75 Jahre Automatik: Im Wandler der Zeit

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In Europa waren es zunächst ebenfalls vor allem amerikanische Wandler-Automaten, die den Autofahrern das Schalten und Kuppeln abnahmen. So debütierte etwa in der von Bundeskanzler Adenauer geschätzten Staatskarosse Mercedes-Benz 300 c eine Borg-Warner-Dreigang-Wandlerautomatik. „Fahren in Vollendung“, warb Mercedes-Benz dann Anfang der 1960er Jahre für das erste selbst entwickelte Automatikgetriebe in Form einer Viergang-Kupplungsautomatik in der S-Klasse.

Eine eigene Wandlerautomatik realisierte Mercedes erst 1972 in der S-Klasse der Baureihe W 116. Zu diesem Zeitpunkt war ein 1965 von ZF präsentierter und anfangs für BMW- und Peugeot- sowie Alfa-Romeo-Modelle in Serie gegangener Dreigang-Automat bereits Produktionsmillionär.

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Während in Japan seit Mitte der 1970er selbst kleinste Kei-Cars in den Komfortgenuss von Vollautomaten kamen, brauchten die Europäer bis Ende der 1980er Jahre, ehe Fahren ohne Schalten klassenübergreifend schick wurde. Ein entscheidender Schritt dafür war die Entwicklung elektronischer Getriebesteuerungen, die das Getriebe besser vor Überlastung schützten und eine sanftere und schnellere Schaltqualität erreichten.

Ab 1990 gab es von Mercedes-Benz und Zulieferer ZF außerdem die ersten Fünfgang-Automaten, die den oft heftig kritisierten Mehrverbrauch von Wandlergetrieben gegenüber manuellen Schaltgetrieben deutlich senkten. Neu war außerdem die Lebensdauer-Ölbefüllung des Getriebes, die für Laufleistungen von bis zu einer Million Kilometer gut war, wie etwa ein BMW 525 tds im Alltagseinsatz unter Beweis stellte.

Zur Jahrtausendwende waren zähe Gangwechsel, die Automatik-Autos langsam machten definitiv Technik der abgelaufenen Dekaden. Waren doch manche Modelle mit spritziger DSG-Schaltung, aber auch mit elektronisch regulierten Gangwechseln endgültig schneller als von Hand geschaltete Versionen.

Und sogar sparsamer. Denn von nun an sind es auch die Emissions- und Verbrauchswerte, die technische Entwicklungen vorantreiben. So gab es auf der einen Seite Hybridpioniere wie den Toyota Prius mit CVT-Getriebe, andererseits Wandlerautomaten, die sich ein Wettrüsten der Gangzahl lieferten. 2001 debütierte der BMW 7er mit dem weltweit ersten Sechsgang-Automatikgetriebe, entwickelt von ZF. Der Verbrauchsvorteil gegenüber dem bis verwendeten Fünfgang-Automaten betrug bereits sieben Prozent, weshalb dieses Getriebe kurz darauf von zwölf weiteren Marken genutzt wurde.

Nur zwei Jahre später debütierte dann bei Mercedes-Benz Achtzylinder-Typen die sogenannte 7G-Tronic als erste Siebengang-Automatik. Was dem mehrheitlich zu Toyota gehörenden global größten Getriebe-Giganten Aisin AW keine Ruhe ließ bis 2007 der Lexus LS 460 mit Achtgang-Automatik erschien. Zwölf Monate danach folgte ZF mit einem ebensolchen Automaten, der auch mit Hybridsystemen koppelbar war. Aktueller Höhepunkt ist jedoch eine Neungang-Automatik, die im Range Rover Evoque, Honda CR-V und Jeep Cherokee eingeführt wurde. Längst ist das herablassende Lächeln selbsternannter Autoexperten gegenüber bekennenden Automatik-Käufern verschwunden. So wie das siegreiche Chaparral-Racingteam 1966 auf dem Nürburingring nur noch Respekt von allen Rivalen erntete, als der designierte Champion während der vorletzten Runde eine Tür des Chaparral öffnete und in aller Ruhe während der Fahrt die Frontscheibe reinigte.

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