Aber auch die erfolgreiche viertürige Eigenentwicklung Seat 800 zeigte 1964, dass der Heckmotor weiterhin populär war für kompakte Familien- und Behördenfahrfahrzeuge. Noch einmal zurück zu Fiat: Parallel zur Präsentation des 850 testeten die Italiener zukünftige Frontantriebstechnik im Primula der Konzernmarke Autobianchi.
Skoda 1000 MB: Meilenstein in der Mittelklasse
Eine Klasse höher platzierte Skoda seinen 1000 MB, der nicht nur in Osteuropa als Meilenstein einer modernen Mittelklasselimousine gefeiert wurde. Mit innovativer Heckmotorentechnik – Skoda setzte als erster europäischer Hersteller auf Zylinderblockproduktion im Aluminium-Druckgussverfahren - und in verschiedenen Karosserieformen wurde der 1000 MB zu einem überraschenden Exporterfolg. Knapp die Hälfte der 27 kW/37 PS bis 32 kW/43 PS entwickelnden Vierzylindertypen wurde außerhalb des Heimatmarktes verkauft, dies sogar in Australien und Neuseeland. Auch in Deutschland fand der Skoda viele Fans, vor allem so lange er als billigster Viertürer verkauft wurde.
Insgesamt 3,5 Millionen Heckmotortypen liefen bei Skoda bis 1990 vom Band. Sogar noch länger wurden die Luxuslimousinen der tschechischen Marke Tatra durch im Heck platzierte Achtzylinder angetrieben. Im Jahr 1964 war es der neue Tatra 603-2, der als V8- Funktionärsauto für Furore sorgte, allerdings nicht offiziell nach Westeuropa exportiert wurde.
Hier waren es heiße Heckfeger im Kompaktformat, die erstmals zum Schrecken der etablierten Vollgaszunft wurden. Allen voran der neue Abarth OT 1600 im verspoilerten Kleinwagenkleid des Fiat 850. Seine 113 kW/154 PS soll genügt haben, um es in der Höchstgeschwindigkeit mit einigen doppelt so starken Ferrari aufzunehmen. Dann der kompakte Newcomer Renault 8 Gordini, dessen 70 kW/95-SAE-PS für 170 km/h gut waren, mehr als ein BMW 1800 in die linke Autobahnspur brannte. Schließlich der NSU Prinz 1000 als Vorbote des TT, der sogar manchem Porsche seine aufgestellte Heckklappe zeigte. Und der mit leichter Verzögerung nun in Serie gehende NSU Spider als weltweit erstes Auto mit Wankelmotor.
Nicht zu vergessen die Vorteile besserer Traktion für Sprint-Duelle, wenn der Motor seine Musik hinten spielte und sein Gewicht die angetriebene Hinterachse belastete. Andererseits konnten die Heckmotor-Modelle in jenen Jahren vor elektronischen Helferlein auf rutschigen Bahnen auch unberechenbar werden. Erst untersteuern, dann urplötzlich ausbrechen – die Gefahr war allgemein bekannt. Und ließ sich auch nicht durch Warner wie Ralph Nader bannen.
Nader bekämpfte den vermeintlich unsicheren Chevrolet Corvair. Dabei zählte dieser zugleich zu den Top-Ten amerikanischer Fahrzeuge, die damals Technik- und Designgeschichte schrieben. Mit Einzelradaufhängung, Turbomotoren und sachlich-schlichten Formen setzte der für amerikanische Verhältnisse kompakte Corvair einen Kontrapunkt zu allen technisch biederen und chrombeladenen Straßenkreuzern. Auch wenn er gewisse Defizite hatte, widerfuhr dem Chevy 1972 posthume Wiedergutmachung. Damals erklärte ein Weißbuch des US-Department of Transportation den Corvair mit Pendelachse für mindestens ebenso sicher wie die amerikanischen Wettbewerber.
Patentmotorwagen von Carl Benz mit Heckmotor
Heckmotorautos haben eben ihr besonderes Wesen – und das seit 1886. Schließlich baute bereits Carl Benz in seinem Patentmotorwagen das Kraftwerk an der Hinterachse ein. Eine Entwicklung, die 1964 ihren Höhepunkt erreichte. 35 Marken folgten damals der Technik, die eine Kardanwelle überflüssig machte. Ob Abarth, Alpine, Amphicar, Autobianchi, BMW, Chevrolet, Fiat, Fuldamobil, Goggomobil, Hillman, Matra-Bonnet, Mazda, Mitsubishi, Moretti, NSU, NSU-Fiat, Osi, Peel, Porsche, Ramses, Renault, Seat, Scootacar, Siata, Simca, Singer, Skoda, Steyr-Puch, Subaru, Tatra, Trojan, VW, Willys, Zagato, ZAZ: Sie alle hatten ein oder mehrere Modelle mit wasser- oder luftgekühlten Motoren an der Hinterachse im Angebot.
Ob der Heckmotor heute dank der elektronischen Assistenzsysteme vor einem Revival steht? Zwei neue Heckmotor-Modelle machen noch keinen Sommer, letztlich aber kennen die Antwort nur die Autokonstrukteure - und König Kunde.
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