Fabrikatsverbände: Gemeinsam stark
Auch die kleinen Erfolge ihres Händlerverbands helfen den Händler gut durch das Tagesgeschäft zu kommen. Dabei ist der Blick auf die gesamten Vertragspartner wichtig.
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Der einzelne Händler hat es oft schwer, seine Interessen gegen den übermächtigen Hersteller durchzusetzen. Wohl dem, der sich einer starken Gemeinschaft, einem Händlerverband, angeschlossen hat. Dabei sind es häufig gar nicht einmal die großen und spektakulären Durchbrüche, welche die Arbeit der Interessenvertretungen so wertvoll machen. „Wir haben in unzähligen Einzelfällen des Tagesgeschäfts immer wieder kleine Erfolge für die Kollegen erarbeitet – und sei es, indem wir größeres Übel verhindert haben“, bringt es Udo Jüngling, Geschäftsführer des Toyota-Händlerverbands, auf den Punkt. Wichtig sei es, „dem Hersteller mal mehr, mal weniger schmerzhaft die Realität vor Augen zu führen“.
„Nahezu täglich sind die Verantwortlichen der Verbände aufgerufen, rechtswidrige Handlungen der Hersteller aufzudecken, für eine Gleichbehandlung der Vertragspartner zu sorgen und wirtschaftlichen Schaden von den Mitgliedern fernzuhalten“, berichtet Rechtsanwalt Prof. Christian Genzow aus seinem reichhaltigen Erfahrungsschatz.
Rechtswidrige Handlungen
Dies gelte vor allem in finanzieller Hinsicht: Jeder Hersteller versuche mehr oder weniger, seine Erträge auf Kosten der Vertragspartner zu optimieren.
Reduzierungen der Margen und Boni seien an der Tagesordnung. Häufig würden sich Hersteller weigern, die Stundenverrechnungssätze anzupassen oder die Garantie- und Gewährleistungsarbeiten ordnungsgemäß zu bezahlen. Hinzu komme, dass die Außendienstmitarbeiter vieles versprechen, aber längst nicht alles einhalten würden. „Nur massive Beschwerden der Händlerverbände decken diese Missstände auf und sorgen dafür, dass die Vertragspartner wenigstens halbwegs das bekommen, was ihnen zusteht“, meint Genzow.
Die Erfolge, die die Händlerverbände dabei erzielten, seien außerordentlich vielfältig. Allerdings würden die Mitglieder längst nicht alles wahrnehmen. Genzow: „Immerhin standen bis heute 79 Klauseln von Automobilhandelsverträgen vor Gericht. Nicht weniger als 57 haben sich als unwirksam erwiesen.“
Zu den wichtigsten Themen, mit denen sich die Händlerverbände immer wieder beschäftigen, gehört insbesondere die Einführung neuer Margensysteme, meint Antje Woltermann, Geschäftsführerin beim Deutschen Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK). Aber auch Veränderungen der Garantievergütungen zählten zu den „beliebtesten“ Themen. „In derartigen Fällen ist man erfolgreich, wenn man die vom Hersteller geplanten Änderungen verhindert oder zumindest entschärft“, betont Woltermann.
Geschlossenheit
Für sie steht fest, dass ein einzelner Händler, auch wenn es sich um eine große Gruppe handelt, nicht die gleichen Verhandlungsergebnisse erzielen könne wie ein gut aufgestellter Verband. „Allerdings kann ein Verband natürlich nur dann erfolgreich sein, wenn die Mitglieder Geschlossenheit zeigen. Daran mangelt es leider machmal.“
Ein Meilenstein der Verbandsarbeit ist für Prof. Genzow die Rechtsschutzversicherung für Vertragspartner, die der ZDK bereits vor Jahren geschaffen hat. „Die Hersteller wissen heute sehr genau, dass sich ihre Vertragspartner einen Rechtsstreit bis zur höchsten Instanz leisten können. Allein das hat vielfach ihre Kompromissbereitschaft gestärkt.“ Nur der Rechtsschutzversicherung sei es zu verdanken, dass es in Deutschland mehr obergerichtliche Entscheidungen im Automobilvertrieb gebe als in allen anderen europäischen Ländern. „Das garantiert den Vertragspartnern einen gewissen Vertragsschutz gegenüber den Herstellern, obwohl das Vertragshändlerrecht leider bis heute keine echte gesetzliche Grundlage hat“, erklärt der Rechtsexperte.
Dass es jedoch trotzdem für jeden einzelnen Händler ein Wagnis ist, den Rechtsweg gegen seinen Hersteller zu gehen, verschweigt Genzow dabei nicht. Habe ein Händler Widerworte, werde seine Akte schnell mit einem „roten Reiter“ markiert.
Kein Einzel-Fokus
Vor diesem Hintergrund komme den Fabrikatsvereinigungen eine besondere Rolle zu: „Die Händlerverbände müssen dafür sorgen, dass nicht der Einzelne in den Fokus des Herstellers rückt, sondern dieser die Gesamtheit aller Vertragspartner sieht“, erklärt Genzow die grundsätzliche Aufgabe. Gerade im vergangenen Jahr habe sich dieses Thema als sehr bedeutsam erwiesen, weil die Hersteller zunehmend dazu übergehen würden, die Konditionen einseitig zu verändern.
Alle drei Experten sehen die größten Herausforderungen für die Zukunft darin, den Strukturwandel zu organisieren. Prof. Genzow nennt hier insbesondere die bevorstehenden Veränderungen im Vertriebsrecht: „Die aktuelle GVO läuft im Frühjahr 2010 aus. Es kann als gesichert angesehen werden, dass sie in der bisherigen Form nicht erhalten bleibt.“ Daher müssten die Verbände unbedingt dafür sorgen, dass den Vertragspartnern kein Rechtsnachteil für die Zukunft entstehe.
Antje Woltermann spricht einen weiteren Aspekt an: „Wir wissen alle sehr genau, dass wir in Deutschland keinen wachsenden Neuwagenmarkt haben. Der Konzentrationsprozess wird sich ohne Zweifel fortsetzen.“ Das bedeute für die Fabrikatsverbände, dass sie noch viel stärker als in der Vergangenheit mit den unterschiedlichen Interessen konfrontiert sein werden: mit denen der großen Händlergruppen, der mittelgroßen Haupthändler, der Unterhändler und der reinen Servicepartner. Diese Interessen zu bündeln und gegenüber den Herstellern zu vertreten, sei extrem schwierig. Von den Händlerverbänden sei viel Fingerspitzengefühl gefragt. „Wenn es daran fehlt, kann es im schlechtesten Fall zu einer Spaltung des Verbands kommen. Und das gilt es unbedingt zu vermeiden.“
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