach welchen Maßstäben der Kilometerstand gegen Manipulation geschützt sein muss. Zweitens dürfen sich die Autohersteller in Sachen Sicherheitskonzepte selbst zertifizieren. Der ADAC drängt daher auf eine neutrale Stelle als „Schiedsrichter“, zum Beispiel das Bundesamt für Informationssicherheit in der Informationstechnik. Und drittens ist bei der Neuregelung das Millionenheer an Bestandsfahrzeugen sowieso außen vor.

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Top 15 der am häufigsten tachomanipulierten Fahrzeuge

Es verwundert nicht, dass munter weiter an der Tachowelle gedreht wird. Wie groß aktuell das Ausmaß bei Gebrauchtwagen ist, hat Car Vertical versucht herauszufinden. Das Unternehmen aus Litauen ist einer von zahlreichen Anbietern von Fahrzeugdatenbanken. Auf ihnen hinterlegt: die Reparatur- und Wartungshistorie von Kraftfahrzeugen in Verbindung mit dem Kilometerstand. Für die vergangenen zwölf Monate (Oktober 2019 bis Oktober 2020) hat Car Vertical nach eigenen Angaben mehr als eine halbe Million „Berichte“ aus zahlreichen europäischen Ländern, aus Russland und aus den USA analysiert und eine Art Hitliste zusammengestellt.

Die mit weitem Abstand am häufigsten tachomanipulierten Fahrzeuge sind Produkte der Bayerischen Motorenwerke. Sage und schreibe sieben Modelle von BMW belegen die Plätze eins bis sechs. Erst dann folgen mit einer Ausnahme in Form der E-Klasse von Mercedes-Benz ausschließlich Wagen aus dem Volkswagen-Konzerns. Meist sind ältere Autos betroffen. Die Studie von Car Vertical ergab ferner, dass in der Premiumklasse der Tachobetrug am stärksten ausgeprägt ist. So werden die populären BMWs manipuliert, wenn sie zwischen 10 und 15 Jahre alt sind. E-Klassen der Baujahre 2002 bis 2004 sind ebenfalls sehr oft betroffen.

Datenbankmodelle helfen, beseitigen das Problem aber nicht

Tachomanipulierte Fahrzeuge der Mittelklasse sind hingegen meist jünger. Hier zeigen die Daten für den Volkswagen Passat, den Skoda Superb und den Skoda Octavia, dass die Laufleistung dieser Autos am häufigsten bereits in ihrem ersten Lebensjahrzehnt „geschönt“, also niedriger angegeben wird. Dass Dieselfahrzeuge generell von Tachomanipulation weitaus öfter betroffen sind, erscheint logisch. Schließlich werden sie wegen ihres sparsamen Treibstoffverbrauchs eher auf Langstrecken geschickt als ihre Pendants mit Benzinmotor. Laut Car Vertical kommt es sehr oft vor, dass Autos aus westeuropäischen Ländern importiert werden, nachdem sie mehr als 300.000 Meilen/Kilometer und mehr zurückgelegt haben. Mit einem manipulierten Kilometerzähler lässt sich der Wert dieser Fahrzeuge stark erhöhen.

Da hierzulande der Kilometerstand in die Kategorie „persönliche Daten“ gehört, fallen entsprechende Angaben unter den Datenschutz. Das ist der Grund, weshalb in Deutschland, anders als in den USA und in anderen europäischen Ländern, Datenbankmodelle bislang keine Chance hatten, flächendeckend Kilometerstände von Fahrzeugen zu sammeln. Im Ausland hingegen funktionieren diese Datenbanken offensichtlich sehr gut. Sie haben dazu beigetragen, Tachomanipulationen zumindest spürbar zu reduzieren. Zu Recht kritisiert sie der ADAC jedoch. Zum einen können sie Tachomanipulationen nicht verhindern – bestenfalls eben reduzieren. Zum anderen entstehen durch sie Kosten, die die Autofahrer und -käufer beziehungsweise Werkstätten tragen müssen. Der Automobilclub hält dies nicht für akzeptabel. Fahrzeughersteller sollten für den finanziellen Aufwand aufkommen.

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Über den Autor

 Steffen Dominsky

Steffen Dominsky

Redakteur »kfz-betrieb«, "Fahrzeug + Karosserie", stellv. Ressortleiter Service & Technik »kfz-betrieb«, Vogel Communications Group