Kennzahlen sind ihr Element

Redakteur: Elvira Minack

Ohne die Anregung von Renault-Vertriebschef Achim Schaible hätte sich Sylke Esser-Bruss aus Wuppertal nicht für den Women‘s Award beworben. „Was mache ich eigentlich Besonderes?“, hat sich die 39-Jährige nach dessen Anruf gefragt.Ohne die Anregung von Renault-Vertriebschef Achim Schaible hätte sich Sylke Esser-Bruss aus Wuppertal nicht für den Women‘s Award beworben. „Was mache ich eigentlich Besonderes?“, hat sich die 39-Jährige nach dessen Anruf gefragt.

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Dann hat sie sich zusammen mit ihrem Mann und Verkaufsleiter hingesetzt und alles zusammengetragen. Gemeinsam kamen sie zu dem Schluss, dass ihre Entwicklung und das, was sie heute tut, vielleicht doch nicht so alltäglich sind.

Das fängt schon damit an, dass die zielstrebige Frau ihr gläsernes Büro im Ausstellungsraum hat. „So erlebe ich alles mit, was im Autohaus passiert und bin für jeden ansprechbar“, erklärt die Geschäftsführerin den Platz. Dass dieser Platz „auf dem Tablett“ auch anstrengend sein kann, erwähnt sie eher nebenbei.

Vor Anstrengungen hat sich Sylke Esser-Bruss noch nie gescheut. Als Seiteneinsteigerin kam sie in den Betrieb ihres Vaters, nachdem sie eine Ausbildung bei der Lufthansa absolviert und als Flugbegleiterin gearbeitet hat. „Aus dieser Zeit weiß ich, was es wirklich heißt, Dienstleister zu sein“, erklärt die Chefin von 34 Mitarbeitern. Als sie sich 1993 entschloss, „zu Papa zu gehen“, wusste sie nicht genau, worauf sie sich einließ. Ihr Vater bestand auf einer ordentlichen Ausbildung. Also ließ sich Tochter Sylke zur Groß- und Außenhandelskauffrau ausbilden und absolvierte danach die BFC in Calw.

„Man muss heute anders führen“

Dank ihres organisatorischen Talents konnte sie sich bereits während der Ausbildung im Autohaus nützlich machen. Sie entwickelte Ideen und begleitete ihren Vater auf wichtigen Veranstaltungen des Importeurs und Händlerverbands. „Ich war da meist die einzige Frau“, erinnert sich Esser-Bruss. Aus dieser Zeit weiß sie, dass es Frauen in der Branche noch immer schwer haben.

Vor einem Jahr hat sie das Autohaus von ihrem Vater übernommen. Obwohl der Betrieb gesund und erfolgreich ist, war ihr klar, dass sie ihn auf ihre Art und Weise führen muss. „Mein Vater hat alles mit Charisma gemacht. Heute muss man mit Kennzahlen arbeiten“, beschreibt sie ihren Führungsstil. So hat sie – auch weil bei Renault in den vergangenen drei Jahren neue Modelle rar waren – begonnen, attraktivere Gebrauchtwagen anzubieten und das ganze Geschäft professioneller zu betreiben. Dafür hat sie unter anderem zwei Gebrauchtwagenverkäufer eingestellt. Mit dem Ergebnis, dass der Gebrauchtwagenumsatz von 2005 auf 2006 um 800 000 Euro stieg und der Gewinn des Unternehmens um fast 90 000 Euro. „Mehr Ertrag – da sind wir wohl wirklich eine Ausnahme“, bemerkt sie lächelnd.

Auch im Service geht sie neue Wege und macht ihre Mannschaft zu Serviceverkäufern. Über einen längeren Zeitraum gab es jeweils samstags eine Inhouse-Schulung für die Servicemitarbeiter. Die sind gern gekommen. Es ist ihr Dankeschön an die Chefin, die vor drei Jahren eine Zubehörprovisionssystem eingeführt hat, mit dem die Mitarbeiter zusätzliches Geld verdienen können. Seither gehen denen die Ideen nicht aus und Sylke Esser-Bruss schränkt ihre Initiative nicht ein. Im Gegenteil: „Mein Vater war sehr lösungsorientiert. Ich gehe da anders ran. Die Mitarbeiter müssen selbst Lösungen für die Probleme finden. Ich kann das nicht für jeden machen. Ich will, dass sie selbstständig denken“, lautet ihr Anspruch.

„Mitarbeiter müssen Probleme selbst lösen“

Wie das geht, macht sie gerade wieder vor: Mithilfe einer externen Beraterin baut sie einen Außendienst für die Geschäfte mit Gewerbetreibenden auf. Drei Verkäufer mit eigenen Gebieten sollen hier künftig agieren und das Geschäft professionalisieren. 2007 wird das Autohaus das Lkw-Verkaufsziel zu 160 Prozent erfüllen. Aber, so Esser-Bruss, da ist noch mehr drin. Der Markt ist groß genug.

Natürlich ist in Wuppertal nicht alles eitel Sonnenschein. Sylke Esser-Bruss hat auch Mitarbeiter verloren, die sich mit ihrem Führungsstil nicht anfreunden konnten. „Das ist nicht schön, aber es geht auch nicht, dass jemand viel Geld bekommt und nichts dafür leistet“, lautet ihre verständliche Erklärung. Andererseits belohnt sie gute Arbeit. So hat sie die 21 000 Euro, die es von Renault für einen vorderen Platz im Service Cup gab, unter den Mitarbeitern aufgeteilt. Nach den schwierigen Jahren sei es an der Zeit gewesen, die Mitarbeiter mal wieder zu belohnen. Mitarbeitermotivation hatte Vater Dieter Esser ihr immer wieder ans Herz gelegt. Sylke Esser-Bruss ist nicht das einzige Familienmitglied im Autohaus Eylert. Auch ihr Bruder Dirk, der den Service verantwortet, und ihr Ehemann Thomas Bruss, Verkaufsleiter, arbeiten hier. Eine dreiköpfige Geschäftsführung, wie sie der Vater angedacht hatte, wollte keiner von ihnen. „Das brauchen wir nicht. Dann fühlt sich keiner richtig verantwortlich“, waren sich alle einig. Allerdings müssen die beiden Männer nun auch hinnehmen, dass die Chefin strenger zu ihnen ist als zu anderen Mitarbeitern. „Manchmal verfluchen sie mich“, lacht Sylke Esser-Bruss. Aber schließlich habe sie die Verantwortung. Und deshalb schickt sie ihren Bruder nach Hause, wenn er die vorgeschriebene Firmenkleidung nicht trägt. Da sei sie knallhart, denn schließlich könne ein Unternehmen nicht allein davon leben, dass es ein alteingesessener Familienbetrieb sei. Dass es ihr Mann, der von Haus aus Polizist ist, durch seinen Fleiß und seine Hilfsbereitschaft geschafft hat, im Betrieb sehr schnell anerkannt zu werden, freut sie. „Ich musste da viel mehr kämpfen“, stellt sie fest. Aber so sei das eben bei einem Leitwolf.

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