ZDK: Nachrüst-Ablehnung von VW ist „erbärmlich“

Hersteller rät von Diesel-Nachrüstung ab

| Autor: dpa/cs

Die Nachrüstung mit einem SCR-System braucht Platz, etwa für den Ammoniak-Generator links neben dem Abgasstrang.
Die Nachrüstung mit einem SCR-System braucht Platz, etwa für den Ammoniak-Generator links neben dem Abgasstrang. (Bild: Twintec Baumot)

Dieselbesitzer haben auch zum Start ins neue Jahr keine Gewissheit über Hardware-Nachrüstungen bei älteren Dieselautos. Zwar legte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) kurz vor dem Jahreswechsel technische Vorschriften für die Umbauten vor. Volkswagen aber reagierte umgehend: Der Branchenführer warnte vor einem höheren Verbrauch nach einer Umrüstung und vor negativen Folgen bei der Zuverlässigkeit der Autos: „Dies können wir als Automobilhersteller im Sinne unsere Kunden weder befürworten noch dafür haften. Deshalb raten wir von Hardware-Nachrüstungen ab.“

Die Umrüstungen sind Teil eines Maßnahmenpakets der Regierung für bessere Luft. In vielen Städten werden Schadstoff-Grenzwerte überschritten, eine Hauptursache sind Dieselabgase. Gerichte haben für mehrere Städte Fahrverbote angeordnet. Aus Sicht von Befürwortern senken die Nachrüstungen, bei denen ein Katalysator eingebaut wird, den Schadstoff-Ausstoß am wirksamsten.

VW-Entwicklungsvorstand Frank Welsch erklärte dagegen, es gebe bis jetzt keine gesicherten Erkenntnisse, wie sich nachträgliche Eingriffe in das Steuerungssystem, die Komponenten und die Fahrzeugarchitektur im Dauerbetrieb langfristig auswirkten. „Eine technisch nicht ausgereifte Nachrüstlösung kann wichtige Fahrzeugeigenschaften zum Nachteil unserer Kunden verändern“, so Welsch. „Das Fahrzeug wird sehr wahrscheinlich mehr verbrauchen, an Leistung verlieren und auch lauter werden.“ Eine Umrüstung, die einen enormen technischen und zeitlichen Aufwand bedeute, könne zu massiven Problemen bei Zuverlässigkeit und Kundenzufriedenheit führen.

Das Bundesumweltministerium wies die Kritik deutlich zurück. „Die Reaktion von VW wundert uns“, sagte ein Ministeriumssprecher. VW habe sich bei Verhandlungen mit Scheuer im November bereit erklärt, Diesel-Fahrzeuge für bis zu 3.000 Euro mit Katalysatoren nachrüsten zu lassen. „Dass VW nun eine Rolle rückwärts macht und wieder ausschließlich auf die Erneuerung der Fahrzeugflotte setzt, ist ärgerlich und wird kaum das verlorene Vertrauen in den Autokonzern wiederherstellen. Denn ein wenige Jahre altes Fahrzeug gegen ein neues einzutauschen, können sich nur die Wenigsten leisten und ist ökologischer Irrsinn.“

Koblitz attackiert VW

Der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) begrüßte die Veröffentlichung der technischen Kriterien für die Hardware-Nachrüstung von Diesel-Pkw. „Minister Scheuer hat Wort gehalten“, so ZDK-Hauptgeschäftsführer Axel Koblitz. Die Anbieter von Nachrüsttechnik seien nun angesichts bereits verhängter oder drohender Diesel-Fahrverbote gefordert, so schnell wie möglich genehmigungsfähige Nachrüstsysteme zu entwickeln.

Scharfe Kritik übte Koblitz dagegen an der öffentlichen Warnung vor der Diesel-Nachrüstung durch Volkswagen: „Erst streuen sie die Infektion, und dann warnen sie vor dem Medikament. Das ist erbärmlich!“, so Koblitz mit Blick auf den durch VW ausgelösten Abgasskandal. Die Nachrüstung von Kraftfahrzeugen mit Technik zur Minderung des Schadstoffausstoßes sei seit langer Zeit gang und gäbe, wie die Beispiele Katalysator und Rußpartikelfilter zeigten.

Wenn VW jetzt vor angeblichen Problemen warne, werde bewusst verschwiegen, dass gerade Volkswagen schon vor Jahren Euro 5-Diesel-Pkw mit stickoxidreduzierender Technik als Sonderausstattung angeboten und für den US-Export sogar serienmäßig ausgerüstet habe. „Vor genau denjenigen Teilen, die damals ab Werk eingebaut wurden, soll der Verbraucher also jetzt Angst haben?“, fragte Koblitz. Auch die Software zur Anpassung des Motormanagements habe man in Wolfsburg selbstverständlich parat.

Hersteller bleiben skeptisch

Die Hersteller haben Hardware-Nachrüstungen von Anfang an sehr skeptisch gesehen. Auch Scheuer hatte sich ablehnend geäußert. Er hatte aber auf Druck der SPD und des Kanzleramts im November mit den deutschen Herstellern einen Kompromiss erzielt. Dabei ging es vor allem um die Finanzierung der Nachrüstungen.

VW und Daimler hatten zugesagt, Dieselautos in 15 „Intensivstädten“ mit einer besonders hohen Schadstoff-Belastung für bis zu 3.000 Euro pro Wagen mit einer Hardware nachrüsten zu lassen. Experten schätzen die Kosten inklusive Einbau auf etwa diese Summe. Bereits nach dem Spitzentreffen im November hatte VW erklärt, der Konzern werde Hardware-Nachrüstungen nicht anbieten und Fahrzeughaltern auch nicht empfehlen.

Daimler hatte erklärt, die Nachrüstung müsse durch einen Drittanbieter entwickelt und angeboten und vom Kraftfahrt-Bundesamt zertifiziert und zugelassen werden: „Sie muss nachweislich dazu berechtigen, in bestimmten Städten auch in Straßen mit Fahrverboten einzufahren.“ Der Konzern stehe mit Nachrüstanbietern im Austausch.

BMW ist komplett gegen die Nachrüstungen, will Dieselbesitzer aber nach Auslaufen der „Umtauschprämien“ mit der gleichen Summe unterstützen - etwa für einen Neukauf. Es ist aber unklar, wie genau das funktionieren soll.

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