50 Jahre Mercedes-Benz W 123 Der Bundesbürger beliebtestes Wohlstandsymbol

Von sp-x 5 min Lesedauer

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Dieser Chromkreuzer symbolisierte den Stolz der Bundesrepublik in den 70er- und 80er-Jahren wie kein anderes Fahrzeug: Der Mercedes W 123 vermittelte bürgerliche Noblesse und verkaufte sich zeitweise besser als der VW Golf. Ob als Diesel-Taxi, Kombi, Coupé oder Minister-Limousine, der 123er Benz bestimmte das Straßenbild.

Deutsches Wohlstandssymbol der 70er-Jahre: Die Mercedes-Baureihe 123 war in Deutschland zeitweise erfolgreicher als der VW Golf.(Bild:  Mercedes-Benz Classic Archive)
Deutsches Wohlstandssymbol der 70er-Jahre: Die Mercedes-Baureihe 123 war in Deutschland zeitweise erfolgreicher als der VW Golf.
(Bild: Mercedes-Benz Classic Archive)

Den Stern stolz über dem chromblinkenden Kühlergrill, die steifen Karosseriekonturen unverwechselbar geformt und als Modellauto in Kinderzimmern ein Stück Alltagskultur: Die Ende 1975 in Serie gegangene Mercedes-Mittelklasse der Baureihe 123 avancierte zum globalen Millionseller, war aber vor allem ein gutbürgerliches Wohlstandssymbol der späten Bonner Bundesrepublik. Mit den Limousinen, Coupés und Kombis der Typenfamilie 200 bis 280 E bzw. 200 D bis 300 Turbodiesel entwickelte Mercedes ein Auto, das Verlässlichkeit in unruhigen Zeiten versprach.

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Wer in diesen Mercedes-E-Klasse-Vorläufer einstieg, hatte das Gefühl in einen geschützten Raum zu kommen, der keine Gedanken an Ölkrisen, RAF-Terrorismus oder Smog-Gefahren aufkommen ließ: Mit einzigartigem Wopp-Klang der neuartigen Keilzapfenschlösser vermittelten die massiven Mercedes-Türen ein Tresorgefühl. Ein Feeling, das Besserverdienende ebenso schätzten wie Taxikunden, Bauern, Staatssekretäre oder Einsatzkräfte von Polizei bis zu Notärzten. Ob als 200-D-Wanderdünen-Diesel mit 40 kW/55 PS oder als agiler 280 E mit 136 kW/185 PS starkem Sechszylinder, die Langlebigkeit des 123er-Benz ist Legende. Eine Prüforganisation bescheinigte 1984 sogar noch acht Jahre alten 123ern die Pole Position unter den Mängelzwergen bei Hauptuntersuchungen, und Fachmedien ermittelten, dass ein 200 D rechnerisch über 850.000 Kilometer fahren musste, um von einem Defekt ereilt zu werden. Wen wundert es da, dass dieser Benz heute zu den beliebtesten Oldtimern zählt.

Selbst Rockefeller und John Lennon fuhren Diesel

Lieferzeiten von bis zu drei Jahren und junge Gebrauchte, die über Neuwagenpreisen gehandelt werden, das klingt heute nach Geschichten aus dem Land Phantasia, war aber 1976 beim 123er Benz für Mercedes rentable Realität. Obwohl der Strich-Acht-Vorgänger gut ein Jahr lang parallel zum deutlich teureren 123er Benz angeboten wurde, trafen nur noch die neuen, im Stil einer Mini-S-Klasse (W 116) designten Limousinen den Nerv der Zeit. Eine Punktlandung, die auch die vielen, teils progressiveren oder preiswerteren Wettbewerber von Audi (100) über Citroen (CX), Ford (Granada), Lancia (Gamma), Opel (Commodore), Peugeot (604), Renault (30), Rover (SD1) bis zu Volvo (240/260) nicht kontern konnten. Allein der BMW 5er (E12) fuhr zumindest in Vergleichstests der Fachpresse gleichauf, dies als sportive Alternative zum soliden Mercedes W 123.

Die Vielfalt des Benz bei Karosseriekonzepten und Motoren war einzigartig: Genau 60 Jahre nach dem ersten Serien-Selbstzünder im Mercedes 260 D wurde der Diesel durch den Fünfzylindertyp 300 D sogar im Land der V8-Straßenkreuzer vorübergehend gesellschaftsfähig: Multimillonär Nelson Rockefeller machte es möglich, als er den Stuttgarter Sternträger einem Cadillac Seville vorzog. Plötzlich wurden in Beverley Hills oder auf der Fifth Avenue die ersten rau laufenden Selbstzünder mit dezenter Rußfahne gesichtet, darunter sogar 123er Coupés und 116er S-Klassen mit Turboaufladung. Nicht zu vergessen der weiße 300 TD, mit dem John Lennon oft unterwegs war. Chinablau leuchtet dagegen der 300 D Turbodiesel von Lady Gaga. Dank des Diesels baute Mercedes in Deutschland seine marktbeherrschende Stellung im Taxigeschäft weiter aus, dies mit gleich vier effizienten Motoren (200 D bis 300 D Turbodiesel) und einem Leistungsband von 40 kW/55 PS bis 92 kW/125 PS.

Von Taxistand bis Wüstenrallye

Während einige schrille Lackfarben des Benz wie Kaledoniengrün, Cayenneorange oder Saharagelb die Pril-Blumen bunten 1970er spiegelten, erinnerte die Kabine der 4,73 Meter langen Limousinen an die holzvertäfelten Wohnzimmer jener Jahre mit dicken Polstermöbeln und brauner Schrankwand. Diesen Prestigefaktor besaßen schon die Basis-Vierzylinder Mercedes 200 bzw. 230 mit trägen 69 kW/94 PS oder 80 kW/109 unter der Haube, aber abgewähltem Typenschild auf dem Kofferraumdeckel. Das von Chefärzten und Unternehmern präferierte Sechszylinder-Topmodell 280 E verriet sich optisch nur durch winzige Details, konnte aber zuverlässig rennen, wie mehrere 280 E bewiesen, die bei der Langstreckenrallye London-Sydney triumphierten. Das Ergebnis: Die Plätze eins, zwei, sechs und acht – und das beim ersten Motorsporteinsatz eines Mercedes-Werksteams nach 22-jähriger Rennabstinenz. So schnell und als Coupé sogar schick: Das animierte auch den Pop-Superstar Falco, in einem weißen 280 CE durch die Nacht zu rauschen.

„Das neue Maß der Mittelklasse“, lautete das Marketingcredo bei Einführung der Modellreihe 123, und Mercedes unterstrich diesen Anspruch durch konkurrenzlos viele Varianten. Auf den Viertürer folgte sechs Monate später ein Fahrgestell für Aufbauten externer Anbieter (von der rollenden Geburtshilfestation über Feuerwehrfahrzeuge bis zum Bestattungswagen war alles dabei) und 1977 das elegante Coupé (C 123) sowie das erste T-Modell als früher Lifestylekombi (S 123). Und so wirkte das Debüt des T-Modells, dessen Name sich von den Begriffen „Touristik“ und „Transport“ ableitete, in der Branche wie ein Paukenschlag, auf den BMW und Audi erst in den 1980ern mit ihren Kombikonzepten Touring und Avant überzeugende Antworten fanden.

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Mehr Zulassungen in einem Jahr als der Golf

Wie es nicht geht, zeigten dagegen 1977 der variable Fünftürer Audi 100 Avant (C2), der mit zu wenig Ladekapazität unterm schicken Schrägheck floppte. Reichlich Raum gab es dagegen beim Stufenheck-Benz im Pullman-Format: Diese XXL-Limousine (Typ V 123) wurde 1977 mit einem um 63 Zentimeter verlängerten Radstand eingeführt. Hotels schätzten den mit dritter Sitzreihe lieferbaren Viertürer ebenso wie Staatsführungen, die den 5,35 Meter messenden Benz als Repräsentationslimousine nutzen.

So konservativ die chromblinkenden 123er designt waren, so zukunftsweisend zeigten sie sich unter den im Wettbewerbsvergleich verblüffend rostresistenten Karosserien: Ob bivalenter Antrieb aus Flüssiggas und Benzin, E-Motor oder Wasserstoffantrieb, Mercedes testete viele Alternativen zum klassischen Verbrenner, aber die Zeit für die Großserie war noch nicht reif. Schließlich gelang dem vielseitigen Volks-Benz so das Kunststück, den VW Golf in der deutschen Neuzulassungsstatistik zu entthronen: 1980 wurden 202.252 Mercedes der Typen 200 bis 300 Turbodiesel registriert – und damit der Golf um 1.360 Einheiten getoppt. Erst als der kompaktere Mercedes 190 im Jahr 1982 eine aerodynamische Designlinie etablierte, gingen die Bestellungen für den steifen 123er zurück.

Trotzdem blieb die Baureihe für einige Fans so begehrenswert, dass sie sich am Ende der elfjährigen Laufzeit des 2,7 Millionen Mal verkauften Klassikers noch einen Neuwagen sicherten – startete die nachfolgende Baureihe 124 doch keineswegs pannenfrei und Chromglanz war nun passé. Unter den beliebtesten H-Kennzeichen-Klassikern muss sich der 123er heute nur einem Rivalen geschlagen geben: Als Oldtimer hat der Golf die Nase vorn.

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