Automarkt Frankreich ist überraschend deutsch

Autor / Redakteur: Sebastian Viehmann / Andreas Grimm, Andreas Grimm

Fahrzeuge deutscher Produktion sind beliebt in Frankreich. Für große PS-Limousinen ist der Markt jedoch übersichtlich. Zur automobilen Lebensart gehört vielmehr Sparsamkeit.

Die Autowelt blickt auf den Pariser Salon. Der französische Markt ist für deutsche Autobauer hochinteressant, doch er verlangt umweltfreundliche Fahrzeuge. Die französischen Hersteller haben sich mit der CO2-Steuer schon gut arrangiert.

Wenn der durchschnittsdeutsche Autobesitzer eine Delle im Kotflügel hat, bekommt er einen hysterischen Anfall - beim Franzosen zuckt höchstens die Gauloise im Mundwinkel. Ein Klischee, das durchaus reale Wurzeln hat: „Franzosen sind Auto-Pragmatiker“, sagt Ferdinand Dudenhöffer, Direktor des Center Automotive Research (CAR) an der FH Gelsenkirchen.

„Nirgends sieht man das besser als bei den Kleinlastern und Transportern. Während in Deutschland mit seinen gut 3,4 Millionen Fahrzeugverkäufen nur 226.000 Transporter und Kleinlaster abgesetzt werden, sind es im 2,5 Millionen-Markt Frankreich mit 460.000 Fahrzeugen mehr als doppelt so viele“, berichtet der Automobilmarkt-Experte.

Kangoo und Co sind Domäne der Franzosen

Dieser Trend berührt auch den PKW-Markt. Ob Renault Kangoo, Peugeot Partner oder Citroën Berlingo: Seit Jahren sind die Franzosen führend im Angebot an Kasten-Kombis auf Nutzfahrzeugbasis. Weitere Spezialitäten im geburtenstarken Frankreich (im Durchschnitt bringt jede Französin 2,1 Kinder zur Welt) sind kleine Familienkombis und vor allem Minivans - ein Fahrzeugsegment, das Renault mit dem Espace in Europa erst populär gemacht hat.

Die Marke mit dem Rhombus am Kühlergrill ist mit 21,5 Prozent Marktanteil übrigens die Nummer eins ins Frankreich, gefolgt von Peugeot (17 Prozent) und Citroën (13,4 Prozent). Damit teilen sich die einheimischen Hersteller die Hälfte des Marktes untereinander auf.

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Deutsche Marken halten ein Viertel des Marktes

Auch Kompaktklasseautos und Kleinwagen spielen in Frankreich eine wesentlich größere Rolle als in Deutschland. Nur selten gelingt es den Franzosen, diesen Trend zu exportieren – wie zum Beispiel bei der ersten Generation des Renault Twingo. Auf deutschen Straßen rollten im Jahr 2007 noch mehr als 460.000 Twingos.

Insgesamt aber sind die Franzosen in Deutschland deutlich schwächer als die Deutschen in Frankreich. „Nur 10 Prozent aller in Deutschland verkauften Neuwagen kommen von französischen Herstellern, aber 25,8 Prozent der in Frankreich verkauften Neuwagen sind deutsche Marken“, berichtet Ferdinand Dudenhöffer.

Nummer eins bei den deutschen Marken in Frankreich 2007 war Volkswagen (142.603 Zulassungen und 6,9 Prozent Marktanteil), gefolgt von Ford (5 Prozent), Opel (4,8 Prozent), Mercedes (3,4 Prozent) und BMW (3,2 Prozent). Erfolgreichster Japaner in Frankreich ist Toyota mit 5% Marktanteil. Die Italiener dagegen bekommen trotz ihres breiten Kleinwagen-Angebotes kein Bein auf französischen Boden: Der Fiat-Konzern erreichte 2007 gerade einmal einen Marktanteil von 3,5 Prozent, Alfa Romeo und Lancia inbegriffen.

Franzosen bevorzugen Dieselmotoren

Eine enorme Rolle spielt auf dem französischen Markt der Dieselmotor. Der Dieselanteil ist mit knapp 80 Prozent viel höher als in Deutschland (46 Prozent). Citroën-Sprecher Thomas Albrecht beobachtet für Frankreich zudem eine Zunahme der gewerblichen Verkäufe – um 6,5 Prozent im Jahr 2007. „Davon profitiert unter anderem der neue C5, der aus dem Stand zum Marktführer der Mittelklasse in Frankreich wurde. Allerdings sind viele französische Geschäftswagen eine Nummer kleiner als die Pendants in Deutschland“, so Albrecht.

Gleichwohl haben deutsche Autos in Frankreich einen guten Namen. Nicht umsonst spielte Citroën in einem britischen Fernsehspot für den C5 („Unmissverständlich deutsch“) mit vielen Klischees. Auch die berühmte Renault-Werbung, in der Weißwurst und Baguette im Crash-Test gegeneinander antraten, zeigte die Lust der Franzosen am Vergleich mit ihren Nachbarn.

Interesse an geringem CO2-Ausstoß

Weitgehend positiv reagieren die französischen Hersteller auf die neue Zulassungssteuer in Frankreich, denn sie hat zumindest vorübergehend ihre Verkäufe mächtig angekurbelt. Bei einem CO2-Ausstoß von mehr als 160g/km zahlt man in Frankreich einen Malus, bei einem Wert unter 130 g dagegen gibt es einen Bonus.

„Die Einführung eines CO2-bezogenen Bonus/Malus-Systems in der Besteuerung hat zu einer Verschiebung des Marktes und zu einem geänderten Käuferverhalten geführt“, berichtet Thomas Albrecht. „Die Zahlen der verkauften Renault-Kleinwagen, die besonders gute Emissionswerte aufweisen, stieg um 23.000 Einheiten (+16 Prozent). Die Verkäufe der großen Vans fielen hingegen um 25 Prozent“, bestätigt Renault-Sprecherin Caroline Sambale den Trend zu umweltfreundlicheren Fahrzeugen.

120-Gramm-Grenze für ein Drittel des Marktes

Auch Peugeot-Sprecher Bernhard Voss beobachtet ein verändertes Käuferverhalten: „Das Segment der Fahrzeuge, die pro gefahrenem Kilometer weniger als 120 g CO2 ausstoßen, betrug 33,2 Prozent im Zeitraum Januar bis September 2008, gegenüber 19,7 Prozent im Vorjahreszeitraum“, so Voss.

Bei Peugeot repräsentieren kleine und kompakte Fahrzeuge (Peugeot 107, 207 und 308) 60 Prozent des Produktmixes. Durch den hohen Anteil an Klein- und Kompaktwagen mit sparsamen Dieselmotoren können letztlich alle französischen Hersteller den EU-Plänen zur Reduzierung des CO2-Flottenausstoßes entspannter entgegen sehen als viele deutsche Automarken.

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