Mehr noch als am Oldtimer-Kalender hängt das Geschäft für West Coast Shipping aber am Dollarkurs. Denn je günstiger die Währung, desto günstiger die Preise. Vom besseren Zustand der Fahrzeuge aus sonnenverwöhnten Schönwetterstaaten wie Kalifornien oder Arizona einmal ganz abgesehen. Kein Wunder also, dass Shibarshin nervös nach Washington schaut „Bislang hat sich der Regierungswechsel auf unser Geschäft noch nicht ausgewirkt“, sagt Shibarshin. „Aber natürlich sind wir gespannt, wie sich die Handelsbeziehungen entwickeln.“
Aktuell sind die Preise noch immer ziemlich gut, sagt Shibarshin und Autos wie die verschiedenen Generationen des Mercedes SL, der VW T1 oder der Karman Ghia sind zum Teil viele tausender billiger als Europa. Und US-Muscle Cars kauft man ohnehin am besten in Amerika. Dass dann noch einmal 1.300 Dollar für den Transport dazu kommen, fällt da bei Sammlerstücken wie einem Flügeltürer oder einem alten Mustang kaum mehr ins Gewicht. Entscheidend für die Transportspesen sind aber allein das Gewicht das Format des Fahrzeugs. Ob der Wert bei zehntausend oder zehn Millionen liegt, spielt dagegen keine Rolle. „Auto ist Auto und jedes ist uns gleich wichtig,“ sagt Shibarshin.
Auch Rostlauben und Totalschäden
Das erfordert allerdings eine Toleranz, die für Besucher nur schwer nachzuvollziehen ist. Denn zwischen den ganzen Traumwagen auf dem Hof stehen auch Unfallfahrzeuge und Rostlauben, bei denen bereits der Materialwert die Transportkosten übersteigen dürfte. Warum jemand partout den komplett ausgebrannten Porsche Turbo exportieren will, die Fragmente eines himmelblauen VW Bus oder einen BMW i3 mit Totalschaden?
Shibarshin denkt da lieber nicht drüber nach. Sondern er fragt sich nur, wie er das Zeug heil in den nächsten Container bekommt. „Auto ist Auto“, wiederholt der Marketing-Mann und sieht zufrieden zu, wie behutsam seine Mitarbeiter das Frachtgut mit dem Gabelstapler über die Rampen bugsieren und in die Container schieben, bevor aus Holz spezielle Halterungen maßgefertigt werden, damit auch bei schwerem Seegang nichts verrutscht. Für Shibarshin sind die Rostlauben und Traumwagen Waren wie alle anderen auch und ihr Umschlag etwa so ereignisreich wie der Transport von Kunstdünger oder Dosenobst.
Keine Räuberpistolen
Klar ist bei den Autos auch mal eines von zweifelhafter Herkunft und bisweilen legen die Polizei oder Zoll ihr Veto ein, weil die Herkunft nicht geklärt werden kann. Aber Schmugglerware im Handschuhfach oder Mordopfer im Kofferraum, solche Vermutungen verweist Shibarshin ins Reich der Phantasie. Vielmehr seien die Auftraggeber in der Regel seriöse Sammler und keine windigen Geschäftemacher, die brav ihre Rechnungen bezahlen und einfach nur auf ihre Autos warten.
Selbst wenn das den Job etwas langweiliger macht, ist Shibarshin dafür natürlich froh und dankbar, weil ihm das jede Menge Scherereien erspart. Doch wenn er so über seinen Hof flaniert und zwischen den Traumwagen der letzten 70 Jahre wandelt, wünscht er sich heimlich schon manchmal, dass einer der Kunden pleiteginge und seinen Traumwagen nicht mehr in Empfang nehmen könnte, gesteht er mit einem schelmischen Grinsen: „Ich wüsste schon, wer sich solcher Autos dann annehmen könnte.“
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