Zeitwertgerechte Instandsetzung

Autor / Redakteur: Konrad Wenz, Markus Lauer, Steffen Dominsky / Dipl. Ing. (FH) Konrad Wenz

Die Preissensibilität der Autofahrer nimmt weiter zu. Deshalb gewinnen Austauschteile immer mehr an Bedeutung.

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Motoren, Lichtmaschinen, Anlasser, Bremssättel, Wasserpumpen, Gelenkwellen, Lenkgetriebe – die Liste der Austauschteile ist lang. Normalerweise führen die Fahrzeughersteller das aufgearbeitete Teil bald nach der Markteinführung des Neuteils ein. Das korrespondierende Neuteil wird dann in den meisten Produktgruppen parallel angeboten. Am Ende des Lebenszyklus eines Teils ist das Austauschteil häufig länger erhältlich als das Neuteil.

In Deutschland werden etwa zehn Prozent aller verkauften Ersatzteile als Austauschteil gehandelt – das entspricht laut Schätzungen der Automotive Parts Rebuilders Association (Apra) einem Marktvolumen von rund einer Milliarde Euro. In Europa erzielen Teilehändler etwa ein Viertel des Umsatzes mit Austauschteilen, auf dem amerikanischen Markt sind Brancheninsidern zufolge rund ein Drittel aller Ersatzteile aufgearbeitete Altteile. Auch hierzulande wird der Anteil der Austauschteile voraussichtlich zunehmen. Zum einen, weil die Fahrzeugkomponenten immer komplexer werden und damit teurer, zum anderen, weil die Rohstoffpreise immer weiter steigen. „Abfälle werden dadurch zu Sekundärrohstoffen“, sagt Daniel Grub, Key-Account-Manager bei der Partslife GmbH. Somit wird die Aufbereitung der Teile immer interessanter.

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Beispiel „Originalteile“

Beispielsweise bietet BMW/Mini für etwa 150 Produktgruppen mit rund 4.000 unterschiedlichen Positionen Original-Austauschteile an. Auch bei anderen Automobilherstellern bewegt sich das Austauschprogramm in dieser Größenordnung. Und die Automobilhersteller erweitern ihr Angebot kontinuierlich. Denn sie können durch die preiswerteren Teile den Kunden länger an das eigene Reparaturnetz binden. Gerade die Kunden mit älteren Fahrzeugen werden immer preissensibler. Die Bereitstellung von zeitwertgerechten Reparaturkonzepten, unter anderem durch Austauschteile, wird also künftig eine noch größere Rolle spielen als bisher.

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Mercedes-Benz beziffert den Preisvorteil eines Austauschteils gegenüber einem Neuteil mit 20 bis 50 Prozent. Zudem sei auch der Umweltaspekt nicht zu verachten. Denn etwa 67 Prozent eines Tauschteils würden wiederverwendet und 32 Prozent würden dem Recyclingsystem zugeführt, heißt es aus dem Stuttgarter Konzern. Laut Fraunhofer Institut würden die Rohstoffe, die jährlich weltweit durch die Aufarbeitung eingespart werden, die stolze Zahl von 155.000 Eisenbahnwaggons füllen. Die Energieeinsparung beziffert das Unternehmen auf weltweit jährlich rund 10,7 Millionen Fass Rohöl.

Rechtliche Probleme

Doch die Verwendung von Austauschteilen bei der Fahrzeugreparatur ist nicht ganz unproblematisch. Nach wie vor steht in vielen allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB), dass zwischen zwei Unternehmen jegliche Gewährleistung ausgeschlossen ist, wenn diese mit gebrauchter Ware handeln – beispielsweise zwischen Großhändler oder Fahrzeughersteller und Werkstatt.

Ein freier Anbieter verkündet zum Beispiel auf seiner Homepage vollmundig, dass die Gewährleistung für seine komplett neu aufgebauten Aggregate 24 Monate ohne Kilometerbegrenzung beträgt. In seinen AGB beruft er sich allerdings auf die gesetzlichen Bestimmungen. Die besagen, dass ein Sachmangel bei neuen Teilen innerhalb von 24 Monaten, bei gebrauchten Teilen innerhalb von 12 Monaten geltend gemacht werden kann. Handelt es sich jedoch beim Käufer der Ware um ein Unternehmen, dann kann die Sachmängelhaftung gänzlich ausgeschlossen werden.

Das wirft nun die Frage auf, ob ein Austauschteil ein Gebraucht- oder ein Neuteil ist. Denn wenn es sich um ein Neuteil handelt, kann der Anbieter die Gewährleistung nicht völlig ausschließen. Zwar kann die Sachmängelhaftung zwischen Unternehmen bei neuen Waren auf ein Jahr beschränkt werden, aber der gänzliche Ausschluss verträgt sich nicht mit dem Gesetz.

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Was ist ein Neuteil?

Doch genau an dieser Frage – ob Austauschteile neu oder gebraucht sind – scheiden sich die Geister. Die Aussage, dass es sich um Neuteile handelt, weil alle Funktionsteile erneuert wurden und das Teil damit wieder einen neuartigen Zustand erreicht hat, ist nachvollziehbar. Ebenso nachvollziehbar ist aber die Aussage, dass es sich um gebrauchte Teile handelt, weil wesentliche Bestandteile gebraucht sind. Die Rechtsprechung zu diesem Thema ist jedenfalls nicht einheitlich. Hinzu kommt, dass die Bewertung dieser Frage umso komplizierter wird, je komplexer das Austauschteil ist und je mehr Einzelkomponenten für das Austauschteil verwendet werden müssen.

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Also, was genau sind Austauschteile? Es spielt fast keine Rolle, wem man in der Branche diese Frage stellt. Überall erhält man nahezu die gleiche Antwort: Austauschteile sind industriell aufgearbeitete Altteile, die in Funktion, Qualität und zu erwartender Lebensdauer dem Neuteil entsprechen. Weder dem Endverbraucher noch der Werkstatt, die diese Teile verbaut, entstehen durch die Verwendung irgendwelche Nachteile. Das heißt: Die angebotenen Austauschteile werden in der Regel behandelt wie Neuteile. In diesem Zusammenhang spielt dann der Gewährleistungsausschluss bei den meisten Anbietern keine Rolle. Auch die Möglichkeit, die Sachmängelhaftung auf ein Jahr zu begrenzen, nehmen die meisten Anbieter nicht in Anspruch.

Fahrzeughersteller und Zulieferunternehmen geben an, dass Austauschteile Neu- und Remanteile (remanufactured) umfassen. Denn oft reichen die Teile aus dem normalen Rückfluss nicht aus, um den gesamten Bedarf an Austauschteilen zu decken. Der zuständige Verband Apra schätzt, dass etwa zehn Prozent der Gesamtproduktion zugekauft werden müssen.

Pfandproblematik

Hin und wieder würden die Werkstätten Teile zurückhalten, weil sie mehr davon hätten, die Teile zu verwenden oder zu verwerten, als den Pfandbetrag zurückzufordern. Darüber hinaus gebe es auch Teile, die man nicht mehr aufbereiten könne, weil sie zu stark beschädigt seien. In diesen Fällen werden dem Großhandel im Allgemeinen die bei der Industrie hinterlegten Pfandentgelte nicht erstattet. Einige Großhändler versuchen nun, den Werkstätten ihrerseits die Kaution nicht zurückzuerstatten. Am Ende der Kette steht die Werkstatt. Ihr fehlen die richtigen Argumente, um ihrerseits vom Kunden im Nachhin einen höheren Preis zu verlangen. „Besser wäre es, den Austauschpreis nur unter der Voraussetzung anzubieten, dass das Altteil aufgearbeitet werden kann“, sagt Daniel Grub.

Werkstätten sollten sich also die allgemeinen Geschäftsbedingungen ihrer Lieferanten ganz genau anschauen. Wird im Kleingedruckten mit einem Gewährleistungsausschluss gearbeitet, gibt es für die Werkstatt zwei Möglichkeiten: Entweder legt sie dem Geschäft die vom ZDK erarbeiteten Einkaufsbedingungen zugrunde, oder – wenn das nicht akzeptiert wird – sie sucht sich einen anderen Lieferanten. Der Markt für Austauschteile bietet reichlich Alternativen. Noch sicherer fährt die Werkstatt, wenn sie die Austauschteile zusätzlich zur gesetzlichen Sachmängelhaftung für Neuteile mit einer Garantie einkauft.

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