Women`s Award: Mit Durchsetzungskraft nach vorne

Autor / Redakteur: Joachim von Maltzan / Joachim von Maltzan

Sabine Fremerey hat ihre Ausdauer in vielen Belangen bewiesen, nicht zuletzt im Autohaus. Dort setzte sie sich gegen andere Auffassungen ihrer Mitgesellschafter durch - bis an die Spitze der Geschäftsführung.

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Fachfrauen unter sich: Sabine Fremerey und Jurymitglied Silvia Lulei.
Fachfrauen unter sich: Sabine Fremerey und Jurymitglied Silvia Lulei.
( Archiv: Vogel Business Media )

„Man muss härter sein als jeder Mann, um die eigenen Ziele erreichen zu können.“ Diesen Satz äußert Sabine Fremerey ganz nebenbei. Er ist charakteristisch für sie. Fremerey fiel nichts einfach in den Schoß: Sie musste sich ihre Positionen mit viel Einsatz erkämpfen. Das gilt sowohl für ihr privates Leben als auch für ihren beruflichen Erfolg.

Beruf, das ist die Firma Auto Müller in Hüttenberg, ein VW- und Audi-Händlerbetrieb, den ihre Eltern 1970 gründeten. Ein klassisches Familienunternehmen: Vater Erich leitete das Autohaus und managte den Verkauf, während Mutter Sieglinde im Service und in der Verwaltung die Fäden in den Händen hielt. Sohn Bernd sollte einmal übernehmen und arbeitete im Verkauf mit. Tochter Sabine studierte BWL mit Schwerpunkt Marketing in Gießen.

Aber noch während ihres Studiums zerfiel die heile Welt der Müllers: 1993 erlitt Erich Müller einen Schlaganfall, wenig später erkrankte die Mutter an Krebs. Sie fiel praktisch sofort im Unternehmen aus. Ihre Tochter musste einspringen und ihre Aufgaben übernehmen, während sie gleichzeitig ihr Studium beendete. 1997 starb die Mutter. Die beiden Kinder Sabine und Bernd leiteten von nun mit ihrem Vater gemeinsam das Autohaus.

Von den Eltern über den Sohn zur Tochter

De jure – denn in der Praxis führten Vater und Sohn, während die Tochter in der Serviceverwaltung tätig war. Wenn es nach Bernd Müller gegangen wäre, hätte das ruhig so weitergehen können. Aber das war nicht im Sinne seiner Schwester Sabine Fremerey. Sie wollte den Betrieb ebenso aktiv mitgestalten wie ihr Bruder.

Nach einem langen Gespräch mit ihrem Vater wechselte sie in den Verkauf und machte die Ausbildung zum Verkäufer und dann zum Verkaufsleiter. Jetzt gab es wirklich drei gleichberechtigte Geschäftsführer im Unternehmen. „Mein Bruder und ich hätten uns eigentlich ideal ergänzt, da wir sehr unterschiedliche Charaktere haben“, sagt sie. Aber familiäre Zwistigkeiten führten nach dem Tod des Vaters 2007 zum Zerwürfnis zwischen den Geschwistern. Diese Phase war für alle Beteiligten eine schwere Belastung, auch für die Mitarbeiter.

Endlich Herrin im Haus

Schlussendlich übernahm Fremerey im März 2008 die Geschäftsanteile ihres Bruders und wurde somit zur alleinigen geschäftsführenden Gesellschafterin. Und das in einer Zeit, die geprägt war durch wirtschaftliche Unsicherheit im Gefolge der Wirtschafts- und Finanzkrise. Von den Banken kam keine Unterstützung, zum Teil zogen sie sich sogar zurück.

Dennoch schaffte Fremerey es, dieses Geschäftsjahr trotz aller Probleme wieder mit einem positiven Bilanzergebnis abzuschließen. Im Nachhinein sagt sie: „Das war ein sehr schweres, auch persönlich mich sehr forderndes Jahr.“

2009 war das erste normale Geschäftsjahr für sie. Die Umweltprämie half, das Autohaus weiter zu stabilisieren. Fremerey konnte ausreichend Leasingrückstellungen für Drohverluste bilden und verschaffte sich damit ein sicheres Polster.

Darauf ruhte sie sich aber nicht aus. Denn das Jahr 2010 bot neue Aufgaben: Neben den beruflichen Anstrengungen kam eine besondere sportliche Herausforderung auf sie zu. Ein Anruf von Volkswagen – „Frau Fremerey, wollen Sie an der Fulda Challenge teilnehmen?“ – warf sie erst einmal aus dem Gleichgewicht. Sie erzählt: „Zugegeben, bei Volkswagen wusste man, dass ich früher Spitzensportlerin war. Aber davon hatte ich mich längst zurückgezogen. Und jetzt trauten die mir zu, dass ich an einem extremen sportlichen Wettbewerb im Norden Kanadas teilnehmen sollte.“

Gewinnen in eisiger Kälte

Wie der Veranstalter Fulda Reifen erläutert, bildet das Yukon Territory die Kulisse für ein Sportevent der Extraklasse. Bei arktischen Temperaturen treten mehrere Teams zu einem polaren Zehnkampf an. Dabei verlangen die unterschiedlichsten Disziplinen wie Halbmarathon, Eisklettern, Biathlon oder Draisinen-Rennen neben Allrounderqualitäten auch hohe Leidensfähigkeit von den Teilnehmern. Neben Ausdauer, Kraft und Geschicklichkeit ist bei der Fulda Challenge zudem fahrerisches Können gefragt. Auf unterschiedlichsten Gefährten wie Geländewagen, ATV und Buggy werden Wettkämpfe gegen die Zeit ausgetragen. Und nicht zuletzt gilt es, Hunderte von Kilometern auf vereisten Pisten zurückzulegen, um zu den jeweiligen Wettkampforten zu gelangen. Selbst wenn die Temperatur nachts unter minus 40 Grad fällt, müssen die Sportler im Freien campen.

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Aber wenn Fremerey sich etwas vornimmt, dann setzt sie alles daran, ihr Ziel zu erreichen. Sie stellte sich ein persönliches Fitnessprogramm auf und trainierte eisern. Dann war es so weit: Mit ihrem Händlerkollegen Sven Brust bildete sie ein Team. Souverän gewannen die beiden die Fulda Challenge und erhielten die begehrte Trophäe, einen Goldnugget. Fotos dieser sportlichen Höchstleistung und der Wettbewerbsanzug zeugen in Fremereys Büro von ihrem Siegeswillen.

2010 ist aber auch das Jahr, in dem sie verstärkt eigene Vorstellungen im Unternehmen durchsetzen möchte. Dabei legt sie Wert darauf, dass Auto Müller weiterhin ein Familienunternehmen bleibt. In diesen Begriff schließt sie ihre Mitarbeiter ein. Fremerey sagt dazu: „Ein Familienunternehmen zu sein bedeutet, dass wir viel Spaß miteinander haben. Aber es bedeutet auch, dass wir alle die Ärmel hochkrempeln müssen.“ Ihre Unternehmensstrategie richte sich an Werten und Menschen aus. Ethisches Handeln sei die Geschäftsgrundlage in allen Unternehmensbereichen, erläutert sie.

Ausrichtung auf Kundengruppen

Fremereys Mannschaft zieht mit, das zeigen die nackten Zahlen. Per August dieses Jahres hat sie das gleiche positive Ergebnis erreicht wie im letzten Jahr – aber diesmal ohne Umweltprämie. Auch die Auftragseingänge liegen deutlich über denen des Jahres 2008. Dabei hilft, dass Auto Müller seit fünf Jahren Mitglied einer Einkaufsgenossenschaft ist. Die Automobil Partner Mitte AG ist ein Zusammenschluss von mittlerweile über 20 inhabergeführten Kfz-Betrieben. Die einzelnen Mitglieder erhalten die Einkaufsvorteile einer großen Kette, behalten aber die Flexibilität und Wendigkeit eines mittelständischen Familienunternehmens.

Eigentlich könnte Fremerey sich zufrieden zurücklehnen. Aber das liegt ihr nicht. Sie hat schon die nächsten Projekte aufgegriffen: Sie möchte das Autohaus stärker auf einzelne Kundengruppen ausrichten. Sechs hat sie besonders im Auge: Die Firmenkunden, die Familien- und Privatkunden, die sogenannten Best Ager (älter als 50 Jahre), junge Menschen, Frauen und Behinderte. Für letztere wird inzwischen der Betrieb barrierefrei umgebaut. Außerdem schult Fremerey ihre Verkäufer umfangreich, sodass diese in der Lage sind, Neuwagen entsprechend den Bedürfnissen dieser Kunden zu konfigurieren. Die Werkstattmitarbeiter lernen, Autos behindertengerecht umzubauen. „Diese Kunden sind ganz besonders treu, wenn man sie gut bedient und auf ihre Wünsche und Bedürfnisse eingeht“, erklärt sie.

Da Fremerey weiß, dass Frauen häufig das Gefühl haben, in Kfz-Betrieben nicht ernst genommen zu werden, hat sie spezielle Ladies Days eingeführt. Jeder Mittwoch ist ein Tag der Frauen. Die Mannschaft begrüßt an diesen Tagen die weiblichen Besucher mit einem Glas Prosecco und einem kleinen Geschenk im Autohaus. Die Werkstatt führt an den Fahrzeugen der Frauen einen kostenlosen Sicherheitscheck durch und füllt dabei Kühl- und Wischwasserbehälter auf.

Das sind eigentlich nur Kleinigkeiten, aber die Kunden fühlen sich gut aufgehoben und wertgeschätzt. Sie kommen wieder und erzählen es weiter. So wächst die Zahl der zufriedenen Stammkunden im Autohaus Müller.

So sicher und fest Fremerey ihren Betrieb auch führt, die Abhängigkeit ihrer Mannschaft von ihrer Person will sie reduzieren. „Die müssen auch ohne mich zurechtkommen können“, betont sie. Deshalb baut sie die zweite Führungsebene auf und möchte in absehbarer Zeit einen Abteilungsleiter mit Prokura als ihren Stellvertreter installieren.

Es gibt auch ein privates Leben

Denn Fremerey möchte nicht ihr komplettes Leben dem Betrieb unterordnen. Sie hat eine achtjährige Tochter, und deren Ansprüche nimmt sie ernst. Deswegen hat sie den Dienstagnachmittag ab 15 Uhr zum „Mama-Tag“ erklärt, an dem sie nur für ihre Tochter da ist. Ihre Mitarbeiter wissen das und haben sich darauf eingestellt. Sie hat sich feste Zeiten für Büro und Familie gesetzt, an die sie sich genau hält. Die Unternehmerin erklärt, ihr Motto laute: Jede Aufgabe braucht die Zeit, die man ihr gibt. Das funktioniere gut, bedeute aber ein hohes Tempo und eine klare Trennung in wichtig und unwichtig.

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