Als der Atomantrieb die Zukunft war

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Vollautomatische Lenkung und Kraftversorgung

Das Atomauto war typisch für den naiven Optimismus jener Ära. Das passte allerdings zur Politik der Eisenhower-Regierung, die Ängste gar nicht erst aufkommen lassen wollte – egal ob vor friedlicher oder kriegerischer Atomnutzung. Der naive Aufklärungsfilm „Duck and Cover" (Verstecken und Bedecken) zum Verhalten bei einem Atombombenabwurf war dafür ein beredtes Zeugnis. Tatsächlich nahmen die Amerikaner das Konzept mit großer Begeisterung auf. Einige Quellen behaupten sogar, dass die US-Regierung als Pate hinter Fords Atomic-Car-Forschungsprogramm mit Sponsorgeldern gestanden habe. Ford schuf weitere, in der Theorie atomgetriebene Traumautos, zuletzt den zur Weltausstellung 1962 in Seattle im US-Bundesstaat Washington entworfenen Seattle-ite XXI, der wie der Nucleon mehr zu einem Fantasie- als einem Realitätsprodukt geriet.

Doch dieses Auto nahm -zumindest teilweise – Entwicklungen voraus, die erst Jahrzehnte später zum Alltag gehören würden. Dazu zählten zum Beispiel interaktive Computer-Navigationssysteme und austauschbare Brennstoffzellen. Die Möglichkeit von „kompakten nuklearen Antriebsgeräten" wie es im Prospekt hieß, blieb zum Glück jedoch Science Fiction, während die Kernfusion zu dieser Zeit als sichere und zukunftsfähige Energiequelle im Gespräch war. Der Wagen hatte sechs Räder, vier lenkbare vorne und zwei feste hinten - ähnlich dem Tyrrell-Formel 1--Rennwagen in der Mitte der 1970er-Jahre. Die Konstrukteure waren der Ansicht, dass das Sechsradkonzept die Spurhaltung, die Traktion und das Bremsen verbessern würde. Der Ford Seattle-ite XXI hatte einen austauschbaren Frontantrieb, der es ermöglichte, das Auto entweder in ein sparsames Stadtauto oder bei Bedarf in ein leistungsstarkes Autobahnfahrzeug zu verwandeln.

Auto mit nur einem Rad

Ford war wohl der aktivste Vorreiter in punkto Atomantrieb, doch auch andere Unternehmen beschäftigten sich mit ähnlichen Überlegungen, wenn auch nicht so intensiv. Ein ungewöhnlicher Prototyp, der Studebaker-Packard Astral, wurde der staunenden Öffentlichkeit zunächst im Januar 1958 in den USA und im März auf dem Genfer Autosalon vorgestellt. Er hatte nur ein einzelnes gyroskopisch ausbalanciertes Rad, das durch einen Regelkreis aktiv stabilisiert wurde, so dass nicht der Fahrer die Balance halten musste, sondern ein Kreiselinstrument. Die Werbedaten deuteten darauf hin, dass es mit Atomkraft betrieben werden konnte oder damit, was die Designer als Ionentriebwerk bezeichneten. Es wurde allerdings nie ein funktionierender Prototyp hergestellt, sondern als Ausstellungsstück bei verschiedenen Studebaker-Händlern präsentiert, bevor es eingelagert wurde. 30 Jahre später wiederentdeckt, kam es in das Studebaker Museum in South Bend im US-Bundesstaat Indiana.

Aber auch die Europäer spielten beim Atomantrieb mit. Im Jahr 1958 stellte Simca den Fulgur (lateinisch für Blitz) vor, ein Auto mit elektrischem Antrieb und einer Reichweite von 5000 Kilometern. Das kompakte Fahrzeug verkörperte den gesamten Zukunftsglauben der damaligen Zeit. In der Pressemitteilung hieß es damals: „Auf Straßen zweiter Ordnung wird der Antrieb des Fulgur von sechs Akkumulatoren für einatomige, freie Energiespeicherung geliefert, die im Heck liegend restlos zugänglich sind: In diesem Fall beträgt der Aktionsradius 5000 km.

Kontrollturm übernimmt Fernsteuerung

Zu seiner Orientierung verfügt der Fahrer über ein Radargerät. Er erteilt seine Steueranweisungen einem Elektronenhirn, das für die Lenkung des Wagens sorgt. Auf den Autobahnen nimmt ein Kontrollturm den Fulgur unter seine Fittiche, die Lenkung erfolgt vollautomatisch; die Kraftversorgung durch elektromagnetische Induktion. Die beiden Antriebsräder – die Hinterräder – besitzen je einen Elektromotor. Die Vorderräder, die bei kleinen Geschwindigkeiten zur Lenkung dienen, werden ab 150 km/h eingezogen. Fulgur wird sodann auf zwei Rädern durch Kreiselgeräte stabil gehalten und mittels der Stabilisierungsflossen am Heck gelenkt. Entdeckt das Radargerät ein Hindernis, so wird der Wagen unverzüglich zum Stillstand gebracht. Hört sich erstaunlich modern an.

Doch glücklicherweise kam der nukleare Antrieb nie über die Theorie hinaus. Andere Visionen wie bei Simca zu sehen und auch bei Ernst Behrendt nachzulesen, sind heute zum Greifen nah. So schrieb der Autor in seiner Atom-Story (1955!) auch das: „Es gibt Zukunftsmodelle, bei denen gar kein Steuerrad mehr vorhanden ist oder wo es nur in Notfällen benutzt zu werden braucht. Der Fahrer kümmert sich gar nicht um die Geschwindigkeit, er kann sich seinen Mitfahrern zuwenden und sich mit ihnen ganz ungeniert unterhalten. Das Auto soll dennoch ziemlich schnell fahren. Steuerung und Geschwindigkeitsregelung sind automatisch. Überall am Straßenrande stehen in regelmäßigen Abständen Sendeanlagen, deren Signale die Steuervorrichtung regulieren und das Tempo bestimmen.

Die Signale sorgen dafür, dass der Wagen einen stets gleichbleibenden Abstand vom Wegrand und, was womöglich noch wichtiger ist, von den anderen Verkehrsteilnehmern hält; sie passen das Tempo dem Straßenbelag und überhaupt den Verhältnissen an. Mit anderen Worten: Der Wagen verhält sich automatisch so, wie ihn ein guter Fahrer mit Rücksicht auf die Straßen- und Verkehrsverhältnisse fahren würde."Damit hat Behrendt nur danebengehauen, was das Datum betrifft. Er war davon überzeugt, seine Vision werde schon 1975 Realität. Dass es mindestens 50 Jahre länger bis zum autonomen Auto dauern würde, sei ihm verziehen.

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