Fünf elektrische Modelle Der Pick-up-Markt im Wandel zur Nachhaltigkeit

Von sp-x 7 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Sie gelten als die Fortschreibung des Planwagens mit anderen Mitteln und werden oft wegen ihres anachronistischen Auftritts belächelt. Doch auch der Pick-up ist im Wandel und macht sich fit für die Zukunft. Fünf Beispiele.

Der Pick-up-Markt ist in Bewegung, neue Konzepte werden entwickelt. Der Telo RT-1 beispielsweise ist keine vier Meter lang, aber ein vollwertiges Lastentier.(Bild:  Telo)
Der Pick-up-Markt ist in Bewegung, neue Konzepte werden entwickelt. Der Telo RT-1 beispielsweise ist keine vier Meter lang, aber ein vollwertiges Lastentier.
(Bild: Telo)

Sie sind der Inbegriff des alten Amerikas und werden gerne als Synonym für tumben Gigantismus auf Rädern hergenommen, der so gut ins Bild vom sturen Weiter-so-Amerika passt. Denn die in den USA so weit verbreiteten Pick-ups wirken mit ihren hausbackenen Konstruktionen, ihren großen Motoren und ihrem gewaltigen Format wie Saurier auf Rädern – nur, dass zumindest im Mutterland von Ford F-150, Chevrolet Silverado oder Toyota Tundra niemand auch nur ansatzweise ihr Aussterben befürchtet.

Doch während Farmer, Firmenchefs und Freizeitabenteurer unbeirrt zu den praktischen Pritschen greifen, deren Konstruktion sich im Grunde seit bald 100 Jahren kaum verändert hat und streng genommen sogar zurückgeht auf die Planwagen der ersten Siedler, erfindet sich die Gattung gerade neu. Übrigens ist auch in Deutschland und Europa Bewegung in den Pick-up-Markt gekommen. Die Zulassungszahlen steigen, Fabrikate wie Isuzu modernisieren ihre Modelle (und kündigen E-Modelle an), neue Produkte wie der Ineos Quartermaster treten in den Wettbewerb ein.

Bildergalerie

Im Heimatland des Pick-ups meint die Neuerfindung nicht zwangsläufig Elon Musks Cybertruck, mit dem Tesla offenbar selbst bei den meisten Amerikanern je nach Sicht der Dinge übers Ziel hinausgeschossen oder nicht weit genug gesprungen ist. Die Rede ist vielmehr von ein paar pfiffigen Start-ups, die die Saurier in die Zukunft führen wollen. Und bevor sich die Großserienhersteller davon die Schau stehlen lassen, machen sie sicherheitshalber mal mit bei der Erneuerung der amerikanischsten aller US-Autos.

Telo RT-1: Liebling, sie haben den Pick-up geschrumpft

Er ist zwar kürzer als ein Mini, aber fast so praktisch wie ein Toyota Tacoma. Denn obwohl nur 3,86 Meter kurz, ist sich der Telo RT-1 weder für Spanplatten zu schade, noch für Sandsäcke und erst recht nicht fürs Surfboard. Und wo uns viele Pick-ups allein mit ihrer Größe Respekt einflößen oder uns wie der Cybertruck gar das Fürchten lehren, will man mit diesem kleinen Charmeur am liebsten gleich kuscheln.

Aber die Gründer aus dem Silicon Valley haben nicht einfach Amerikas Liebling geschrumpft, sondern das Konzept neu gedacht. Denn am Bug sparen sie einen Meter, weil sie auf die nicht mehr benötigte Motorhaube verzichten. Und dass die Pritsche so viel Platz bietet, verdankt der RT-1 einer variablen Rückbank, die sich mitsamt der Kabinen-Rückwand so umklappen lässt, dass sie Teil der Ladefläche wird. Auch beim Fahren will Telo keine Abstriche machen und die Amerikaner nicht entwöhnen: Die aus Standardzellen selbst entwickelte Batterie des Trucks hat deshalb eine Kapazität von 106 kWh und soll für umgerechnet 560 Kilometer reichen. Und mit zwei Motoren von zusammen 500 PS taugt der Telo sogar als Dragracer und schafft 0 auf 100 km/h in weniger als vier Sekunden; erst bei 200 km/h soll Schluss sein. 

Die Idee scheint zwar genial und es gibt bereits tausende Vorbestellungen, doch dummerweise bislang nur zwei fahrende Prototypen. Und viel Zeit haben die Macher nicht mehr: Schon im nächsten Jahr wollen sie die ersten Pilotkunden bedienen und ab 2027 zu Preisen ab 50.000 Dollar bis zu 5.000 Autos im Jahr bauen.

Rivian R1T: Apple trifft Abenteuer

Er ist so ziemlich das coolste, was amerikanische Cowboys derzeit fahren können. Denn während Tesla mit seinem Cybertruck gefährlich nach Armageddon klingt, ruft Rivian nach Freiheit und Abenteuer, garniert das Ganze dank E-Antrieb mit einem guten Gewissen und kopiert auch noch das Apple-Design. So wird das Start-up zum Patagoona der PS-Branche und der R1T zum Helden der Hipster.

Der Auftritt ist zwar ganz anders als bei den Dauerbrennern aus Detroit, aber der Anspruch ist der gleiche: Auch der Rivian will Arbeitstier und vor allem Abenteurer sein, der sich für nichts und niemand zu schade ist. Nicht umsonst gibt es alle Outdoor-Extras vom Zelt auf der Pritsche bis hin zur Outdoor-Küche im so genannten Gear Tunnel – dem praktischen Schubfach zwischen der Kabine und dem Pritschenboden.

Damit der R1T in der Wildnis mindestens so weit kommt wie die Konkurrenten, fährt er auf allen Vieren, hat gleich vier unterschiedliche Offroad-Programme und eine Luftfederung, mit der ihn der Fahrer auch über große Hindernisse lupfen kann. Die Technik ist auf die Pampa zugeschnitten, doch die Performance erinnert mit einem Sprintwert von bestenfalls 3,3 Sekunden und bis zu 840 PS eher an einen Supersportwagen. Auch bei den Akkus wird geklotzt und nicht gekleckert. 

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Denn schon die Basisversion für gut 70.000 Dollar fährt mit einer Batterie von 105 kWh rund 370 Kilometer weit. Der Large Pack hat sogar 135 kWh und kommt damit im offiziellen EPA-Rating 505 Kilometer weit. Und wer weit in die Wildnis will oder auf dem ganz platten Land wohnt, dem liefert Rivian auch einen „Max Pack“ mit irrwitzigen 180 kWh für mehr als 600 Kilometer Reichweite.

Scout Terra: Wie es euch gefällt 

Bildergalerie

Weil VW mit seinen eigenen Ideen irgendwie nicht so recht punkten kann bei den Amerikanern, kopieren die Niedersachsen die US-Klassiker und bringen einen eigenen Pick-up. Dabei versuchen sie ihr Glück gar nicht erst mit dem Amarok, zumal der ja ohnehin von Ford entwickelt wurde und auch in dessen Fabriken vom Band läuft. Sondern stattdessen kramen sie in Wolfsburg im Schätzkästchen und ziehen die Marke Scout heraus. Über 40 Jahre, nachdem der Agrarkonzern International Harvester die letzten Pick-ups und Geländewagen unter diesem Namen gebaut hat, will der Nachlassverwalter aus Niedersachsen damit ab 2027 mit gleich zwei Modellen durchstarten. 

Neben einem klassischen Geländewagen ist das vor allem der zu Preisen ab unter 60.000 Dollar erhältliche Pick-up Terra. Obwohl mit einem charmanten Blick retro und trotzdem zukunftsweisend gezeichnet, will der kein Lifestyle-Laster sein, sondern ein Arbeitsgerät, und ist deshalb robust konstruiert: Die Karosserie ruht auf einem Leiterrahmen, die Hinterachse ist starr und die Differenziale sind mechanisch. Außerdem ist Allradantrieb Standard. Dafür verbaut Scout zwei E-Motoren, die zusammen aber mehr als 1.300 Nm entwickeln und damit einen Sprint von 0 auf 100 km/h in weniger als 3,5 Sekunden ermöglichen sollen.

Zwar zielt Scout auf den langsam wachsenden Markt für elektrische Pick-ups und deshalb versprechen die Niedersachsen auch über 550 Kilometer Reichweite und dank einer 800 Volt-Architektur bis zu 350 kW Ladeleistung. Doch wollen sie sich nicht allein auf die elektrische Infrastruktur verlassen und stellen auch einen Range Extender in Aussicht. Dann lädt ein Benzinmotor über einen Generator die Akkus nach und vergrößert den Aktionsradius auf 800 Kilometer. 

Ford F-150 Lightning: Was ihr könnt, können wir schon lange

Er ist seit Jahrzehnten das meistverkaufte Auto in Amerika und der Prototyp des Pritschenwagens. Denn wer Pick-up sagt in den USA, der meint vor allem den Ford F-150. Doch nur, weil die Motor Company im Jahr eine halbe Million Exemplare davon verkauft, wollen sie sich in Detroit nicht aufs Weiter-so verlassen. Noch vor Tesla und seinem Cybertruck haben sie deshalb den Lightning aufgelegt und ihren Bestseller elektrifiziert.

Wo der Cybertruck nach Star Trek aussieht und der Rivian wie das Camping-Auto von Captain Kirk, fährt der Lightning auch weiterhin für die Texas Rangers: Mehr als der LED-Bogen am mächtigen Bug, die schwarze Kunststoffblende anstelle des riesigen Chrom-Grills und dem Blitz mit der amerikanischen Fahne am Heck gibt es nichts, was diesen F-150 von seinen Gattungsgenossen unterscheidet. 

Das gilt auch für das Einsatzspektrum: Der Lightning hat genauso viel Nutzlast wie ein normaler F-150, er schleppt gleich viel weg und ist kommt im Gelände mindestens genauso weit. Nur beim Fahren fühlt sich in einer anderen Welt: Kein Wunder, wenn er auf bis zu 580 PS kommt und in kaum mehr als 4 Sekunden auf Tempo 100 sprintet. Die Energie dafür liefern zwei Batterien, von denen die kleinere bereits 98 kWh hat und die größere auf gewaltige 130 kWh kommt. Dann sind statt 370 immerhin 500 Norm-Kilometer drin. 

Zwar waren sie in Dearborn damit tatsächlich als Erste dran. Doch so richtig getroffen haben sie den Geschmack von Joe Average offenbar nicht. Im Gegenteil: Obwohl der Preis mittlerweile auf 55.000 Dollar gesenkt wurde, ist die Nachfrage so schleppend, dass Ford wiederholt die Produktion aussetzen musste. Und die Pläne für den Export nach Europa wurden auch wieder kassiert.

Slate: Das könnt ihr euch sparen

Sie mögen zwar tief in der Volksseele verankert sein, doch spätestens mit ihrem Elektroantrieb büßen die Pick-ups ihre volkstümlichen Preise ein und werden vergleichsweise teuer. Als bezahlbare Alternative ist deshalb in diesem Frühjahr das Start-up Slate angetreten, das für anfangs weniger als 20.000 und nach dem Wegfall der E-Auto-Förderung immer noch für unter 30.000 Dollar schon Ende nächsten Jahres einen Pick-up mit Minimal-Ausstattung bringen will.

Zwar soll der nicht einmal 4,50 Meter lange Zweisitzer genauso viel schleppen wie ein Großer und die Eckdaten des Antriebs sind mit 200 PS, 53 kWh und 240 Kilometern Norm-Reichweite gar nicht mal so schlecht. Doch ansonsten wird von den Fensterhebern bis zum Infotainment-System so ziemlich alles eingespart, was man zum Fahren nicht wirklich braucht. Selbst den Lack spart sich das Start-up beim Basismodell. Und weil man zum Sparen erst mal viel Geld benötigt, hat sich Slate einen potenten Partner ins Boot geholt: Zu den Investoren gehört kein Geringerer als Amazon-Gründer Jeff Bezos. 

(ID:50554380)