40 Jahre Mercedes-Benz W124 Als das Herz der Marke schneller schlug

Von sp-x 6 min Lesedauer

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Damit hatte keiner gerechnet: Ausgerechnet die konservative Marke Mercedes lancierte 1984 eine dynamische „Mittelklasse“, die alle BMW, Audi oder Alfa alt aussehen ließ. Vor allem aber gingen die schnellen Sternträger der Reihe W124 in Multi-Millionenauflage.

Gehört zu den 80ern/90ern wie Sakkos mit Schulterpolster oder schräge Frisuren: Die 124-Baureihe wurde in einer Stückzahl von insgesamt 2.583.470 Exemplaren produziert und erreichte damit beinahe die Gesamtzahl des Vorgängermodells.(Bild:  Mercedes-Benz)
Gehört zu den 80ern/90ern wie Sakkos mit Schulterpolster oder schräge Frisuren: Die 124-Baureihe wurde in einer Stückzahl von insgesamt 2.583.470 Exemplaren produziert und erreichte damit beinahe die Gesamtzahl des Vorgängermodells.
(Bild: Mercedes-Benz)

Da staunten Deutschlands Dienstwagenfahrer, Familienväter und Taxichauffeure: Im November 1984 präsentierte Mercedes seine neue mittelgroße Baureihe W124 mit den Typen 200 D bis 300 E als agile Alternative zu BMW 5er, Audi 100/200 oder skandinavischen Turbo-Typen. Im Windkanal in „schnelle“ Stromlinienform gebracht und mit stärkeren Motoren hinter der Stern-bewehrten Kühlerfront avancierten die Limousinen, Kombis, Coupés und Cabrios zu neuen Chefdynamikern in der Businessclass.

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Welchen Fahrleistungsvorsprung, aber auch Effizienzvorteil die neuen Benz gegenüber ihren seit 1975 verkauften, klassisch-steif konturierten W123-Vorgängern versprachen, zeigte eine Datentabelle in der Mercedes-Pressemitteilung: Erstmals musste sich Taxifahrers Liebling 200 D nicht mehr von jedem 40-PS-Polo überholen lassen, denn mit 53 kW/72 PS rannte der Selbstzünder damals sensationelle 160 km/h schnell, zugleich begnügte sich der W124 mit 7,9 statt 9,5 Liter Diesel im Stadtzyklus. Die politischen und gesellschaftlichen Diskussionen um das Thema Waldsterben und Forderungen nach einem Autobahn-Tempolimit von 100 km/h nahm Mercedes gelassen, führte stattdessen bis zu 230 km/h flotte Benziner mit Abgaskatalysator ein und überraschte beim Diesel 1990 mit dem ersten Oxidationskatalysator. Gelegentliche Kratzer am Sternenglanz konnte der W124 nicht verhindern, aber noch im hohen Alter auspolieren, etwa als 1993 aus der Mittel- die erste E-Klasse hervorging.

Ein Mercedes made by Porsche

1990 debütierte der Typ 500 E als reißender Wolf in der Herde sonst eher harmloser und braver Benz-Limousinen der Baureihe W124, Entwickelt und gebaut wurde er bei Porsche. Der Kleinhersteller war damals dankbar, freie Kapazitäten durch Auftragsfertigungen wie den 500 E füllen zu können. Die Amerikaner hatten mit Sleeper (schlafende Agenten) einen Terminus für muskelstrotzende Vmax-Typen in unscheinbarem Businessdress geprägt und Modelle wie BMW M5, Audi 200 Turbo oder Lancia Thema (Ferrari) 8.32 interpretierten den Begriff 1990 erfolgreich auf europäische Art. Allerdings war keiner dieser Tempobolzer der Wucht gewachsen, die der optisch dezente Mercedes 500 E über einen brutal starken 5,0-Liter-V8 auf die Straße brachte.

Optisch trug der 500 E den Nerz nach innen, war er doch seinen millionenfach gebauten Schwestermodellen nur durch die geringfügig voluminöseren Kotflügel mit 16-Zoll-Alurädern, die große Bugschürze mit integrierten Nebelleuchten und die um 2,3 Zentimeter tiefer gelegte Karosserie zu differenzieren. Aber nach dem Dreh des Zündschlüssels erwachte ein großes, unter Volllast vernehmlich fauchendes V8-Raubtier unter der flächigen Motorhaube – jener Vierventil-V8 mit dem Code M119, der gerade erst im neu vorgestellten Sportler 500 SL für Aufsehen gesorgt hatte. Durch ein neues Kurbelgehäuse, wurde die Bauhöhe des Motors reduziert. So passte das 240 kW/326 PS Kraftwerk in den Maschinenraum, gepaart mit einer Vierstufen-Automatik.

Tatsächlich markierte der 500 E seine Position im Mercedes-Portfolio und am Markt über die vehementen Fahrleistungen: Die elektronisch abgeregelte Höchstgeschwindigkeit betrug 250 km/h, wie sonst nur beim 500 SL, und die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h wurde mit 5,9 bis 6,1 Sekunden angegeben. Dank kürzerer Achsübersetzung also noch besser als beim SL, besser als alles aus München und Ingolstadt und bereits fast auf dem Niveau reinrassiger Supersportler á la Ferrari Testarossa. Das allerbeste Erlebnis für die Fahrer des 500 E war jedoch die Freude, dieses Hochleistungstemperament in einer unauffälligen Karosserie genießen zu können, die sonst betuliche Diesel-Taxis kennzeichnete.

Klar, dass sich der 500 E auf der Kostenseite ebenso dramatisch von einem 200 D differenzierte. Die Preisliste des V8-Viertürers begann bei 134.520 Mark, dafür gab es rechnerisch 3,5 Diesel-Droschken und sogar der neue BMW M5 war um ein Drittel billiger. Gar nicht zu reden vom Kraftstoffkonsum der trotz überraschend hoher Nachfrage nur in kleiner Stückzahl – insgesamt lediglich 10.479 Einheiten - gebauten Hochleistungslimousine. Zwar bewirkte der beherzte Tritt aufs Gaspedal Verbrauchswerte zwischen 12 und 17 Litern, andererseits waren die Wettbewerber kaum sparsamer.

Am Anfang durchaus Mängel und Probleme

Sie ist bis heute das Herz der Marke: Rund 16,5 Millionen Einheiten konnte Mercedes seit 1947 von der „mittleren Klasse“ absetzen, die als „Ponton-Benz“, „Heckflosse“, Strich-Acht“ chromgeschmückter W123 oder eben ab 1984 als W124 gesellschaftlicher Erfolgsausweis und Qualitätsmaßstab war, letzteres sogar im harten Taxigeschäft. Nachdem Mercedes 1982 mit dem unter Bruno Sacco in zukunftsweisende Form gebrachten Modell 190 (W201) in die bis dahin von Stuttgart nicht bespielte kompakte Mittelklasse der dynamischen BMW 3er vorgedrungen war, orderten rund 40.000 Mercedes-Stammkunden „blind“ das nächste Sacco-Designjuwel: Die im Januar 1985 auslieferungsbereite Baureihe W124. Allerdings bedeuteten neue Technologien auch neue Risiken, wie damals die Aktivisten des Chaos Computer Clubs verdeutlichten, als sie überraschend in das BTX-System der Post eindrangen. Beim Mercedes W124 waren es zunächst Taxifahrer, die sich über ein scherzhaft „Bonanza-Effekt“ genanntes Ruckeln beim Anfahren ihrer von neuen Vier-, Fünf- und Sechszylinder-Motoren angetriebenen Diesel-Droschken beschwerten.

Bald kamen Kundenklagen über Klappergeräusche, schlecht passende Teile und andere Defizite hinzu. Probleme beim Qualitätschampion Daimler? Ein Desaster drohte, aber Mercedes stellte alle Mängel ab und gab sich kulant. Die Kunden waren zufrieden, und so ist die W124-Reihe bis heute ein Inbegriff des robusten und langlebigen Sternenkreuzers. Dafür stehen Marathonläufer wie ein in Portugal eingesetztes 200 D Taxi mit zwei Millionen Kilometern auf der Uhr, das schon zum Publikumsmagneten im Mercedes-Benz-Museum avancierte. Vor allem aber war es die konkurrenzlose Vielfalt, die den W124 vor 40 Jahren zu Verkaufserfolgen führte, von denen andere nur träumen konnten. Von 80 kW/109 PS bis 280 kW/381 PS reichte das Leistungsband bei den Benzinern mit vier, sechs oder acht Zylindern, von 53 kW/72 PS bis 108 kW/147 PS bei den Selbstzündern. Zeitweise konnten die Kunden zwischen 15 Antrieben wählen, das übertrifft sogar die Diversität der heute aktuellen E-Klasse. Zudem präsentierte sich die W124-Reihe schon 1985 als Alternative zum Audi 100/200 quattro, auch wenn es zwei Jahre dauerte bis der automatisch zuschaltende Allradantrieb 4Matic in Serie ging.

Ein „Panoramascheibenwischer“

Die 1980er Jahre lösten einen Hightech-Hype aus, und ähnlich wie der Transrapid die Zukunft der Hochgeschwindigkeitsbahn versprach und die CD die klassische Langspielplatte (fast) ablöste, zündete Mercedes ein Innovationen-Feuerwerk aus automatischem Sperrdifferenzial (ASD), Antriebs-Schlupfregelung (ASR), weltweit erstem Diesel mit Vierventiltechnik (1993) oder Selbstzünder mit Schrägeinspritzung (1989), um eine 40-prozentige Verringerung der Partikelemissionen zu bewirken. Nicht zu vergessen clevere Kuriositäten wie der Panoramascheibenwischer mit weltweit größtem Wischerfeld.

Wer W124 kaufte, bekannte sich zur Avantgarde – und zeigte dies durch die Stromform mit aerodynamischem Bestwert von cw=0,29 oder den weitgehenden Verzicht auf altmodischen Chromzierrat. Ob Benz 200 in Buchhalterausstattung für den sparsamen Oberstudienrat, 400 E für den V8-Connaisseur mit Faible zum optischen Understatement oder E 60 AMG mit 6,0-Liter-V8 in Vollfettstufe für Sportwagen-Jäger: Dieser Mercedes sollte alle Wünsche bedienen und das 13 Jahre lang bis 1997. In dieser Zeit zeigte Erzrivale BMW nicht weniger als drei Generationen des Fünfers – ohne dem W124 in der Variantenvielfalt auch nur nahe zu kommen.

Kombi und Cabrio: da griff man zu

Ab 1985 ergänzte das „T-Modell“ die W124-Reihe mit Transporttalenten, die über das Ladevolumen hinausgingen: Die serienmäßige Niveauregulierung, das raffinierte Doppelrollo, feine Velours- und Lederpolster und eine Geräuschdämmung fast auf Limousinen-Niveau machten diesen Fünftürer für die Fachwelt zum Kombi-Maßstab, auch wenn Laderiesen etwa von Citroen mehr Stauraum boten. Außerdem lieferte Mercedes vom Kombi abgeleitete Fahrgestelle, die Karossiers für Krankenwagen oder Bestattungsfahrzeuge nutzten.

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Eleganz stellten dagegen die 1987 lancierten, aufwendig konstruierten Hardtop-Coupés 230 CE und 300 CE zur Schau: Bis auf den Vorbau verfügten sie über eine eigenständige Karosserie. Konkurrenz kannten die edlen Zweitürer kaum, nur wenige Hersteller wie Volvo (780) leisteten sich damals vergleichbare Coupés. Noch exklusiver war die 1989 lancierte sechstürige W124-Limousine, mit 5,54 Meter Länge Deutschlands längster Pkw und prädestiniert für Einsätze als Repräsentationskarosse. Auf der IAA 1991 fand Mercedes zurück zum viersitzigen Cabriolet – nach zwei Jahrzehnten Abstinenz. Es begann mit dem offenen Sechszylinder 300 CE-24, etwas später folgten Vierzylinder und der furiose E36 AMG mit 200 kW/272 PS. Saab (900), Chrysler (Le Baron) und BMW (3er) hatten mit vier Plätzen unter der Sonne vorgelegt, aber der offene W124 brachte alle Anlagen zum Klassiker mit und wurde bis 1997 gebaut.

Welche Popularität der Mercedes W124 bei Oldtimerfans genießt, erklärt Experte Martin Heinze von der Oldtimer-Bewertungsorganisation Classic Analytics: „Nach etwas holperigem Start hat sich der 124er im Laufe der Jahre zum Liebling der Mercedes-Fans entwickelt, erst als Neuwagen, dann als Gebrauchtwagen, später als Young- und Oldtimer – und das gilt ausnahmslos für alle Modellvarianten. Abgesehen von den begehrten AMG-Versionen und dem 500 E hat sich in den letzten Jahren ein echter Kult um die T-Modelle gebildet, die in der Beliebtheit sogar die eleganten Coupés hinter sich gelassen haben. Selbst ohne Extras kostet ein guter 230 TE heute mindestens 14.200 Euro.“

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