Kfz-Mechatronikerin zu sein, ist körperlich nicht immer leicht. Viel anstrengender sind aber die Vorurteile vieler Männer, findet die Auszubildende Tanja Kennerknecht aus dem Allgäu. Für ihre Videoclips zu ihrem Job erhielt sie mehr als 2,1 Millionen Klicks.
Die Auszubildende Tanja Kennerknecht ist stolz darauf, Kfz-Mechatronikerin zu sein. Der Beruf ist für Mädels durchaus anstrengend, die vorherrschenden Klischees gegenüber Frauen aber ausgeprägter.
(Bild: Autohaus Fersch)
An Interviewanfragen von Zeitungs- und Fernsehreportern aus ganz Deutschland hat sich das Autohaus Fersch, ein Betrieb mit 20 Mitarbeitern im beschaulichen Bad Hindelang im Oberallgäu, inzwischen fast gewöhnt. Der Grund des Medieninteresses ist der Erfolg ihrer 21-jährigen Auszubildenden Tanja Kennerknecht auf dem Social-Media-Kanal Tik-Tok.
Seit November des vergangenen Jahres hat die angehende Kfz-Mechatronikern immer wieder kleine Videoclips von sich hochgeladen, die sich mit den Vorurteilen gegenüber Frauen in Männerberufen beschäftigen. Mit Erfolg. Allein ein Clip von ihr wurde mehr als 2,1 Millionen Mal aufgerufen.
Das hat auch Kennerknecht völlig überrumpelt. „Damit habe ich nicht gerechnet, aber es freut mich natürlich, dass sich so viele Menschen das Video angeschaut haben“, sagt sie. Aber: Von den sieben Videos, die sie bislang dazu hochgeladen hat, sei es „das schlechteste“ gewesen. „Das war der erste Clip und eine ganz spontane Aktion. Mich ärgert es einfach, wie Frauen in solchen Berufen dargestellt werden“, so Kennerknecht.
Halbbekleidet mit verrutschten Blaumannträgern an Autos herumschraubend, mit diesem Bild werden wilde Männerfantasien angesprochen und die Frauen in diesen Berufen sexualisiert. Genau mit diesem Klischee bzw. Motiv hatte sie eines ihrer Tik-Tok-Videos gestartet und sich die Klicks geholt.
Und damit gezeigt, dass in Sachen Frauen in Männerberufen noch einiges an Aufklärung nötig ist. Immer noch besteht das Klischee, dass Frauen körperlich und mental überfordert sind. Wer es doch versucht, wird eher belächelt und nicht ernst genommen. Auch im Kfz-Gewerbe. Das bestätigte auch eine Umfrage von »kfz-betrieb«: Frauen im der Kfz-Gewerbe sind eher selten und haben mit erheblichen Vorbehalten zu kämpfen, was ihre Glaubwürdigkeit angeht.
„Ich will zeigen, wie es wirklich ist und die Realität aussieht“, sagt Kennerknecht. Und, dass der Beruf in der Kfz-Werkstatt Spaß macht. Klar, schmutzige Hände gehören auch dazu. Gerade diese Botschaften kommen an, vor allem bei den Mädchen. „Mich haben inzwischen viele Mädchen auch privat angeschrieben und mir gedankt, weil sie durch die Videos ermutigt worden sind, doch eine Ausbildung als Kfz-Mechatronikerin zu machen; aber auch Mädchen in anderen Männerberufen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.“
Die Vorurteile, mit denen sie in den Videos aufräumt, hat sie selbst allerdings nicht in ihrem Betrieb erlebt. Natürlich gebe es auch in ihrer Werkstatt Pirelli-Kalender. Damit könne sie umgehen, sie selbst habe auch einen eigenen Männerkalender im Spind hängen. Die Kalender seien Werbegeschenke von Zulieferern. Müssten sie selbst bezahlt werden, würde es sie nicht überall geben, ist sich Kennerknecht sicher.
Vieles seien eben Vorurteile. „Als ich mit der Ausbildung angefangen habe, habe ich mich auf einiges gefasst gemacht und mich auch auf die typische Auszubildenden-Verarsche eingestellt. Aber nichts ist gekommen“, sagt sie. Dabei ist sie für das Autohaus Fersch die erste Kfz-Mechatronikerin überhaupt.
Eigentlich wollte Kennerknecht eine Ausbildung im sozialen Bereich machen. Weil die Optionen nicht passten, griff ihr Plan B. Ihre Liebe zum Kfz wurde ihr fast in die Wiege gelegt. Seit ihrem dritten Lebensjahr hat sie ein Faible für den Kartsport und fährt seit Jahren Slalom-Rennen. Die Arbeit am Motor ist ihr nicht fremd, sondern ein Vergnügen. Insofern brachte sie für ihre Berufsausbildung in der Werkstatt wichtige Voraussetzungen und sicherlich auch Anerkennung mit.
Wenn auch nicht unbedingt körperlich. Denn mit ihrer Größe von 1,54 Metern ist Kennerknecht eher klein und zierlich. „Deshalb hole ich mir auch schon mal einen Hocker, wenn ich am Motor arbeite.“ „Blöde Sprüche“ musste sie sich deshalb aber noch nicht anhören. Im Gegenteil, die Hilfsbereitschaft der Kollegen sei sehr groß. Die will Kennerknecht aber nicht unbedingt immer annehmen, sondern lieber beweisen, dass sie es auch allein schaffen kann, wenn es körperlich schwierig ist, beispielsweise mit Hilfsmitteln oder mit Technik.
Erst sind die Kunden skeptisch, dann überrascht
Ihr Engagement verschafft ihr auch Anerkennung im Familienbetrieb. Laura Holzmann, Tochter der Geschäftsführung, lobt vor allem das Engagement und den Mut, den Kennerknecht aufbringt, um mit den Vorurteilen aufzuräumen. „Ich sehe selbst ja, wie manche Kunden überrascht und oft auch erst einmal skeptisch schauen, wenn ich ihnen Tanja zum Radwechsel schicke“, sagt Holzmann. Die Resonanz hinterher sei aber immer positiv gewesen. Und stolz sind sie auch. Inzwischen haben viele Kunden im Allgäu aus den Medienberichten vom Kennerknechts Engagement auf Tik-Tok erfahren.
Stand: 08.12.2025
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Ob sie weitere Clips zu dem Thema dreht, hält sich Kennerknecht offen. „Das sind spontane Videos und keine dauerhafte Passion“, sagt sie. Ihr Tik-Tok-Kanal widme sich auch anderen Themen.
Wie es beruflich weitergehen kann, ist sich die 21-Jährige dagegen schon recht sicher: Wenn sie im Februar nächsten Jahres ihren Gesellinnenbrief als Kfz-Mechatronikerin hat, wechselt sie ins Büro und sattelt den Serviceberater obendrauf. „Für mich ist das dann optimal. Ich bleibe am Auto, muss aber nicht körperlich so ran, als wenn ich in der Werkstatt arbeiten würde.“
Denn körperlich leicht ist die Arbeit in der Kfz-Werkstatt nicht wirklich, trotz aller Hilfsmittel und Arbeitstechniken. Mit diesem Vorurteil musste Kennerknecht auch nicht in ihren Clips aufräumen.