Volvo: „Händler sind Nachrichtenmanager“

Autor / Redakteur: Julia Mauritz / Julia Mauritz

Geschäftsführer Thomas Bauch schildert im Interview, wie sich die Dieselkrise auf den Neu- und Gebrauchtwagenvertrieb auswirkt, und warum er das klassische Automobilhandelsgeschäft trotz Elektrifizierung und Digitalisierung nicht in Gefahr sieht.

Firma zum Thema

Volvo-Deutschland-Geschäftsführer Thomas Bauch sieht den stationären Automobilhandel nicht in Gefahr.
Volvo-Deutschland-Geschäftsführer Thomas Bauch sieht den stationären Automobilhandel nicht in Gefahr.
(Bild: Bittmann/Volvo)

Volvo ist eine klassische Dieselmarke, folglich hat die Dieselkrise beim schwedischen Hersteller sichtbare Spuren hinterlassen: Noch zeigen sich die Restwerte stabil, aber bei den Volvo-Neuwagen ist der Dieselanteil um zehn Prozent gesunken, und die Gebrauchtwagen mit Selbstzünder entwickeln sich zu Langstehern. Händler und Kunden sind gleichermaßen verunsichert. Auch die Ankündigung von Volvo, ab 2019 konsequent auf die Elektrifizierung zu setzen und perspektivisch keine neue Diesel-Generation mehr entwickeln zu wollen, wirft im Handel einige Fragen auf. Volvo-Deutschland-Geschäftsführer Thomas Bauch klärt auf.

Redaktion: Herr Bauch, wie fällt Ihre Halbjahresbilanz aus?

Thomas Bauch: Wir sind genau auf dem Kurs, auf dem wir sein wollten. Mit knapp 20.000 Neuzulassungen haben wir in etwa die Hälfte der Jahresleistung geschafft, die wir uns für dieses Jahr als Minimum vorgenommen haben – nämlich 42.268 Einheiten. Dank des reibungslosen Produktionsstarts des neuen Volvo XC60 halten wir an unserem Ziel fest, 2017 den bisherigen Verkaufsrekord in Deutschland aus dem Jahr 1998 einzustellen.

Wie entwickelt sich bei Volvo aktuell die Diesel-Nachfrage?

Ähnlich wie die anderen Hersteller merken auch wir, dass Ottomotoren etwas stärker nachgefragt werden. Aber die Vielfahrer greifen unvermindert weiter zum Diesel, weil dieser Antrieb für sie schlichtweg die sinnvollste Alternative ist. Unter dem Strich ist der Dieselanteil bei uns von rund 90 auf 80 Prozent gesunken.

Sind die Restwerte der Volvo-Dieselmodelle unter Druck?

Momentan stellen wir interessanterweise anhand der quartalsweise erhobenen DAT-Werte fest, dass die Restwerte der Dieselfahrzeuge aktuell sogar leicht ansteigen. Nichtsdestotrotz spüren unsere Händler, dass die Nachfrage nach Gebrauchtwagen mit Dieselantrieb sinkt und die Standzeiten ansteigen. Die Kunden sind verunsichert, und unsere Händler sind inzwischen Nachrichtenmanager: Es werden in der Öffentlichkeit enorm viele Fakten durcheinandergewürfelt, es werden Normen zitiert, die es gar nicht gibt, und jeder führt eigene Tests durch. Gesetzliche Vorgaben werden teilweise ausgeblendet. Daher ist es dringend erforderlich, dass klare Grenzwerte und neue normierte Mess- und Prüfverfahren definiert werden, damit die Hersteller konkret wissen, wie Sie die Fahrzeuge zukünftig auslegen müssen, damit sie auf Jahre die Vorgaben vollumfänglich erfüllen. Gleichermaßen muss mit Blick auf mögliche Fahrverbote schnell geklärt werden, wie die bereits verkauften Fahrzeuge behandelt und eingestuft werden. Eine unendliche Fortführung dieser Diskussionen schadet dem Geschäft aller.

Volvo XC60: Zweitauflage zeigt Premium
Bildergalerie mit 16 Bildern

Volvo hat angekündigt, nicht mehr in eine neue Dieselgeneration investieren zu wollen, obgleich der Dieselanteil in Europa aktuell immer noch sehr hoch ist. Warum?

Weltweit wollen wir im Jahr 2020 800.000 Neuwagen verkaufen – damit sind wir im Vergleich zu anderen Herstellern immer noch ein kleiner Player. Um wirtschaftlich solide operieren zu können, müssen wir uns auf gewisse Technologien fokussieren und zielgerichtet in diese investieren. Unsere erste strategische Entscheidung war, nur noch Vierzylindermotoren anzubieten und diese später um Dreizylinder zu ergänzen. Das hatte anfangs für einen Aufschrei gesorgt. Heute ist das kein Thema mehr: Unsere Fabriken laufen auf Vollauslastung. Die nächste viel beachtete Aussage war, dass wir aus heutiger Sicht nicht mehr in eine neue Dieselmotorengeneration investieren müssen. Diese Aussage ist vor dem Hintergrund getroffen worden, dass die jetzige Motorengeneration ja erst seit wenigen Jahren auf dem Markt ist und auf viele Jahre noch großes Potenzial hat. Wir brauchen den Diesel auch, um den nächsten Schritt, den Flottenverbrauch auf 95 g/km in 2020 zu reduzieren, zu erreichen. Es ist aber klar, dass der hohe Anteil an Dieselmotoren, den wir in Europa haben, perspektivisch abnehmen muss.

Mit welchen Mitteln wollen Sie das schaffen?

Es wird eine stärkere Balance hin zu Ottomotoren geben. Deswegen legen wir einen Fokus auf die Weiterentwicklung dieser Motoren und den zweiten Fokus auf vollelektrische und teilelektrische Antriebe. Jedes ab 2019 neu eingeführte Volvo-Modell wird über ein elektrifiziertes Antriebskonzept verfügen – wir werden ab diesem Zeitpunkt nur noch Mildhybride, Plug-in-Hybride oder reine Elektroautos neu auf den Markt bringen. Der Abschied vom Diesel ist aber keinesfalls abrupt: Auch im Jahr 2025 werden Neuwagenkäufer noch einen Volvo Diesel kaufen können: Denn alle Autos, die bis 2019 neu auf den Markt kommen, werden weiterhin einen Dieselmotor haben – einschließlich des Volvo XC40 und der neuen 60er Modelle. Und wie es dann weitergeht, entscheiden maßgeblich auch die Kunden mit ihrer Kaufentscheidung. Entscheiden sie sich für die Elektromobilität, wird sich alles sehr viel schneller verändern. Wichtig ist zu erkennen, dass Elektromobilität kein vorübergehender Hype, sondern ein bedeutender Schritt in die nachhaltige Mobilität der Zukunft ist.

Durch die Elektrifizierung werden die Volvo-Neuwagen aber auch preislich steigen ...

Erklärtes Ziel von Volvo ist es, das aktuelle Preisniveau perspektivisch auch mit Elektroantrieben zu halten und den Kunden ein wettbewerbsfähiges Angebot machen zu können – allerdings hängt viel davon ab, wie sich beispielsweise die Preise der Akkus weiterentwickeln. Da die Reinigung eines Dieselmotors immer komplexer und teurer wird, werden sich die Preise jedoch bald annähern, elektrifizierte Fahrzeuge werden schon bald günstiger sein, als heute.

(ID:44797724)