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VW: Diess und Brandstätter melden sich nach Machtwechsel zu Wort

| Autor: Christoph Seyerlein

Ist Herbert Diess nach der Entscheidung Volkswagens, Ralf Brandstätter zum neuen CEO von VW Pkw zu ernennen, eine „lame duck“ an der Konzernspitze? Oder muss Brandstätter nun die vielen Probleme bei der Kernmarke ausbaden? Nun haben sich beide Topmanager selbst zur Lage in Wolfsburg geäußert.

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(Bild: Volkswagen)

Machtentzug oder freiwillige Übergabe? Die Ankündigung von Montagabend, dass Ralf Brandstätter Herbert Diess am 1. Juli als CEO von Volkswagen Pkw ablösen wird, ist nach wie vor Teil zahlreicher Diskussionen in der Autobranche. Nicht wenige sehen in Diess nun eine „lame duck“ an der Spitze des Konzerns, andere wiederum vermuten, Brandstätter solle nun an der Spitze der Kernmarke die Misere rund um den neuen Golf und die Probleme beim ID 3, der zum Start tatsächlich nur in abgespeckter Form auf den Markt kommt, ausbaden.

Am Mittwoch meldeten sich Diess und Brandstätter nun auch erstmals selbst seit der Entscheidung ausführlicher zu Wort – und zwar gemeinsam. Allzu kritischen Fragen mussten sie sich dabei allerdings nicht stellen, dann diese kamen von Peik von Bestenbostel, seines Zeichens Pressechef von Volkswagen.

Dementsprechend hatten beide Manager genügend Raum, sich um eine Beruhigung der Situation bemühen zu können. „Wenn man ehrlich ist, ist es eine evolutionäre Entwicklung“, leitete Diess auf die Frage ein, wie er den Wechsel kommentiere. Als er die Verantwortung des Gesamtkonzerns übernommen habe, sei es ein Anliegen gewesen, Konzern und Kernmarke gemeinsam zu führen. Die strategische Ausrichtung zwischen beiden Bereichen sei dabei sehr wichtig gewesen. Und er glaube, dass jener Ansatz richtig war, so Diess.

Ralf Brandstätter habe ihn dabei von Anfang an als Chief Operating Officer (COO) unterstützt. Diess bewertete die Zusammenarbeit als „gute und vertrauensvolle Erfahrung.“ Man habe mit der Marke neue Höhen erreicht. Nun sei der nächste „logische Schritt“, Brandstätters Verantwortung auszubauen.

Intern habe es viel Kritik gegeben, „Diess mache zu viel“, erklärte der Konzernchef. Er selbst habe sich zwar auch bisher wohl gefühlt, sei aber überzeugt, dass Brandstätter als CEO von Volkswagen Pkw ihn nun noch deutlicher entlasten könne. „Und da freue ich mich drauf“, so Diess.

Brandstätter will VW eigenständiger aufstellen

Brandstätter selbst gestand, dass er nicht viel Vorbereitungszeit für seine künftigen Aufgaben habe. Als COO sollte er allerdings schon gut mit den Themen vertraut sein. Der 51-Jährige bedankte sich bei Herbert Diess für dessen Vertrauen und dafür, dass dieser die Neuausrichtung von Volkswagen mit „Mut, Unternehmertum und auch mit Weitsicht“ vorangetrieben habe.

Seine ausgebaute Macht will Brandstätter nun nutzen, um die Marke VW Pkw eigenständiger aufzustellen – ähnlich wie das auch alle anderen Konzernmarken mit ihren eigenen Chefs täten. Diess erklärte, er würde sich über mehr Eigendynamik der Kernmarke freuen. Er habe großes Vertrauen, dass das unter Brandstätter gelingen werde. Der neue CEO habe eine „Vielfalt an Kompetenzen“ und sei ein Manager, der systematisch und rational arbeite.

Zudem kündigte der Konzernchef an, sich mit dem Betriebsrat künftig enger abstimmen zu wollen, um Volkswagen wieder in ruhigeres Fahrwasser zu bekommen. In der Belegschaft gebe es viel Verunsicherung und teilweise auch Angst aufgrund der vielen Veränderungen beim Autobauer. „Wir müssen mehr in den Dialog gehen“, so Diess.

Mitarbeitervertretern war nach den jüngsten Negativ-Schlagzeilen um den mittlerweile wieder aufgehobenen Auslieferungsstopp beim neuen Golf und einen als rassistisch kritisierten Werbespot zuletzt der Kragen geplatzt. Die IG-Metall-Vertrauenskörper-Leitungen der deutschen Werke schrieben kürzlich in einem offenen Brief: „Dieses schlechte Bild in der Öffentlichkeit zerstört das über Jahrzehnte gewachsene Kundenvertrauen und gefährdet so unsere Arbeitsplätze.“

Diess öffentliche Einschätzung, der Golf-Anlauf gehöre trotz aller Probleme, zu einem der besten in der Volkswagen-Geschichte, empfänden viele Mitarbeiter am Band geradezu als zynisch. Von einem „Marketing- und Kommunikationsdesaster“ war die Rede. „Mittlerweile ist ein Zustand erreicht, in dem sich immer mehr Kolleginnen und Kollegen für ihren Arbeitgeber schämen und ihn teilweise verleugnen.“

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