Mit einem Concept-Car will Audi seine neue Designsprache demonstrieren und wieder einen echten Sportwagen kreieren. Die Strategie „radikal einfach“ wird aber wohl kein leichter Weg.
Audi Concept C: Leistungsdaten wollen die Ingolstädter noch nicht verraten.
(Bild: Audi)
So ein Auto hätte auf der nächsten IAA begeisterte Zuschauermassen gewiss: Gut 850 Newtonmeter Drehmoment katapultieren die matt silberne Flunder voran bis Tempo 340. Das Cockpit wird klar vom puristischen Lenkrad dominiert, dahinter drehen sich wenige essenzielle Anzeigen. Und der Schwerpunkt liegt klar in der Mitte hinter dem Fahrer, bei gerade einmal 824 Kilo Leergewicht. Sechs Liter Hubraum, 16 Zylinder, infernalische Lautstärke und der gefühlte Abgasausstoß eines mittleren Kohlekraftwerks zeigen denn doch: Der Auto-Union-Rennwagen Typ C gehört in eine längst vergangene Zeit muskulöser Mobilität.
Allerdings nicht für Massimo Frascella, seit knapp einem Jahr Chief Creative Officer bei Audi. Der Italiener ist ein Fan klassisch-klaren Designs in der Tradition von Kubismus, Bauhaus – oder eben stilprägenden Ikonen erfolgreicher Audis und ihrer Vorgängermarken. Das zeigt er jetzt auf der IAA mit seiner ersten Kreation für die Ingolstädter: dem Concept C. Schon in zwei Jahren soll der Targa weitgehend so wie jetzt zu sehen in Serie gehen.
Horizontale Elemente als neue Lichtsignatur
Die Gestalt soll an die ruhmreichen Renner der 30er, aber auch Limousinen wie den A6 dritter Generation oder den TT anknüpfen. „Radikale Einfachheit ist der Kern unserer Philosophie“, heißt dabei seine Devise. Und radikale Wiedererkennbarkeit – nicht nur für Freunde des Rennsports von 1936. Die Front des Audi Concept C wird wieder von eben dem großflächigen, hochkant ausgerichteten Rahmen dominiert, den schon der historische C durch die Rundkurse sausen ließ. Allerdings streng rechteckig statt oval wie beim Vorvater. In den Rahmen eingebettet sind die vier Ringe – und die Zukunft in Form von Technikmodulen, die auf künftige Assistenz- und Lichtsysteme hinweisen.
Wer den Concept C im Dunkeln sieht, wird allerdings nur zwei schmale Lichtschlitze aufscheinen sehen. Der Grill mit dem ausgefrästen Ringen darin bleibt im Dunkeln. Mit einer neuen Lichtsignatur führt Frascella ein dauerhaftes Erkennungsmerkmal neuer Serien-Audi ein: Vier horizontale Elemente in Front- und Rückleuchten bilden die visuelle Identität.
Elektrisches Hardtop-Dach
Der nächste echte Sportwagen nach dem Ende von TT und R8 wird rein elektrisch angetrieben sein – und wohl auch an allen vier Rädern. Dass der Concept C keine Heckscheibe hat, sondern nur eine rückwärtsgewandte Kamera in einem der drei Kiemen liegt auch am Antriebskonzept mit mittig platzierter Batteriebauweise. Leistungsdaten wollen die Ingolstädter noch nicht verraten.
Dafür gibt‘s andere Ein- und Ausblicke: Das Dach reicht weit nach hinten und schließt bündig ab. Wie im historischen Typ C kann die Fahrerin aber auch an der Frischluft sitzen. Das geht mittels elektrisch einfahrbaren Hardtops, das aus zwei Segmenten besteht und sowohl geschlossenes Fahren als auch Cabrio-Betrieb zulässt.
Physische Tasten aus Aluminium
Im Innenraum setzt das Design auf Reduktion und Besinnung auf klassische Stärken im Finish. Architektonische Flächen und geometrische Formen schaffen ein symmetrisches Raumgefühl für beide Passagiere, der Mensch am Steuer sitzt dennoch im Fokus. Mechanische Schalter und Tasten aus eloxiertem Aluminium betonen mit sattem Klacken den Anspruch an Verarbeitung. Das Lenkrad bildet den Mittelpunkt, mit Ringen aus Vollmetall und haptischen Elementen. Materialien wie Alu, Titan und Holz – alles echt statt aus lackiertem Kunststoff – fassen sich hochwertig an, eine tageslichtähnliche Ambientebeleuchtung hebt die Oberflächen hervor.
Das Bedienkonzept folgt der Linie einer zurückhaltenden Technikinszenierung, die Frascellas Team „Shy Tech“ nennt; ganz so „schüchtern“ darf sie aber natürlich nicht daherkommen, wenn die Ingolstädter der allgegenwärtigen digitalen Aufrüstung bei der Konkurrenz Paroli bieten wollen. Ein ausfahrbares Display bündelt die wichtigsten Informationen, die physische Steuerung bleibt über das Lenkrad und die Mittelkonsole gewährleistet. Das Ziel ist eine einfache Bedienlogik statt einer reinen Screen-Show. Head-up-Display gibt es im Concept nicht, dafür eine schmale Leiste über dem Fahrerdisplay, auf der essenzielle Zahlen zu sehen sind; die Geschwindigkeit etwa.
Design-Vorgaben als unternehmerischer Grundsatz
Der neue Designchef, der von JLR zu Audi gewechselt ist, versteht seine gestalterischen Entscheidungen nicht nur als ästhetisch, sondern strategisch. „Wie fühlt sich Audi für den Kunden an? Unsere Antwort findet sich in vier Prinzipien: klar, technisch, emotional und intelligent. Sie bilden das Fundament für alles, was wir tun.“ Sein Chef, CEO Gernot Döllner sagt sogar: „Wie wir das Design unserer Fahrzeuge gestalten, so werden wir auch unser Unternehmen gestalten“, die neue Designphilosophie sei für Audi deshalb ein unternehmerischer Grundsatz, der sich in der Gestaltung des Modellportfolios und der Angebotsstruktur genauso zeigen soll wie in der organisatorischen Aufstellung des Unternehmens.
Stand: 08.12.2025
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Die radikale Neuorientierung ist eine Gratwanderung. Audi versucht, sich in einem Markt zu profilieren, in dem Technik-Plattformen häufig konzernweit geteilt werden. So wie etwa die Antriebs-Plattformen PPE und MEB mit anderen Volkswagen-Marken, Software mit dem US-Unternehmen Rivian, Assistenzsysteme mit allen Konzernmarken – und auch die Basis des nächsten Sportwagens mit dem vollelektrischen Nachfolger des Porsche Boxster. Während Tesla und chinesische Marken dabei digitale Technik aggressiv und sichtbar inszenieren, will Audi mit visueller Ruhe und handwerklicher Präzision punkten.
Doch ein Designfokus allein löst keine Probleme von Markenbindung, Absatz und Profitabilität. Emotionale Differenzierung wie der Einstieg in die Formel 1 ab 2026 kann ein wichtiger Faktor sein, wenn sie konsequent mit technischer Substanz unterfüttert wird. Der Concept C ist so gesehen weniger ein abgeschlossener Entwurf als ein strategisches Signal: Ob die neue „radikale Einfachheit“ ein tragfähiger Weg ist, hängt von der schnellen und fehlerfreien Umsetzung in Serienmodellen ab – und davon, ob Märkte wie China oder die USA sich für diese Haltung und elektrische Sportwagen genauso begeistern wie der Ästhet Frascella.