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Studie: Diesel wird Privileg der Oberklasse

Autor / Redakteur: Christian Otto / Andreas Grimm, Andree Stachowski

Roland Berger hat die möglichen Folgen des Diesel-Skandals für das Antriebskonzept betrachtet. Die Berater sind sich sicher, dass künftig weniger Diesel-Pkw zugelassen werden.

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Hersteller und Zulieferer müssen zahlreiche Herausforderungen bewältigen, soll der Diesel ein Erfolgsmodell bleiben.
Hersteller und Zulieferer müssen zahlreiche Herausforderungen bewältigen, soll der Diesel ein Erfolgsmodell bleiben.
(Foto: VW)

Die VW-Abgasaffäre kratzt am Ruf des Diesels. Manch ein Medium schreibt schon vom Ende dieses Motorenkonzepts. Dass es in nächster Zeit soweit kommt, ist zu bezweifeln. Trotzdem stehen die Automobilhersteller und Zulieferer vor der Herausforderung, den Schock zu überwinden und die Zukunftsfähigkeit der Technik zu überprüfen. Diesem Spannungsfeld widmeten sich die Experten des Beratungsunternehmens Roland Berger in ihrer Studie „ Diesel-Kontroverse – zeitlich begrenzter Schock oder Paradigmenwechsel in der Antriebstechnik?“.

Thomas Schlick, Partner von Roland Berger und Autor der Studie, legt sich fest, dass der Diesel auch weiterhin unabdingbar ist. Dazu weist er auf die Rahmenbedingungen hin: „Ohne Dieselmotoren wird es nicht möglich sein, die von der EU geforderten CO2-Emissionswerte bis 2020/ 2021 zu erreichen.“ Gleichzeitig mahnt er aber auch zu einer Neubewertung: „Trotzdem werden Hersteller und Zulieferer umdenken müssen, wenn Dieselmotoren nicht von der Straße verschwinden sollen.“

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Dabei sollte der Diesel gerade am europäischen Markt gepflegt werden. Denn dort hatten laut der Studie im Jahr 2014 mehr als die Hälfte der 12,5 Millionen verkauften Neuwagen einen Dieselmotor. Auf dem US-Markt, wo der Skandal seinen Ursprung nahm, bleibt die Motorenvariante hingegen unterrepräsentiert: von knapp 14 Millionen Neuzulassungen waren es nur 3 Prozent. Und auch in China bleibt der Benziner das Maß aller Dinge. Von 18 Millionen Neufahrzeugen waren weniger als ein Prozent mit Dieselmotoren ausgestattet, so die Roland Berger-Experten.

Zerstörtes Saubermann-Image

Der Diesel hatte es in den letzten Jahren geschafft, ein gewisses Saubermann-Image aufzubauen. Zumindest sprachen die Abgaszyklen für eine Verbesserung. Doch der Abgasskandal hat diese Tendenz ausgehebelt und verdeutlicht, dass auch moderne Systeme die scharfen Vorgaben nicht oder nur schwer einhalten können. Roland Berger erwartet nun als logische Konsequenz, dass die Auflagen für Emissionstests verschärft werden. Der Fokus auf Laborwerte wird nicht mehr ausreichen. Vielmehr gewinnen im realen Straßenverkehr erzielte Schadstoffnormen künftig an Bedeutung.

Die neuen Vorgaben werden aus Sicht der Analysten dazu führen, dass Dieselmotoren künftig teurer werden. Preistreiber sind zusätzliche Technologien, die zur Verbesserung der zur Verbrennung und Abgasnachbehandlung notwendig werden. Die Folge: Der Preisabstand zum Benzinmotor steigt. Roland Berger sieht mit Blick auf die ehrgeizigen EU-Abgasnormen bis 2020/ 2021 die Diesel-Technologie für die Hersteller andererseits als alternativloses Mittel zur Erreichung der Vorgaben.

Studien-Autor Schlick warnt trotzdem: „Umso wichtiger ist es für die Hersteller, kosteneffiziente Lösungen zu finden, die den geplanten zusätzlichen Abgastests standhalten können. Dabei soll der Fahrspaß für die Kunden nicht verloren gehen.“ Die zusätzlichen Kosten dürften laut Schlick dazu führen, dass der Diesel nicht mehr für alle Fahrzeugklassen eine sinnvolle Lösung bietet: „Investitionen dieser Größenordnung lohnen sich nur für Wagen der Oberklasse, da der Dieselmotor in Kleinst- und Kleinwagen durch die neuen Auflagen nicht mehr wettbewerbsfähig ist.“ Außerdem sei der Einsparfaktor an CO2-Emissionen in Dieselfahrzeugen der Mittel- und Oberklasse deutlich höher (bis zu 35 Prozent) als in kleinen Autos (bis zu 15 Prozent).

Fallende Dieselquoten bis 2030

Die Studie rechnet infolge der höheren Kosten mit einem sinkenden Anteil der Dieselfahrzeuge in Europa. Konkret erwarten die Experten, dass im Kleinwagensegment bis 2030 über 70 Prozent der Autos einen Benzinmotor haben werden. Bei Kleinstwagen werden Dieselmodelle sogar komplett wegfallen. Im Mittelklasse-Segment rechnet die Studie mit einem Dieselanteil von 55 Prozent statt heute 64 Prozent, bei Luxusautos werde er von 50 auf nur noch 37 Prozent zurückgehen. Auch in der Oberklasse rechnen Schlick und seine Kollegen mit einem rückläufigen Anteil von heute 88 Prozent auf 70 Prozent im Jahr 2030.

Die Automobilhersteller stehen daher vor großen Herausforderungen, denn sie müssen alternative und effiziente Technologien entwickeln, um die künftig strengeren Testauflagen erfüllen zu können. Doch neben den Herausforderungen ergeben sich laut Thomas Schlick auch insbesondere für die Zulieferer neue Möglichkeiten: „Für die Zulieferer bietet diese Marktverschiebung dagegen eine große Chance, wenn sie gemeinsam mit den Herstellern innovative Technologien für Dieselmotoren und zeitgleich neue Lösungen für alternative Antriebe entwickeln.“

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Über den Autor

 Christian Otto

Christian Otto

stellvertretender Chefredakteur, Redaktion AUTOMOBIL INDUSTRIE