Tarifverhandlungen In Wolfsburg wird es ungemütlich – roter Rauch steigt auf

Quelle: dpa 7 min Lesedauer

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Zum Auftakt der aktuellen Tarifrunde bei VW Pkw geben sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer kampfbereit. Überschattet werden die Gespräche vom Sparwillen des Autobauers. Welche Produktionsstandorte gefährdet sind und warum.

In Wolfsburg wird es ungemütlich. Die Belegschaft begehrt gegen die Sparpläne der Marke VW Pkw auf.(Bild:  Heiko Stumpe/IGM Wolfsburg)
In Wolfsburg wird es ungemütlich. Die Belegschaft begehrt gegen die Sparpläne der Marke VW Pkw auf.
(Bild: Heiko Stumpe/IGM Wolfsburg)

Begleitet von lautstarkem Protest gegen den Sparkurs des Konzerns haben bei Volkswagen die Tarifgespräche mit der IG Metall begonnen. Mehrere Tausend Beschäftigte protestierten vor dem Verhandlungsgebäude mit Trommeln, Sirenen und Trillerpfeifen gegen Sparpläne des Konzerns, Bengalfackeln hüllten den Platz vor dem Ort der Gespräche zeitweise in roten Rauch. Die IG Metall sprach von mehr als 3.000 Teilnehmern, darunter Beschäftigte aus Wolfsburg, Emden, Osnabrück und Zwickau.

„Zukunft statt Kahlschlag“ war auf einem Transparent zu lesen, „Verzicht hat uns noch nie geholfen“ auf einem anderen. Die Sparpläne von VW wurden mit lauten Buhrufen und Sprechchören quittiert. Teilnehmer sprachen sich gegenseitig Mut zu. „Ich glaube, die IG Metall macht das schon“, sagte die 23-jährige Auszubildende Josi Groß, die sich vor allem um die Übernahme nach der Ausbildung sorgt. VW hatte neben der Beschäftigungssicherung jüngst auch die Übernahmegarantie für seine Azubis aufgekündigt.

Beschäftigungssicherung „ist unverhandelbar“

VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo hält die Beschäftigungssicherung bei VW für „unverhandelbar“.(Bild:  Volkswagen)
VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo hält die Beschäftigungssicherung bei VW für „unverhandelbar“.
(Bild: Volkswagen)

Während VW auf Einsparungen bei den Personalkosten dringt, will die IG Metall Einschnitte verhindern. „Über Werksschließungen und Massenentlassungen ist mit uns nicht zu reden“, stellte Niedersachsens IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger vor den Verhandlungen klar. „Die Gleichrangigkeit von Beschäftigungssicherung und Wirtschaftlichkeit ist unverhandelbar“, erklärte VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo, die für die IG Metall mit am Verhandlungstisch sitzt.

VW dagegen bekräftigte seinen Sparkurs. „Wir müssen gemeinsam unser Unternehmen restrukturieren. Die Situation ist ernst“, sagte dagegen VW-Verhandlungsführer Arne Meiswinkel, Personalvorstand der Kernmarke Volkswagen, zum Verhandlungsauftakt. „Aufgabe ist es jetzt, tragfähige Lösungen zu finden.“ Zugleich dämpfte er die Hoffnung auf eine schnelle Einigung. „In der ersten Verhandlungsrunde wird es darum gehen, dass wir uns ein gemeinsames Bild über die Ausgangslage verschaffen.“

Tarifrunde vorgezogen

Die eigentlich erst für Ende Oktober geplante Tarifrunde war vorgezogen worden, nachdem VW seinen Sparkurs Anfang des Monats verschärft hatte. Statt nur über das Entgelt soll auch über die von VW gekündigte Beschäftigungssicherung verhandelt werden. Betroffen sind zunächst nur die rund 120.000 Beschäftigten in den sechs großen westdeutschen Werken, die unter den VW-Haustarif fallen. Bei VW Sachsen gelten eigene Regelungen. Auch dort hatte VW gestern allerdings die Beschäftigungssicherung aufgekündigt.

Die IG Metall forderte VW auf, endlich Details zu den angekündigten Sparplänen auf den Tisch zu legen. „Wir erwarten heute Antworten“, sagte Niedersachsens Bezirksleiter und Verhandlungsführer Thorsten Gröger vor dem Auftakt der Gespräche. „Bisher hat man uns da nur im Vagen gelassen.“ Der Konzern müsse endlich konkret erklären, was geplant sei. Erst danach könne man in ernsthafte Verhandlungen treten.

„Natürlich haben wir aktuell heftige Probleme aufseiten der Wirtschaftlichkeit“, sagte Cavallo. „Aber die löst man eben nicht, indem man Werksschließungen als Drohkulisse auffährt.“ Zudem, so Gröger, habe VW zuletzt „gar keine schlechten Gewinnzahlen“ ausgewiesen und hohe Dividenden an seine Aktionäre ausgeschüttet. Das zeige, dass es dort Spielräume gebe. An ihrer Forderung nach sieben Prozent mehr Lohn auch bei VW halte die IG Metall daher fest.

Sollte VW an seinen Plänen festhalten, so werde dies „auf den erbitterten Widerstand der Belegschaften bei Volkswagen stoßen“, kündigte Gröger an. „Wir stehen erst am Anfang einer Auseinandersetzung mit dem Unternehmen, die sich gewaschen hat.“ Ab 1. Dezember seien Warnstreiks möglich. „Wenn es nötig ist, dann stehen an Volkswagen-Standorten Zehntausende vor den Werkstoren und auf den Straßen.“

Die Werke von Volkswagen im Schnellcheck

Ein Sinnbild für die Krise bei VW ist die Überlegung der Konzernführung, dass einzelne Produktionsstandorte möglicherweise geschlossen werden. Das wäre eine völlig neue Dimension für den Autobauer, der ja zu einem Fünftel dem Land Niedersachsen gehört, das wiederum an der Beschäftigungssicherung interessiert ist. Doch wie sind die zehn Standorte in Deutschland bisher aufgestellt?

Wolfsburg:

Das VW-Stammwerk am Mittellandkanal gilt als größte zusammenhängende Autofabrik der Welt. Auf 6,5 Quadratkilometern erstrecken sich die Anlagen, rund 62.000 Mitarbeiter arbeiten am Stammsitz für VW. Gegründet wurden das Werk und die Stadt Wolfsburg 1938 für die Produktion des „KdF-Wagen“, aus dem später der VW Käfer wurde. Heute werden hier Golf, Tiguan und Touran gebaut. Mit zuletzt rund 500.000 Fahrzeugen Jahresproduktion ist der Standort aber nur zur Hälfte ausgelastet. Den Bau eines weiteren Werks für E-Autos in Wolfsburg hatte VW 2023 wieder abgeblasen.

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Hannover:

Hannover war 1956 das zweite deutsche Werk des Konzerns. Sechs Jahre zuvor war in Wolfsburg der erste VW Transporter vom Band gelaufen. Jetzt bekam der „Bulli“ seinen eigenen Standort. Der Transporter blieb bis zum Auslaufen der sechsten Generation Mitte 2024 das wichtigste Modell in Hannover. Heute entstehen hier der Multivan und der 2022 gestartete vollelektrische ID. Buzz. Der Standort hat rund 14.700 Mitarbeiter. Bereits seit 2020 wird Personal abgebaut – ohne Entlassungen, indem frei werdende Stellen nicht besetzt werden. 3.000 Arbeitsplätze fielen seither weg, weitere 2.000 sollen bis 2029 folgen.

Emden:

50 Jahre lang war das VW-Werk in Emden vor allem mit einem Modell verbunden: dem Passat, der hier ab 1974 vom Band lief. Zehn Jahre zuvor hatte VW den Standort in Ostfriesland eröffnet – vor allem wegen des Zugangs zum Hafen für den Export nach Übersee. Inzwischen wurde das Werk mit heute 8.600 Mitarbeitern zum reinen Elektro-Standort umgebaut. Mehr als eine Milliarde Euro hat VW dafür seit 2020 investiert. Statt des Passats werden hier jetzt ID.4 und ID.7 gebaut. Wegen der zuletzt schwachen Nachfrage nach E-Autos musste VW bereits zeitweise die Bänder stoppen.

Kassel/Baunatal:

Das Volkswagenwerk Kassel steht gar nicht in Kassel, sondern im nahen Baunatal. Der 1958 gegründete Standort ist heute das weltweit größte Komponentenwerk des Konzerns und mit 16.800 Mitarbeitern größter deutscher VW-Standorte nach Wolfsburg. Produziert werden Getriebe und Abgasanlagen für Verbrenner sowie die E-Motoren für die Elektro-Modelle. In einer eigenen Gießerei entstehen auch Teile für Karosserie und Fahrgestell. Zum Standort gehört zudem das größte Ersatzteillager Europas, das die Originalteile der Marken VW, Audi, Skoda und Seat weltweit vertreibt.

Braunschweig:

Das heutige Komponentenwerk in Braunschweig gilt als älteste VW-Fabrik überhaupt. Bereits vor dem Stammwerk in Wolfsburg lief hier 1938 die Herstellung von Werkzeugen für die künftige Autoproduktion an. Heute werden an dem Standort mit rund 7.200 Mitarbeitern unter anderem Achsen, Bremsscheiben und Lenkungen hergestellt. Die Produktion erfolgt verteilt auf drei Standorte in der Stadt. Zudem spielt Braunschweig eine wichtige Rolle bei der E-Mobilität: Hier entstehen seit 2013 aus angelieferten Zellen die Batteriesysteme, die dann in den E-Autos verbaut werden.

Salzgitter:

Die derzeit größte Baustelle des Konzerns befindet sich in Salzgitter: Direkt neben dem bestehenden Motorenwerk entsteht dort die erste eigene Batteriezellfabrik des Konzerns. 2025 soll die Produktion anlaufen, Salzgitter dann „vom Leitwerk Motor zum Leitwerk Zelle“ werden, wie VW ankündigte. Für den Standort mit heute 6.350 Mitarbeitern ist es bereits die zweite große Transformation.

Gegründet wurde das Werk 1970 für die Fertigung eines neuen VW-Modells, das sich dann aber nur mäßig verkaufte. Fünf Jahre später machte VW daraus ein Motorenwerk. 2023 wurden mehr als 800.000 Benzin- und Dieselmotoren hergestellt.

Osnabrück:

Der heutige VW-Standort blickt auf eine mehr als 100-jährige Tradition im Autobau zurück. Bereits 1901 übernahm Wilhelm Karmann hier ein Fahrrad- und Autowerk, ab 1949 baute die Firma als Auftragsfertiger Cabrios für VW. Als Karmann 2009 Insolvenz anmelden musste, übernahm Volkswagen den Standort. Zu verdanken war das nicht zuletzt dem Einsatz des damaligen Ministerpräsidenten und VW-Aufsichtsrats Christian Wulff (CDU). Heute fertigt der Standort mit 2.300 Mitarbeitern vor allem Fahrzeuge für die Konzernschwester Porsche: Boxster und Cayman. Das letzte VW-Cabrio – der offene T-Roc – läuft 2025 aus.

Zwickau:

August Horch legte hier vor 120 Jahren den Grundstein für die Marke Audi, zu DDR-Zeiten wurde in Zwickau der Kleinwagen Trabant gebaut. Nach der Wiedervereinigung zog VW am Stadtrand eine neue Fabrik hoch. Heute gilt sie mit rund 9.500 Beschäftigten als Leitwerk der E-Mobilität im Konzern. Dazu wurde die Autofabrik bis 2020 für rund 1,2 Milliarden Euro komplett auf Elektro umgestellt, als erste im Konzern. Der Standort leidet nun unter der schwachen Nachfrage nach E-Autos. Deswegen wurden bereits Schichten gestrichen und die Verträge Hunderter befristet Beschäftigter nicht verlängert.

Chemnitz:

Das Engagement von Volkswagen in Chemnitz begann schon vor der Wiedervereinigung. Bereits seit 1988 wurden hier in Lizenz VW-Viertaktmotoren für die DDR-Modelle Trabant, Wartburg und Barkas hergestellt. Das Ganze war vom damaligen VW-Konzernchef Carl Hahn eingefädelt worden, einem gebürtigen Chemnitzer. Nach der deutschen Einheit übernahm Volkswagen dann das Motorenwerk. Anders als Zwickau hängt der Standort noch komplett am Verbrenner. Im vorigen Jahr produzierten die 1.800 Mitarbeiter 690.000 Motoren – ausschließlich für Benziner.

Dresden:

Es ist der jüngste und zugleich kleinste VW-Standort: die „Gläserne Manufaktur“ in Dresden. Gegründet 2001 für das Oberklassemodell Phaeton war es ein Prestigeprojekt des damaligen Vorstandschefs Ferdinand Piëch. Doch 2016 zog VW angesichts sinkender Verkaufszahlen die Reißleine. Seither ringt die Manufaktur mit ihren 340 Mitarbeitern um eine neue Bestimmung. Seit Anfang 2021 wird der ID.3 montiert – in geringen Stückzahlen. VW denkt inzwischen offen über Ende der Fahrzeugfertigung in Dresden nach. Stattdessen könnte Dresden zum reinen Auslieferungszentrum neben der Autostadt in Wolfsburg werden.

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