Zulieferer für freien Zugang zu Fahrzeugdaten

Wie Bosch, Continental & Co. freie Werkstätten unterstützen

| Autor: Simon Ruppert

Die Zulieferindustrie stellt bereits heute technologische Unterstützung für die Werkstatt von morgen bereit.
Die Zulieferindustrie stellt bereits heute technologische Unterstützung für die Werkstatt von morgen bereit. (Bild: © vectorfusionart - stock.adobe.com)

Durch die Digitalisierung stehen Kfz-Betriebe vor grundsätzlichen Prozessveränderungen, die die kompletten Abläufe von der Kontaktaufnahme mit dem Kunden über die Fahrzeugannahme, Diagnose und Reparatur bis hin zur Fahrzeugübergabe an den Kunden betreffen. Über dem Ganzen schweben das „Schreckgespenst“ der E-Mobilität sowie die wachsende Zahl komplexer Systeme im vernetzten Fahrzeug, in dem immer leistungsfähigere Assistenzsysteme den Weg zum autonomen Fahren ebnen. Immer wichtiger werden außerdem die Fahrzeugdaten. Es stellt sich die Frage, woher der freie Reparaturmarkt in Zukunft die für Reparatur und Teilebestellung wichtigen Informationen erhält. Der Teilehandel steht hingegen vor der Überlegung, welche Ersatzteile die Werkstätten in Zukunft benötigen und wie sich das auf Lagerhaltung, Logistik und Lieferantenstruktur auswirkt.

Allerdings gibt es für den freien Markt keinen Grund, in Panik zu verfallen. Vielmehr sollten die Werkstätten die Herausforderungen als Chance sehen, in Zukunft Reparaturleistungen effizienter zu gestalten und die Umsätze zu steigern – auch wenn dafür weitere Investitionen notwendig sind. Pio Torre Flores, Regional President bei Bosch Automotive Service Solutions: „Der Kompetenzausbau und die Digitalisierung sind ganz klar Kostentreiber und müssen deshalb einhergehen mit einer erhöhten Umsatzoption.“ Dabei müssen die Werkstätten nichts überstürzen. Peter Wagner, Segmentleiter bei Continental, empfiehlt: „Die Werkstatt sollte für sich eine Entscheidung treffen, ob und wie sie in die Digitalisierung investiert und daraus folgend Prioritäten setzen. Es geht nicht alles gleichzeitig, aber sie kann einen Plan erstellen, wo sie in fünf oder zehn Jahren stehen will. Die Effizienz wird immer wichtiger, aber dafür muss man in die Digitalisierung investieren.“

Dank Dongles wird die Diagnose mobil

Viele Zulieferer entwickeln mit Hochdruck Konzepte, um den freien Werkstattmarkt auf dem Weg in die digitale Zukunft zu unterstützen, von denen im Folgenden einige vorgestellt werden. Speziell den freien Werkstätten bietet etwa ZF Aftermarket mit ZF Smart Service eine App, die es den Mechanikern ermöglicht, mit unterschiedlichen mobilen Endgeräten wie Smartphone oder Tablet verlässliche Fahrzeugdiagnosen und grundlegende Wartungsarbeiten an Fahrzeugen durchzuführen. Der Nutzer muss lediglich die Smart-Service-App auf sein mobiles Endgerät laden und somit das Smart-Service-Gerät mithilfe des SX-1-Dongles über die OBD-Schnittstelle des Fahrzeugs anschließen. Die Kommunikation zwischen dem Dongle und der App erfolgt über Bluetooth. Das Tool vereinfacht grundlegende Wartungsaufgaben wie beispielsweise den Ölwechsel, den Bremsentausch oder das Zurücksetzen des Entlüfters und des SAS (Lenkwinkelsensor). Die App deckt eine breite Palette an Fahrzeugen aus europäischen, nordamerikanischen und asiatischen Märkten ab.

Für Elmar Bauer, Leiter Servicenetzwerk Deutschland bei ZF Aftermarket, spielt auch die künftige Vernetzung mit dem Kunden und dessen Einbindung in die Arbeitsprozesse eine große Rolle: „Der Kontakt zum Kunden und die zielgruppengerechte Ansprache gewinnen zunehmend an Bedeutung. Die Vernetzung von Kunden- und Fahrzeugdaten mit der Werkstatt wird immer wichtiger, um einen vernünftigen Workflow zu erreichen. Dazu braucht es auch die nötigen Tools, beispielsweise zur Ersatzteilbestellung oder Terminplanung.“ Mit dem Vivaldi-Dongle von ZF als Telematik- und Diagnoseeinheit für Pkws will ZF vor allem ermöglichen, dass man Wartungsarbeiten überwachen und zielgerichtet steuern kann. So kann die Werkstatt die Daten, die über die im Dongle integrierte SIM-Karte in die Cloud gesendet werden, mittels des Openmatics-Portal über verschiedene Applikationen wie Dashboard oder die Maintenance-App abrufen.

OEMs müssen Reparaturdaten mit Kfz-Betrieben teilen

Die Hersteller rüsten immer mehr Fahrzeuge mit Telematiksystemen aus, um die Fahrzeugdaten zu überwachen und eventuellen Wartungs- oder Reparaturbedarf frühzeitig zu erkennen. Sie wollen damit die Fahrzeuge vorrangig in das eigene Werkstattnetz steuern. „Mithilfe der GVO und der Typgenehmigung können wir aber effizient gegensteuern. In der neuen Typgenehmigung ab September 2020 ist klar geregelt, dass die Hersteller die Reparaturdaten auch in maschinenlesbarer Form sowohl den Betrieben als auch den Datenkatalog-Herstellern zur Verfügung stellen müssen. Damit haben wir einen großen Meilenstein auf dem Weg zur Gleichberechtigung der zwei Systeme OE und freier Markt gewährleistet, zumal damit auch gesetzlich festgelegt ist, dass die OBD-Schnittstelle offen bleiben muss“, erklärt Peter Wagner von Continental. Der Zulieferer setzt deshalb auf zwei Dongle-Konzepte im Rahmen der RVD-Plattform (Remot Vehicle Data).

Über einen Bluetooth- oder ab dem ersten Quartal 2020 auch einen SIM-Dongle kann die Werkstatt mittels mobiler Endgeräte Daten direkt aus dem Fahrzeug auslesen und daraus abgeleitet zusätzliche Serviceleistungen anbieten. In einer Kooperation mit dem Teilegroßhändler und Werkstattausrüster Matthies entstand daraus die Datenplattform „Carespia“, über die angeschlossene Werkstätten per Ferndiagnose Zugriff auf standardisierte Fahrzeugdaten ihrer Kunden haben. In einer Studie, die Continental auf der Automechanika gemeinsam mit Tec-Alliance vorgestellt hat, zeigen die Unternehmen, wie Mechaniker in Zukunft sprachgesteuert durch eine Fahrzeuginspektion geführt werden und gleichzeitig auf die Daten der Tec-RMI-Datenbank zugreifen können.

Künstliche Intelligenz fürt Mitarbeiter

Ebenfalls noch im Entwicklungsstadium befindet sich ein sprachgesteuerter Assistent von Bosch, der mittels künstlicher Intelligenz Mitarbeiter durch den Annahme- und Serviceprozess führt und so die Arbeiten auch für weniger qualifiziertes Personal ermöglichen soll. „Das Problem des Fachkräftemangels wird durch die Herausforderungen der Digitalisierung noch verstärkt. Deshalb bieten wir von Bosch Konzepte an, mit denen das bestehende Personal den steigenden Anforderungen im Diagnose- und Reparaturprozess auch zukünftig gerecht werden kann“, so Pio Torre Flores.

Zeig mir dein Problem, dann sage ich dir die Lösung: Die virtuelle Reparaturhilfe von Bosch holt den Experten in die Werkstatt.
Zeig mir dein Problem, dann sage ich dir die Lösung: Die virtuelle Reparaturhilfe von Bosch holt den Experten in die Werkstatt. (Bild: BoschVirtualSupport)

Bereits im Praxiseinsatz befindet sich die „Common Augmented Reality Platform“ (CAP), mit der man technische Trainings mithilfe der Tablet-Kamera oder der Datenbrille Microsoft Hololens 2 durchführen und Reparaturen in einer virtuellen Realität üben kann. Gleichzeitig soll das System den Mechaniker bei Reparaturen unterstützen. Dabei blendet das System dem Träger der Datenbrille hilfreiche Zusatzinformationen in sein Sichtfeld ein. In Feldstudien ergab sich so durchschnittlich eine Zeitersparnis von 15 Prozent pro Reparatur.

Mit der App-Anwendung „Visual Connect“ bringt Bosch seine Experten in die Werkstatt und spart so zum Beispiel den Anruf bei der Experten-Hotline. Mittels Smartphone-Kamera überträgt das System ein Echtzeitbild an den Technischen Support. Lange Problemerklärungen entfallen, der Supportmitarbeiter sieht genau das Gleiche wie der Werkstattmitarbeiter und kann ihn so Schritt für Schritt bei der Problemlösung begleiten. Die App steht allen Werkstattkunden zur Verfügung, die die Bosch-Diagnosesoftware Esitronic einschließlich technischem Support abonniert haben.

Open Telematics Platform für direkten Zugriff Fahrzeugdaten

Schaeffler konzentriert sich in seiner Strategie stark auf das Thema E-Mobilität und entwickelt intelligente Reparaturlösungen für E-Achsen und Hybridmodule – auch wenn das Unternehmen sich darüber im Klaren ist, dass der Bedarf dafür sich erst allmählich einstellen wird. Daneben steht die Versorgung mit technischen Daten aus den Fahrzeugen im Fokus. Viele Kfz-Unternehmer fürchten, dass sie künftig keinen diskriminierungsfreien Zugang zu den technischen Informationen aus den Fahrzeugen mehr bekommen. Das Konzept „extended vehicle“ – ein Normungsprojekt des Verbands der Automobilindustrie (VDA) für eine standardisierte Datenübermittlung – kann aus Sicht von Michael Söding, Vorstand der Sparte Automotive Aftermarket bei Schaeffler, nur eine Übergangslösung sein. „Schaeffler setzt sich traditionell für die Belange des freien Reparaturmarktes ein. Selbstverständlich engagieren wir uns auch in der aktuellen Diskussion um den Datenzugriff im Fahrzeug sowie die Verarbeitung der Rohdaten.“ Dabei verfolgt die Schaeffler-Sparte eine Doppelstrategie. „Kurzfristig versuchen wir, den Datenzugriff über die Server der Fahrzeughersteller (extended vehicle) diskriminierungsfrei, kostengünstig und zeitnah zu organisieren. Mittel- bis langfristig wollen wir den direkten Zugriff auf Daten im Fahrzeug ermöglichen (Open Telematics Platform).“

Zu diesem Zweck hat sich die Schaeffler-Sparte Automotive Aftermarket an der Datenplattform Caruso beteiligt. „Daten aus Caruso wollen wir zukünftig für unsere eigene Serviceplattform Repxpert nutzen. Denn über diesen Weg können wir unsere Serviceleistungen für Partner im Handel und auf Werkstattebene verbessern und beispielsweise Systeme für präventive Services im freien Reparaturmarkt anbieten“, sagt Michael Söding. Doch die an Caruso beteiligten Zulieferer sind mit der Entwicklung unzufrieden. Erst drei Automobilhersteller liefern Daten an die Plattform, andere können noch nicht liefern, weil sie selbst nicht genügend Daten im Backend haben oder noch keine Backend-Strukturen aufgebaut haben. „Wir als Zulieferer sind unzufrieden mit der Menge der Daten und der Zahl der OE, die Daten liefern. Es wurde viel investiert, aber die Daten fließen noch nicht. Man kann den OE aber noch nicht mal einen Vorwurf machen, weil sie die Daten selbst noch nicht nutzen können. In den nächsten zwölf bis 18 Monaten wird aber einiges passieren“, schildert Peter Wagner von Continental. Und Pio Torre Flores ergänzt: „Bei den Herstellern setzt sich wohl langsam die Erkenntnis durch, dass kein Weg daran vorbeiführt, den IAM mit einzubeziehen.“

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