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Studie: Die Rückkehr des Feinstaub-Gespensts

| Autor / Redakteur: ro/dpa / Jan Rosenow

Die Gesundheitsgefahren durch Feinstaub sollen in Deutschland besonders hoch sein. Dabei werden die Grenzwerte deutschlandweit deutlich unterschritten. Die verwendete Rechenmethode verblüfft.

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Dieselabgase stehe nur für einen kleinen Teil der gesamtemn Feinstaubemission.
Dieselabgase stehe nur für einen kleinen Teil der gesamtemn Feinstaubemission.
(Bild: »kfz-betrieb«/Jan Rosenow)

Schmutzige Luft soll einer Studie Mainzer Wissenschaftler zufolge deutlich mehr vorzeitige Todesfälle verursachen als bislang angenommen - auch in Deutschland. Der im „European Heart Journal“ veröffentlichten Analyse zufolge sterben weltweit etwa 120 Menschen je 100.000 Einwohner pro Jahr vorzeitig an den Folgen verschmutzter Luft, in Europa etwa 133. In Deutschland sind es den vorgestellten Daten zufolge sogar 154 je 100.000 Einwohner jährlich - mehr als etwa in Polen, Italien oder Frankreich. Das sei vor allem auf die dichte Besiedelung Deutschlands zurückzuführen, sagte der Atmosphärenforscher Jos Lelieveld, einer der Autoren der Studie.

Die Mainzer Wissenschaftler rechnen vor, dass sich die durchschnittliche Lebenserwartung von Europäern durch die Luftverschmutzung um rund zwei Jahre verringert. Ihre Botschaft lautet: Die Feinstaub-Grenzwerte müssen gesenkt werden. In der EU gilt für Feinstäube mit bis zu zehn Mikrometern Partikelgröße (PM10) ein Jahresgrenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter, für die besonders gefährlichen Feinststäube (PM2,5) von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter. Umweltschützer fordern schon lange schärfere Limits, und die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt beispielsweise zehn Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel für PM 2,5.

Weitere Fahrverbote bringen nichts

Die überdurchschnittlich hohe Gesundheitsbelastung in Deutschland verwundert etwas angesichts der Tatsache, dass seit 2012 im Jahresmittel keine Grenzwertüberschreitungen bei Feinstaub mehr festgestellt wurden. Lediglich der Tageshöchstwert von 50 Mikrogramm wird an vielen Messstationen noch übertroffen, das ist aber an bis zu 35 Tagen pro Jahr erlaubt.

Es ist also zu bezweifeln, dass schärfere Grenzwerte wirklich sauberere Luft brächten. Die heutigen Limits werden bereits deutlich unterschritten. In Deutschland liegt die durchschnittliche Feinstaubimmission (PM10) an verkehrsnahen Stationen laut Umwelt-Bundesamt (UBA) bei 22 Mikrogramm, im ländlichen Gebiet bei 13. Der PM2,5-Wert liegt in deutschen Durchschnitt bei 13 Mikrogramm. Selbst eine Senkung der Limits um 50 Prozent würde also nur die heutige Situation abbilden.

Hinzu kommt, dass die Einflussmöglichkeiten auf die Feinstaubentstehung begrenzt sind. Der Verkehr trägt zur gesamten PM10-Menge lediglich 20 Prozent bei. Weitere Fahrverbote halten deshalb nicht einmal die Mainzer Wissenschaftler für notwendig: „Fahrverbote bringen nichts", sagt Lelieveld. Sie verlagerten Verkehr nur und könnten unter bestimmten Umständen sogar mehr Menschen belasten.

So kommen die Ergebnisse zustande

Die Todesfälle durch schmutzige Luft gehen demnach vor allem auf Herzkreislauf- und Atemwegserkrankungen zurück. Langzeitfolgen schlechter Luft seien erhöhter Blutdruck, chronische Bronchitis, Herzinfarkt, Hirnschlag oder Lungenkrebs. Die nun deutlich höhere Zahl vermuteter vorzeitiger Todesfälle kommt allerdings vor allem deshalb zustande, dass die Wissenschaftler weitere Krankheiten mit einbezogen haben, die zwar nicht von Feinstaub verursacht, aber von ihm beeinflusst würden - wie etwa Diabetes oder Hypercholesterinämie, ein zu hoher Cholesterinspiegel.

Die Forscher ermittelten die regionale Belastung mit Schadstoffen wie Feinstaub und Ozon mit Hilfe eines Atmosphärenchemiemodells. Diese Werte verknüpften sie mit krankheitsspezifischen Gefährdungsraten sowie der Bevölkerungsdichte und den Todesursachen in einzelnen Ländern. Sie geben aber selbst zu bedenken, dass ihre Hochrechnung mit statistischen Unsicherheiten verbunden ist, der tatsächliche Effekt der Luftverschmutzung könne daher sowohl unter als auch über den errechneten Werten liegen.

Berechnungen wie die nun vorgestellte wurden vor allem in der Debatte um Stickoxide und Fahrverbote in Städten zuletzt immer wieder kritisiert. Letztlich handele es sich bei solchen epidemiologischen Studien um eine statistische Abschätzung, hatte das Umweltbundesamt klargestellt. Es handele sich nicht um klinisch identifizierbare Todesfälle, die auf einen bestimmten Luftschadstoff zurückgeführt werden können.

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