125 Jahre Auto: Eine Ausfahrt mit dem Benz Patent-Motorwagen

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Doch weil zwar der Motor stolze 100 Kilo wiegt, das als eine Mischung aus Kutsche und Fahrrad konstruierte Chassis aber nur weitere 170 Kilogramm auf die Waage bringt, nimmt der Motorwagen trotzdem flott Fahrt auf. Immerhin 16 km/h waren damals möglich. Für die Autofahrer des 21. Jahrhunderts kaum mehr als ein schlechter Scherz – doch für Carl Benz beinahe ein Geschwindigkeitsrausch. Immerhin mussten damals die meisten Menschen noch zu Fuß gehen oder sich auf dem Fahrrad abmühen. Auch die Reichweite war für damalige Zeiten stattlich: Mit den knapp fünf Litern Ligroin aus der Apotheke kam Benz rund 50 Kilometer weit.

Während einem hoch oben über der Straße der Wind um die Nase weht und die Frisur so langsam die Form verliert, rumpelt und poltert der Wagen auf seinen dürren Rädern über den Boden und schnurrt so ruhig und gelassen durch das Hier und Heute, als hätte er allenfalls ein paar Monate und noch keine 125 Jahre auf dem Buckel. „Kein Wunder“, sagt der Mechaniker aus dem Mercedes Classic Center in Fellbach, der die Fahrt begleitet. „Das Auto ist ja auch nagelneu – beinahe zumindest.“

Nachbauten gibt es neu zu kaufen

Denn während das noch von Benz immer wieder umgebaute, später zurück gerüstete, im Krieg arg in Mitleidenschaft gezogene und später wieder restaurierte Original des Patent-Motorwagens seit mittlerweile über 100 Jahren im Deutschen Museum in München steht, lässt Mercedes das erste Auto der Welt seit einigen Jahren regelmäßig nachbauen. Rund 150 Replikas sind seitdem entstanden, von denen man bei den Schwaben einige für knapp 70.000 Euro noch als Neuwagen erwerben kann.

Von solchen Stückzahlen kann Carl Benz nur träumen. Sein Motorwagen Nummer 1 bleibt ein Einzelstück, die Nummer 2 läuft auch nicht so recht, und erst als seine Ehefrau Bertha ohne sein Wissen und wohl auch ohne seine Zustimmung mit der Spritztour nach Pforzheim auf der Nummer 3 erfolgreich die erste Langstreckenfahrt der Automobilgeschichte absolviert, kommt seine Idee so langsam in Fahrt. Wirklich Geld verdient seine Erfindung allerdings erst, als die Benz-Werke getrieben von Weltwirtschaftskrise und Hyperinflation mit Daimler fusionieren und der Erfinder selbst längst aus dem Tagesgeschäft ausgestiegen ist.

Das hat Carl Benz lange gewurmt: „Überall in Stadt und Land wird der Kraftwagen zum sensationellen Ereignis. Aber ein Käufer findet sich nirgends im deutschen Vaterlande“, klagt er in seinen Memoiren über den schweren Start des Autos. Mittlerweile jedoch hat ihm die Entwicklung mehr als Recht gegeben: Schließlich gibt es heute rund eine Milliarde Kraftfahrzeuge auf der Welt – und in jedem steckt ein Stück vom Patent-Motorwagen.

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