Ausbildung in China

Redakteur: Dipl.-Ing. Edgar Schmidt

Deutschland unterstützt China beim Aufbau eines modernen Bildungssystems. Dort zählt bisher nur die Hochschulausbildung; die Berufsbildung findet in Schulen ohne großen Praxisanteil statt.

Alle Welt blickt derzeit nach China, denn das Milliarden-Einwohner-Land bietet einen riesigen Markt, an dem viele Staaten und ausländische Unternehmen teilhaben wollen. Auf der anderen Seite blickt auch China auf die Welt und sucht nach Möglichkeiten, seine boomende Wirtschaft zu stärken. Ausländische Unternehmen dürfen zum Beispiel nur dann in China produzieren, wenn sie dabei mit einheimischen Firmen zusammenarbeiten.

Ein weiterer Teil des Entwicklungsprogramms ist die Anpassung des Bildungssystems an moderne Anforderungen – denn hier hat das Riesenreich einen enormen Nachholbedarf. Auch im Bildungsbereich sucht die Regierung nach ausländischen Partnern, die Entwicklungshilfe leisten können. Ein Vorbild für die Chinesen ist dabei das deutsche Bildungssystem, denn es verknüpft hervorragend die Theorie mit der Praxis. Handlungs- oder praxisorientiertes Lernen in einem dualen System, in dem Betriebe und Schulen zusammenarbeiten, gibt es in China bisher nicht. Die Ausbildung erfolgt ausschließlich in Berufsoberschulen, die sich oft Colleges nennen, denn in China galt bisher eigentlich nur das Studium als erstrebenswerte Bildungsform.

Nun soll die Ausbildung handlungsorientierter werden. Ein deutscher Bildungspartner der Chinesen ist dafür seit den achtziger Jahren das Bundesland Niedersachsen. Es arbeitet mit der ostchinesischen Provinz Anhui zusammen – zum beiderseitigen Vorteil, denn durch die Kooperation haben sich auch gute wirtschaftliche Beziehungen ergeben. 2010 haben Firmen aus dem Bundesland Güter im Gesamtwert von 2,3 Milliarden Euro nach China ausgeführt.

Keine Kopie des dualen Systems

Die Chinesen wollen durch die Bildungspartnerschaft zwar nicht das deutsche duale System kopieren, aber doch den Praxisanteil in der Berufsausbildung erhöhen. Dafür schulen deutsche Bildungsprofis chinesische Lehrer. Außerdem reisen Delegationen von Lehrern und Schülern nach Deutschland, um hier in Praktika neue Lehr- und Lernmethoden kennenzulernen. Das bisherige Bildungssystem ist nämlich noch von sehr vielen traditionellen Ansichten geprägt, die nicht mehr zeitgemäß sind. Das ist einerseits auf den Philosophen Konfuzius zurückzuführen, dessen Lehren schon vor über 2.000 Jahren zur chinesischen Staatsphilosophie erhoben wurden. Für Konfuzius war das Studium die Voraussetzung für das Verständnis der Ordnung des Himmels und der Menschen. Außerdem konnten einfache Leute nur über das Studium in höhere soziale Schichten aufsteigen.

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Allerdings scheinen die Chinesen dabei heute einen wichtigen Grundsatz des Konfuzius vergessen zu haben. Er soll gesagt haben: „Lernen ohne zu denken ist sinnlos; aber denken ohne zu lernen ist gefährlich.“ Das chinesische Schulsystem ist jedoch geprägt von sturem Auswendiglernen, der Druck auf die Schüler ist von Anfang an sehr hoch. Denn der Wechsel in weiterführende Schulen ist immer mit einer zentralen Prüfung verbunden, die die Schüler am besten bestehen können, wenn sie das abgefragte Wissen vorher auswendig lernen. Sozialkompetenz sowie kritisches und analytisches Denken sind nicht Teil des Lehrplans. Das liegt vielleicht auch an den großen Klassen mit oft 40 oder sogar 50 Schülern, in denen die Lehrer gar keine andere Chance haben, als den Lehrstoff vorlesungsartig vorzutragen.

Schüler, die am Ende ihrer neunjährigen Pflichtschulzeit den Sprung auf eine allgemeinbildende Oberschule nicht schaffen und auf die Berufsoberschule gehen müssen, werden dort in drei bis fünf Jahren auf einen späteren Beruf vorbereitet. Der bisher nur geringe Praxisanteil dieser Berufsausbildung führt dazu, dass sowohl chinesische als auch ausländische Unternehmen mit der Qualifikation der Absolventen inzwischen unzufrieden sind. Das betrifft insbesondere die ausländischen Autohersteller, die dadurch nicht genug qualifiziertes Personal für den Bau und die Wartung ihrer Fahrzeuge finden.

Kooperationsprojekt des Landes Niedersachsen

Hier setzt das Projekt an, dass die Niedersächsische Landesregierung gemeinsam mit der Provinz Anhui durchführt. Im Jahr 2010 legten im Rahmen des Programms zum Beispiel erstmals chinesische „Azubis“ eine Gesellenprüfung nach deutschem Muster ab – alle haben bestanden. Wesentlichen Anteil daran hat Klaus Bierschenk, Landesfachberater Kfz-Technik und ehemaliger Berufsschullehrer an der BBS 6 in Hannover. Seit Jahren reist er immer wieder nach China, um Lehrer weiterzubilden und ihnen beizubringen, wie man handlungsorientierten Unterricht durchführt.

Sein Wissen ist dort inzwischen so begehrt, dass er gemeinsam mit VW Shanghai an Lehrplänen für Berufs- und Fachoberschulen arbeiten, bei chinesischen Autoherstellern den Werksunterricht verbessern sowie Lehrer von staatlichen und Privatschulen fördern soll. Eine Arbeit, die wichtig ist, um den explodierenden Automarkt unter Kontrolle zu bringen und dafür zu sorgen, dass moderne Autos auch gewartet werden können.

Der Autobestand in China hat ein relativ hohes Durchschnittsalter. Für die alten Autos gibt es in den Städten ganze Viertel mit Werkstätten, in denen die Autos teilweise auf der Straße repariert werden. Zugleich sind moderne Autos beliebt bei den Chinesen, die es sich leisten können – speziell Autos von deutschen Herstellern. Die versprechen sich dadurch ein gutes Geschäft und bauen große Autohäuser, für die sie entsprechend geschultes Personal brauchen.

Praxisbezug statt Frontalunterricht

Die Schulen selbst sind bisher jedoch nur auf die herkömmliche Autotechnik eingestellt; sie lehren meist nur das, was die Absolventen brauchen, um den größten Teil der Fahrzeuge zu reparieren. Die Lehrer unterrichten dabei oft noch rein im Frontalunterricht. Von der Zusammenarbeit mit Bierschenk erhofft sich das Bildungsministerium von Anhui deshalb eine Ausbildung mit wesentlich mehr Praxisbezug und letztlich Absolventen, die den wirtschaftlichen Aufschwung besser unterstützen können.

Doch in China Traditionen aufzubrechen ist ein schwieriges Unterfangen; das stellt auch Klaus Bierschenk immer wieder fest, wenn er sieht, wie schnell die Lehrer wieder in alte Verhaltensmuster verfallen. Doch er ist sich sicher: Nur über ein praxisnahes Bildungswesen kann China seinen Wirtschaftsaufschwung so meistern, dass das Land am Ende nicht stärker darunter leidet, als dass es ihm zu Gute kommt. Und das ist bei der globalen Wirtschaft inzwischen auch für Deutschland wichtig.

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